Rechtsanwalt Roman von Alvensleben vertritt ein zehnjähriges Mädchen im Fall Lügde. - © Jannik Stodiek
Rechtsanwalt Roman von Alvensleben vertritt ein zehnjähriges Mädchen im Fall Lügde. | © Jannik Stodiek

Sexualverbrechen Lügde Opferanwalt im Fall Lügde: "Die Akte ist am Stück nicht zu ertragen"

Von Alvensleben über die Folgen des Missbrauchs den anstehenden Prozess

Janet König
11.06.2019 | Stand 11.06.2019, 22:27 Uhr

Lügde/Hameln. Rechtsanwalt Roman von Alvensleben aus Hameln vertritt im Missbrauchsfall Lügde das Mädchen, das mit seiner Aussage die Ermittlungen gegen den Dauercamper Andreas V. nach Jahrzehnten des Missbrauchs ins Rollen gebracht hat. Im Sommer 2018 soll der 56-Jährige die inzwischen zehn Jahre alte Freundin seines Pflegekindes missbraucht haben. Im Interview spricht von Alvensleben über Folgen des Missbrauchs, das perfide Spiel des Täters und den anstehenden Prozess. Herr von Alvensleben, durch die Aussage Ihrer Mandantin konnte Andreas V. letztendlich gestoppt werden… Roman von Alvensleben: Das ist richtig. Trotzdem müssen wir heute schmerzlich erkennen, dass er diese Taten schon seit 30 Jahren begeht und der Missbrauch schon viel früher hätte verhindert werden können. Es gibt so viele Opfer, die heute erwachsen sind und immer noch leiden, das hätte alles nicht sein müssen, wenn sich vorher jemand getraut hätte. Andreas V. hatte seine Opfer mit einem System aus Belohnungen und Drohungen unter Kontrolle. So konnte er mindestens 23 Kinder missbrauchen. Was macht sexueller Missbrauch mit der Seele eines Kindes? Von Alvensleben: Die Realität wird anders, die Wahrnehmung, die Freude, die vielleicht gar nicht mehr da ist... Ich habe von meiner Mandantin die Mitteilung bekommen, dass sie sich absichtlich mit dem Messer schneidet. Manche Menschen tragen den Missbrauch tief in sich und kommen da gar nicht mehr raus, als würde man einen Kokon darum schnüren. Bei einem Tötungsdelikt lebt man nicht mehr, Kinder müssen das ihr Leben lang mit sich rumtragen. Vielleicht auch, weil sie keine Traumatherapie bekommen oder es zu lange dauert, bis sie eine machen können. Im Fall Lügde soll bisher keines der geschädigten Kinder eine Therapie gemacht haben. Warum nicht? Von Alvensleben: Man darf natürlich alles, die Eltern haben das selber zu entscheiden, was sie ihren Kindern noch zumuten können. Eine unbefleckte Suggestion, die nur das Erlebte wiedergibt, ist als Aussage im Prozess brauchbarer. Wenn Therapeuten mit der Aufarbeitung beginnen, werden die Kinder auch mit Situationen konfrontiert und das kann natürlich die Erinnerung an das Erlebte verfälschen. Am besten ist, wenn eine Aussage frei von irgendwelchen Suggestionen ist. Gilt das auch für die Vernehmungen? Wie oft ist Ihre Mandantin vernommen worden? Von Alvensleben: Drei Mal, davon zwei Mal in Bad Pyrmont – und beide nicht kindgerecht. Man kann ein Kind nicht einfach an den Tisch setzen, mit einer Lampe anstrahlen wie im "Tatort" – und alles am besten noch in Uniform. Natürlich wird das Kind dadurch verunsichert. So etwas muss einfühlsam geschehen, mit einer sozialtherapeutischen Verdachtsaufklärung. Die Ermittler müssen Vertrauen aufbauen. Optimal ist es, wenn die Befragung mit einem Richter läuft und mit Kamera aufgenommen wird, dann zählt die Aussage auch vor Gericht. Zwischen der Aussage Ihrer