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Dirk Schitthelm, Vorsitzender der Bürgerinitiative Widuland auf dem Bahnhof Löhne. - © Ulf Hanke
Dirk Schitthelm, Vorsitzender der Bürgerinitiative Widuland auf dem Bahnhof Löhne. | © Ulf Hanke

Löhne/Bad Oeynhausen Zweifel an zusätzlicher ICE-Trasse auf der Nordbahn

Die Bahn prüft „stellenweise neue Gleise“ zwischen Bielefeld und Hannover. Die Bürgerinitiative Widuland findet dagegen, Tempo 300 und neue Schienen sind unnötig.

Ulf Hanke
20.03.2021 | Stand 19.03.2021, 16:26 Uhr

Löhne/Bad Oeynhausen. Gutachter der Deutschen Bahn nehmen seit Anfang März die Schienenwege im Norden des Werretals unter die Lupe. Die Bahn will herausfinden, ob auf den bestehenden Gleisen künftig superschnelle Züge in 31 Minuten von Bielefeld bis Hannover rollen können. Für den Vorsitzenden der Bürgerinitiative Widuland, Dirk Schitthelm, ist das die falsche Frage.

Beim Besuch im Werretal stellt Schitthelm klar: „Wir sind für eine attraktive Bahn. Und nicht für eine, die mit Tempo 300 an der Region vorbeirast." Der Unternehmer, der in Exter das Betonsteinwerk Bewex führt, ist zum Südeingang des Löhner Bahnhofs gekommen und hat ein orangenes Dreieck mitgebracht. Es ist das Zeichen der Bürgerinitiativen, die sich gegen den Neubau einer Schnellstrecke quer durchs Weserbergland und das Ravensberger Hügelland einsetzen.

Das Dreieck steht "für eine attraktive Bahn", sagt Dirk Schitthelm, Vorsitzender der Bürgerinitiative Widuland, auf dem Bahnhof Löhne. - © Ulf Hanke
Das Dreieck steht "für eine attraktive Bahn", sagt Dirk Schitthelm, Vorsitzender der Bürgerinitiative Widuland, auf dem Bahnhof Löhne. | © Ulf Hanke

Schitthelm sucht Anschluss in der Eisenbahnerstadt und in der Kurstadt Bad Oeynhausen. Anschluss zu Menschen, die sich wie der Verein Widuland für pünktlichen, zuverlässigen Zugverkehr stark machen – und die gegen die womöglich mehrere Milliarden Euro teuren Hochgeschwindigkeits-Pläne quer durch die Landschaft aktiv werden wollen.

Gewaltige Brücken und Tunnel

In der Nachbarschaft ist die Empörung über die Neubaupläne groß. Sollte die Schnellfahrtstrecke tatsächlich so gebaut werden, wie sie in einer Variante der Machbarkeitsstudie des Bundesverkehrsministeriums dargestellt wird, wären Exter und Vlotho nicht mehr wiederzuerkennen. Gewaltige Brücken und Tunnel würden die Hügellandschaft zerschneiden. Dann hätte Exter zwar Gleisanschluss, die Züge würden aber natürlich nicht anhalten, sondern mit Tempo 300 durchfahren. Bei diesen Aussichten ist es leicht, Mitstreiter zu finden.

Entlang der Nordbahn in Löhne und Bad Oeynhausen ist das Interesse bisher mau. Ein paar Züge mehr oder weniger locken vermutlich niemanden hinterm Ofen hervor. Doch wo die Hochgeschwindigkeitsstrecke gebaut wird, ist noch nicht ausgemacht. Sollten tatsächlich irgendwann einmal ICEs mit Tempo 300 durch Vlotho und Exter heizen, ist das für die Menschen dort bedauerlich, aber wäre dann nicht auf der Nordbahn Platz für besseren Nahverkehr?

„Das glaube ich nicht", sagt Dirk Schitthelm. Die paar ICEs, die dann nicht mehr auf der Nordbahn fahren, würden nicht wirklich Platz machen für mehr Nahverkehr. Und umgekehrt wäre eine neue Hochgeschwindigkeitsstrecke abseits der Nordbahn wohl nicht ohne weiteres für den Güterverkehr nutzbar – auch wenn das angeblich eines der Planungsziele der Bahn ist. Nach Einschätzung von Schitthelm würden die Güterzüge wohl vor allem weiter über die alte Strecke rumpeln.

