Abgesperrt: Der Campingplatz in Lügde. Hier sollen 23 Kinder missbraucht worden sein. - © dpa
Abgesperrt: Der Campingplatz in Lügde. Hier sollen 23 Kinder missbraucht worden sein. | © dpa

Sexualverbrechen in Lippe Mindestens 29 Opfer bei Kindesmissbrauch auf Campingplatz

Schlimmer Verdacht: Für den Dreh von Kinderpornos sollen drei Männer in Lippe Kinder missbraucht haben. Sie sind in Haft. Die Staatsanwaltschaft informiert über den Ermittlungsstand

Lügde/Detmold. Unfassbares soll sich auf einem Campingplatz in Elbrinxen zugetragen haben. Ein 56-jähriger Mann aus Lügde und zwei weitere Täter sollen über mehrere Jahre hinweg mindestens 29 Kinder im Alter zwischen vier und 13 Jahren missbraucht haben. Darunter ist auch ein inzwischen achtjähriges Pflegekind, das bei dem Mann lebte. Bei einer Pressekonferenz haben Polizei und Detmolder Staatsanwaltschaft nun nähere Informationen bekanntgegeben. Das Medieninteresse ist gewaltig. Gegen die drei Männer wird wegen schweren sexuellen Missbrauchs ermittelt. Daneben geht es auch um die Herstellung und Verbreitung kinderpornografischer Dateien: Die Kinder seien für den Dreh von Kinderpornos missbraucht worden, so heißt es.  Laut Staatswanwältin Jacqueline Kleine-Flaßbeck handelt es sich bei den mutmaßlichen Haupttätern um einen 56-jährigen Camper aus Lügde, einen 33-jährigen Steinheimer und einen 48-Jährigen aus Stade. 13.000 Dateien mit kinderpornographischen InhaltenEs sind bisher insgesamt 13.000 Dateien mit kinderpornografischen Inhalten sichergestellt worden. Die Polizei hat mittlerweile 29 Opfer identifiziert, die sexuell missbraucht wurden. Sie sollen alle zwischen 4 und 14 Jahre alt sein. Die Zahl ist laut Ermittlungsleiter Guntmar Weiß keine abschließende. Die Ermittler gehen außerdem von mehr als 1.000 Einzeltaten aus, so der Leiter der Ermittlungskommission Camping, Gunnar Weiß. „Wir haben noch einen Haufen Arbeit vor uns", sagte Weiß. Der Tatzeitraum erstreckt sich offenbar von 2008 bis Dezember 2018. Die Opfer sollen zum Großteil aus dem Umfeld des Campingplatzes kommen. Der mutmaßliche Haupttäter, der dauerhaft auf dem Campingplatz lebte, soll Ausflüge auf dem Campingplatz organisiert haben, um in Kontakt mit Kindern zu kommen. Seit dem Jahr 2016 hatte der Mann zudem ein Pflegekind in seiner Obhut. Das achtjährige Mädchen soll mit dem 56-Jährigen in keinem verwandtschaftlichen Verhältnis stehen. Der mutmaßliche Täter soll gegenüber Mitcampern angegeben haben, das Kind sei die Tochter einer Bekannten. Noch immer bleibt unklar, warum die Mutter des Mädchens ihr Kind in der Obhut des 56-Jährigen ließ. Die Ermittler beschreiben das Verhältnis von Mutter und 56-Jährigem als Bekanntschaft. Das Jugendamt war offenbar 2016 vor Ort und hat eine Kindeswohlgefährdung ausgeschlossen. Ein Vater hatte zuvor einen Verdacht ans Jugendamt gemeldet. Die Ermittlungskommission "Camping" ermittelt auch, ob ein strafrechtlich relevantes Fehlverhalten der Behörden vorliegt. Sowohl das Jugendamt des Kreises Lippe als auch des Kreises Hameln/Bad Pyrmont waren involviert. Die Mutter stammt demnach aus dem Nachbarkreis. Kreis Lippe bietet Beratungstelefon an Bereits Ende 2016 sei beim Jugendamt Kreis Lippe eine Kindeswohlgefährdung angezeigt worden. Diese Anzeige habe sich auf den Verdacht der Verwahrlosung eines Kindes bezogen – nicht eines möglichen Missbrauchs. Darauf weist der Kreis Lippe in einer Stellungnahme hin. Das Jugendamt des Kreises Lippe habe umgehend die Situation vor Ort überprüft. Die Einschätzung der Mitarbeiter habe ergeben: Das Kind lebte in keinem verwahrlosten Umfeld, sodass das Jugendamt das Kind nicht in Obhut nahm. Der Fall wurde an die zuständige Behörde in Hameln-Pyrmont weitergeleitet, mit der Bitte, die Unterbringung des Kindes zu überprüfen. Die Zuständigkeit sei nach Hameln gefallen, da die Mutter in dem Landkreis wohnt. Das Kind sei Ende 2018 in einer Bereitschaftspflegefamilie im Kreis Lippe untergebracht worden. Die zuständige Behörde in Hameln-Pyrmont wurde ebenfalls in Kenntnis gesetzt, das Jugendamt dort übernahm schließlich auch die Obhut des Kindes. Nach Bekanntgabe des Ermittlungsstandes bietet der Kreis Lippe jetzt auch ein Beratungstelefon an, um passende Ansprechpartner zu vermitteln. Das Beratungstelefon ist von Montag bis Freitag von 9 bis 18 Uhr unter Tel. 05231-621633 erreichbar. Dort meldeten sich nach der Pressekonferenz am Mittwoch schon zahlreichen Menschen. Nach Informationen der Staatsanwaltschaft stieg die Zahl der mutmaßlichen Opfer auf inzwischen mindestens 29. Zunächst waren nur 23 Opfer identifiziert worden.

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