Mandantin und der Inobhutnahme des Pflegekindes liegt ein Zeitraum von vier Wochen… Von Alvensleben: Vier Wochen, in denen wahrscheinlich noch viel Schlimmes passiert ist, wenn man so drauf ist wie Andreas V., der fast täglich Kinder missbraucht hat. Warum hat es so lange gedauert? Von Alvensleben: Ich glaube, der Umgang mit Missbrauchsfällen ist einfach nicht ausreichend geschult. Man hätte gleich erkennen müssen, dass es noch weitere Verdachtsmomente gab. Da fehlt die Rückkopplung mit dem Jugendamt, das ja schon Hinweise auf Pädophilie in der Akte stehen hatte. Wenn man die Infos hat, muss direkt am nächsten Tag der Zugriff erfolgen, nicht erst nach einem Monat. Es geht hier um Kinder, die beschützt werden müssen. Und die Verantwortlichen, die dafür zuständig waren, haben hier in meinen Augen versagt. Sie waren auch der erste, der die Behörden verklagen wollte... Von Alvensleben: Da bin ich nach wie vor Ansprechpartner. Das System von Andreas V. war immer ähnlich, er hat mit seinem Pflegekind und auch schon anderen Kindern davor menschliche Köder erschaffen. Wenn der Landkreis Hameln-Pyrmont dann 2017 eine Pflegestelle einrichtet, Hinweise auf Pädophilie ausheftet und andere vom Jobcenter, Kinderschutzbund, Familienvater ignoriert... dann begeht man aus meiner Sicht eine Amtspflichtverletzung und sogar mehr. Das ist fahrlässig, wenn nicht sogar bedingt vorsätzlich. Dann wäre das Jugendamt so etwas wie ein Mittäter. Was ist mit der Rolle der Polizei? Von Alvensleben: Schuld haben wir alle. Weil wir nicht erkennen, dass das System fehlerhaft funktioniert. Der fehlende Informationsfluss ist der Buhmann - es fehlt die richtige Vernetzung zwischen Jugendamt und Polizei. Wenn der eine Andreas V. ins System eingibt, müsste beim anderen schon automatisiert die rote Lampe aufleuchten. Aber für die Kinder sind wir alle Buhmänner. Weil kein Erwachsener es verhindern konnte. Immer mehr Fehler sind öffentlich geworden. Was hat Sie am meisten schockiert? Von Alvensleben: Am meisten schockiert der Missbrauch an sich. Dass ein Koffer mit Beweismitteln aus den Räumen der Polizeibehörde verschwindet und der Fall immer noch nicht aufgeklärt ist, ist genauso unglaublich. Dazu kommt der vergessene Schuppen auf dem Campingplatz, auch wenn er letztendlich nicht mehr für die Überführung von Andreas V. oder das Strafmaß relevant ist. Auf den verschwundenen CDs lagern womöglich Schicksale von Kindern, darüber lässt sich nicht einfach hinwegwischen. Da schäme ich mich als Organ der Rechtspflege mit. Wie bereiten Sie Ihre Mandantin auf den anstehenden Prozess vor? Von Alvensleben: Seit 2017 hat der Gesetzgeber dafür ein gutes Instrument, das ist die psychosoziale Prozessbegleitung. Die übernehmen ganz viel und entlasten die Anwälte, indem sie grundlegende Fragen klären. Wie sieht es vor Ort aus? Wer sitzt wo im Saal? Was passiert? All das wird in Angriff genommen. Welche Funktion ist dabei besonders wichtig? Von Alvensleben: Die Prozessbegleitung tritt ein wenig an die Stelle der Eltern, weil die auch immer irgendwie beeinflussen. Man hat den unausgesprochen Vorwurf des Kindes: Du hast mich nicht beschützt. Und den Vorwurf der Mutter an sich selbst: Ich konnte dich nicht beschützen. Die heile Welt ist zusammengebrochen. Das ist zermürbend – auch im Prozess. Wie belastend ist es für Kinder, vor