Der Widuland-Vorsitzende macht sich stattdessen für eine „robuste Variante statt einer Prestigestrecke" stark und verweist auf Alternativen: Wenn der Deutschlandtakt nur geringfügig an die Wirklichkeit angepasst werden würde, müsste niemand eine Tempo-300-Strecke durch Ostwestfalen-Lippe bauen. Dann könnten die Züge weiter durch OWL mit einer Spitzengeschwindigkeit von bis zu 160 Kilometern pro Stunde rollen. Schneller darf hier derzeit nicht gefahren werden.

Planungsziele veröffentlicht

Allerdings wird im „Planungsdialog" der Bahn mit 160 Teilnehmern bisher nicht über den Fahrplan (den Deutschlandtakt), sondern über alles andere gesprochen. Dabei steht Tempo 300 ausdrücklich im Planungsauftrag des Verkehrsministeriums an die Deutsche Bahn. Teile des Textes hat das Bahn-Projektteam erst fünf Monate nach der mündlichen Auftragsvergabe veröffentlicht. Seit dem 1. März untersuchen Gutachter, ob der existierende Schienenweg zu diesem Auftrag passt. Und wenn nicht, was alles geändert werden müsste.

Das wirft Fragen auf. Zum Beispiel, ob neben den vier bestehenden zwei zusätzliche Hochgeschwindigkeitsgleise an der Nordbahn gebaut werden müssten. In ihren eigenen Präsentationsunterlagen spricht das Planungsteam nicht davon. Dort ist von „durchgängig vier Gleisen zwischen Hannover und Bielefeld" die Rede. Auf Nachfrage verweist eine Bahnsprecherin darauf, dass man „ganz am Anfang der Planung" stehe. Eine Absage ist das nicht. Mehrere Ziele müsse die Bahn bei ihrer Planung berücksichtigen, heißt es: den zweigleisigen Engpass zwischen Wunstorf und Minden auflösen, die Fahrzeit zwischen Hannover und Bielefeld auf bis zu 31 statt 48 Minuten senken, dazu die Geschwindigkeit in längeren Abschnitten auf 300 Kilometer pro Stunde erhöhen. Außerdem soll der volkswirtschaftliche Nutzen größer sein als die Kosten. Doch was bedeutet das für die Nordbahn?

Die Bahn prüft „ob und wo es möglich wäre, die bereits bestehenden Gleise umzubauen und für die Anforderungen fit zu machen", so die Sprecherin. Ab September sollen dann „Neubauabschnitte unter Berücksichtigung der existierenden Trasse" geprüft werden. „Das bedeutet, es sind auch Misch-Szenarien denkbar, bei denen stellenweise Gleise umgebaut werden und stellenweise neue Gleise gebaut werden", so die Sprecherin.

Jahrzehnte alte Lösung

Gut möglich, dass die Bahn also feststellt, dass nur zwischen Minden und Wunstorf neue Gleise verlegt werden müssen und die Züge ansonsten wie gehabt über die Nordbahn rollen können. Diese Lösung liegt allerdings schon seit mehreren Jahrzehnten auf dem Tisch. Das Verkehrsministerium hat sie nur nie umgesetzt. Wozu dann das ganze Theater?

Dirk Schitthelm vermutet, dass das Verkehrsministerium „unbedingt eine Prestigestrecke" für den Deutschlandtakt bauen will. Geld, sagt der 46-jährige Unternehmer, könne man aber nur einmal ausgeben. Und das investiere man besser in die Schieneninfrastruktur und die Beseitigung bekannter Hemmnisse.

Schitthelm setzt auf Aufklärung und Beteiligung am Großprojekt. Das sogenannte „Planungsplenum" der Bahn kritisiert er als „reine Showveranstaltung" mit festen Vorgaben. Die Bürgerinitiative will Argumenten für die neue Trasse aufgeschlossen begegnen. „Wenn am Ende steht, der Neubau ist die beste Lösung, können wir nichts dagegen haben", sagt Schitthelm: „Aber noch fallen mir 1.000 Gründe ein, warum das nicht die beste Lösung ist."

Die Bürgerinitiative ist unter www.widuland.de erreichbar.

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