In der Praxis: Hebamme Doris Meier mit Puppe Lisa, die sie in ihren Kursen zu Demonstrationszwecken nutzt. Im Hintergrund sind die Klangschalen für ihre Massagebehandlungen zu sehen. Mit diesem Angebot hat sie sich ein weiteres Standbein geschaffen. - © Mathias Brüggemann
In der Praxis: Hebamme Doris Meier mit Puppe Lisa, die sie in ihren Kursen zu Demonstrationszwecken nutzt. Im Hintergrund sind die Klangschalen für ihre Massagebehandlungen zu sehen. Mit diesem Angebot hat sie sich ein weiteres Standbein geschaffen. | © Mathias Brüggemann

Höxter/Bad Driburg Eine Hebamme benennt die Probleme ihres Berufsstandes

Doris Meier berichtet aus ihrem Arbeitsalltag und nennt Ursachen, warum der Beruf an Attraktivität eingebüßt hat.

Mathias Brüggemann

Höxter/Bad Driburg. Der Personalengpass in der Geburtshilfe des St.-Ansgar-Krankenhauses in Höxter sorgt weiterhin für Diskussionen. Die Klinik bemüht sich fieberhaft um zusätzliche Hebammen, doch der Arbeitsmarkt scheint wie leer gefegt zu sein. Warum ergreifen immer weniger Frauen den Hebammen-Beruf oder geben ihren Job auf? Doris Meier, seit 35 Jahren Hebamme in Bad Driburg, beschreibt im Gespräch mit nw.de ihren Arbeitsalltag und nennt mögliche Ursachen für den Attraktivitätsverlust des Berufs. Fast 25 Jahre lang war Doris Meier als Hebamme im St.-Josef-Hospital der Kurstadt tätig. Als zum 31. Dezember 2007 dort die Geburtshilfe-Abteilung aufgegeben wurde, musste sich die damals 47-Jährige umorientieren. „In eine große Klinik wollte ich nicht wechseln. Ich entschied mich daher für die Selbstständigkeit", erzählt sie. 8,50 Euro Stundenlohn Doch schnell musste sie erkennen, dass sie von der Hebammen-Tätigkeit allein nicht leben konnte. „Irgendjemand hat mal ausgerechnet, was eine freiberufliche Hebamme im Schnitt verdient und ist auf einen Stundenlohn von 8,50 Euro gekommen. Dafür kriegt man keine Putzfrau", sagt die Driburgerin. „Die Wertschätzung für unseren Beruf drückt sich nun mal leider nicht in Zahlen aus". Mit Babyschwimmkursen, Wassergymnastik und Klangmassagenbehandlungen hat sie sich zusätzliche Standbeine geschaffen. „Sonst könnte ich nicht existieren." Die Kurse seien immer voll, freut sie sich über die gute Resonanz. Dafür begleitet Doris Meier keine Geburten mehr. „Das ginge auch gar nicht. Was sollte ich denn machen, wenn ich gerade im Wasser stehe und das Telefon klingelt, weil eine Geburt kurz bevorsteht?" Auch Geburtsvorbereitungskurse gibt sie nicht mehr. Ihre Hebammen-Tätigkeit beschränkt sie auf regelmäßige Sprechstunden und Nachsorge-Besuche bei jungen Müttern. Die schlechten Verdienstmöglichkeiten sind es, die nach Ansicht von Doris Meier viele abschrecken, als selbstständige Hebamme zu arbeiten. „Die Gebühren müssten dringend angehoben werden", meint sie. Zwar würden die Gebühren immer mal wieder angepasst, „meist sind das aber nur Cent-Beträge". Versicherungsbeiträge sind drastisch angestiegen Und dann sind da noch die horrenden Versicherungsbeiträge für die Berufshaftpflicht, die in den vergangenen Jahren drastisch angestiegen sind. „Als ich als freiberufliche Hebamme angefangen habe, habe ich 120 Euro im Jahr bezahlt. Jetzt sind es 600 Euro." Noch schlimmer treffe es ihre Kolleginnen, die Geburten begleiten. „Die haben vor zehn Jahren 600 Euro gezahlt. Heute müssen sie 6.000 Euro aufbringen." Finanziell besser gestellt seien die festangestellten Hebammen. „Aber da sind es die Arbeitsbedingungen, die viele abschrecken", weiß Doris Meier. Die meisten Hebammen seien in den Kliniken als Teilzeitkräfte angestellt, müsste aber häufig wie Vollzeitkräfte arbeiten. Massenhaft Überstunden türmen sich auf. „Hebammen müssen sich oft um drei oder vier Schwangere gleichzeitig kümmern. Und nebenbei die Wochenbettbetreuung ausführen und CTGs (CTG sind Wehenschreiber, Anmerkung der Redaktion) schreiben. Man müsste wenigstens auf eine 2:1-Betreuung kommen. Ideal wäre natürlich eine 1:1-Betreuung", sagt sie. Viele wechseln den Beruf Viele Hebammen würden den Stress nicht mehr mitmachen und ihren Beruf an den Nagel hängen. Von ihren neun Kolleginnen, mit denen sie seinerzeit im Bad Driburger Krankenhaus gearbeitet hatte, würden neben ihr nur zwei weitere noch als Hebammen tätig sein. „Die anderen haben den Beruf gewechselt." Dringend müsste sich etwas verändern, meint Doris Meier. Sie hat aber wenig Hoffnung: „Wir sind einfach zu Wenige. Uns hört keiner. Wir haben keine Lobby." „Und dennoch würde ich diesen Beruf wieder ergreifen. Weil ich jeden Tag sehe, wie wichtig meine Arbeit ist und wie sie den Frauen guttut", sagt sie. Und es klingt fast ein wenig trotzig.

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