Gericht aussagen zu müssen? Von Alvensleben: Es ist das schlimmste, was ihnen noch widerfahren kann – am besten noch im Sitzungsaal mit allen Beteiligten, drei Verteidigern, vierzehn Vertretern der Nebenklammer, dazu Strafkammer und Staatsanwälte. Mittlerweile sind Videovernehmungen möglich, aber ob das in Detmold der Fall sein wird, weiß ich nicht. Falls nicht, könnten die Angeklagten zumindest rausgeschickt werden. Wir hoffen aber weiterhin auf ein Geständnis… Sie haben die Ermittlungsakten gelesen. Was macht das mit Ihnen? Von Alvensleben: Ich denke, dass alle, die in irgendeiner Form mit diesem Fall zu tun haben, nachher andere Menschen sein werden. Weil in ihrer Seele irgendwas verändert ist. An uns Vertretern der Nebenklage, aber auch an den Verteidigern geht der Inhalt der Akten nicht spurlos vorbei. Man hat in diesem Job mit schlimmen Dingen zu tun, aber selbst Obduktionsberichte wirken harmloser. Die Akte ist an einem Stück nicht zu ertragen. Ich habe selbst eine zwölfjährige Tochter. Wenn man sich vorstellt, was den Kindern angetan wurde, was sie sich teilweise untereinander antun mussten, dann wird einem nur schlecht. Es sind inzwischen viele Details an die Öffentlichkeit gelangt. Wie ist Ihre Meinung dazu? Von Alvensleben: Ich finde das Aufklärungsinteresse der Medien generell gut, weil es dazu beiträgt, dass so etwas nicht noch einmal passieren kann. Der ganze Fall zeigt, dass alle Behörden nicht wissen, wie man mit Kindesmissbrauch umgeht. Was meinen Sie damit? Von Alvensleben: Die Jugendämter wissen nicht, wie es Meldungen behandeln sollen, die Polizei weiß nicht, wie sie richtig vernehmen muss, die Menschen wissen nicht, wie sie Missbrauch erkennen können oder wollen ihn nicht erkennen… Das ist ein gesellschaftliches Problem. Also ist es in Ordnung, Inhalte aus den Akten zu veröffentlichen? Von Alvensleben: Es geht einfach zu weit. Wenn ich als Opferanwalt die Anklageschrift noch nicht in den Händen halte, während sie schon über die Medien verbreitet wird, mit Inhalten, die die Opfer erneut verletzen, weil sie das zwangsläufig mitbekommen, dann muss ich mich sehr wundern. Ganz davon ab, dass es verboten ist, Akten weiterzugeben. Das grenzt an Voyeurismus. Die Anklagen der drei Hauptbeschuldigten sollen zusammengelegt werden. Ist das in Ihrem Sinne? Von Alvensleben: Auf jeden Fall sollte alles in einem Rutsch verhandelt werden. Bloß keinen zweiten Prozess, damit die Kinder möglicherweise nochmal aussagen müssen. Es gibt Opfer, die haben Wochen auf dem Polizeirevier verbracht und sind sechs bis sieben Mal vernommen worden, das ist nicht verhältnismäßig. Drei Monate sind bisher für den Prozess angedacht. Halten Sie das für realistisch Von Alvensleben: Ich weiß nicht, ob das reicht. Ich würde aber ungern ein ganzes Jahr dort sitzen und mich immer wieder mit diesem Dreck befassen. Wenn es Geständnisse gäbe, dann wäre es realistisch - möglicherweise brauchen wir dann noch nicht mal so lange. Aber das ist Sache der Vorsitzenden, wie sie die Verhandlung gestaltet. Sollten Sie sich von den beschriebenen oder ähnlichen Lebensumständen betroffen fühlen, kontaktieren Sie bitte die Telefonseelsorge. Unter der kostenlosen Hotline 0800-1110111 oder 0800-1110222 erhalten Sie 24 Stunden am Tag Hilfe und Beratung.

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