Oerlinghausen. Gerade erst ist der Bielefelder Künstler Jürgen Heinrich mit einem der zwölf Sterne des Jahres der Neuen Westfälischen ausgezeichnet worden, da trifft er erneut auf einen der weiteren Sterneträger. Auch Andreas Beaugrand, künstlerischer Leiter des Kunstvereins Oerlinghausen, gehört zu den Geehrten. Er führte jetzt in die Ausstellung "Nachtbilder" ein.
Drei gläserne Vitrinen stehen verteilt im Raum der Alten Synagoge. Die Besucher beugen sich hinunter, um kurze oder längere Texte in kleinen Heften oder auf Notenblättern, geschrieben zum Teil von Hand, aufgeklebte Blüten und Skizzen zu betrachten. Wer die Treppe hinuntergeht, stößt auf fünf kleine Skulpturen. "Die Geister, die ich rief", hat Jürgen Heinrich sie genannt. Mit ihnen, erzählt der 57-Jährige, habe alles angefangen.
Hauptsächlich nachts malt der gebürtige Oberfranke. Von der Ruhe, die ihn dabei umgibt, erzählt er, von "der samtenen, weichen Art", die er spürt. Auf der anderen Seite aber eben auch von besagten Geistern, "die einen nicht nur angenehm berühren". Aus diesen beiden Polen sind seine "Nachtbilder" entstanden. Schwarz ist die Grundfarbe der großformatigen Arbeiten. Mit goldener Schrift ist etwa "Notturno" zu lesen, auf drei weiteren helleren Bildern das Wort Kompass. "Sie stehen nicht nur für die Himmelsrichtungen, sondern ach für die innere Orientierung."
Jürgen Heinrich leitet seit dem Jahr 2007 das Haus Lydda in Bethel, eine Kunstakademie für Menschen mit Handicap. Sein Beruf führt Heinrich in die Grenzbereiche menschlichen Lebens und die Bereiche zwischen Kunst, Literatur und Philosophie. All das findet Ausdruck in seinen Arbeiten. "Abstrakt, aber sehr ausdrucksvoll", das ist der erste Eindruck von Sigrid Mai. Andreas Beaugrand liest passend zum Thema einen Text von Wolfgang Borchert: "Nachts schlafen die Ratten doch." Und er fügt am Ende noch diese Zeilen an: "Wenn Ihr nicht nein sagt, Mütter, kommt wieder ein neuer Krieg."
Beaugrand nutzt angesichts der Geschehnisse in den vergangenen Wochen und Tagen die Gelegenheit, einen Appell an die mehr als 60 Besucher zu richten, sich für Frieden und Freiheit einzusetzen, sich Populisten und ewig Gestrigen entgegen zu stellen. Der künstlerische Leiter schlägt dann die Brücke zur Gruppe "Tatuntat" mit Cellist Willem Schulz aus Melle, Anna Bella Eschengerd aus Schloß Holte-Stukenbrock und Marcus Beuter aus Bielefeld. In einer freien Improvisation kleidet das seit dem Jahr 2008 bestehende Trio Umweltgeräusche in ein wirkungsvolles Spiel, dem die Zuschauer aufmerksam folgen.
Die Ausstellung von Jürgen Heinrich ist noch bis zum 19. April in der Alten Synagoge zu sehen. Und zwar jeweils zu den Öffnungszeiten donnerstags, samstags und sonntags von 15 bis 17 Uhr sowie sonntags von 11 bis 13 Uhr und nach Vereinbarung. Am 19. März findet ab 18.30 Uhr das Kunstgespräch am Donnerstag zur Ausstellung statt. Am Donnerstag, 26. März, machen sich junge Kunstentdecker ab 16 Uhr mit Dorothee Sommer auf die Seh-Reise.
In der Zeit vom 10. bis zum 13. April wird es von 15 bis 18 Uhr ein offenes Atelier geben. Jürgen Heinrich wird dann vor Ort in der Synagoge arbeiten und hofft auf viele Begegnungen. Am Sonntag, 19. April, von 17 bis 18 Uhr gibt es ein Konzert mit Nacht-Imaginationen.