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Löchrig: In den Kronen der Buchen gibt es teils nur noch 30 Prozent des üblichen Laubs. - © Ralf Bittner
Löchrig: In den Kronen der Buchen gibt es teils nur noch 30 Prozent des üblichen Laubs. | © Ralf Bittner

Herford Wie der Klimawandel dem Herforder Wald zusetzt

Geschädigt: Trockenheit, Hitze und Schädlinge setzen auch dem Herforder Wald zu. Wegen akuter Schäden wird mehr Holz geschlagen und die Zukunftsprognosen werden immer unsicherer.

Ralf Bittner
14.08.2019 | Stand 14.08.2019, 18:31 Uhr

Herford. „Der Klimawandel ist da – zweifellos", sagt Holger-Karsten Raguse, Leiter des Regionalforstamts OWL beim Ortstermin. „Die Wälder werden sich ändern", sagt er, und Försterin Anna Rosenland und Ralf König, zuständig für die städtischen Wälder, stimmen ihm zu. Treffpunkt ist ein Waldstreifen am Weidenkamp. Überwiegend Buchen stehen hier, einige Lärchen, ab und zu sogar eine Eiche. Sonnenstrahlen lassen das Fleckchen als Idyll erscheinen, doch das Gegenteil ist der Fall. „Eigentlich müsste es hier stockdunkel sein", sagt Raguse. Dass so viel Licht auf den Boden fällt, habe einen einfachen Grund, erklärt Rosenland: „Die Baumkronen tragen teilweise nur noch 30 Prozent des Laubs, das sie eigentlich tragen sollten." Winzige Löcher in der Rinde zeigen, dass auch Buchen mit ihrem Borkenkäfer zu kämpfen habe, größere schwarze Löcher sind Zeichen so schwerer Schäden, dass die Bäume nicht mehr zu retten sind und in absehbarer Zeit gefällt werden müssen. Weniger Niederschläge als üblich „Eigentlich haben unsere Vorgänger alles richtig gemacht, und uns einen Mischwald hinterlassen", sagt Raguse. Der sei über die Jahre immer wieder unterschiedlichem Stress ausgesetzt gewesen, und jetzt werde es einfach zu viel. Im benachbarten Bad Salzuflen seien 2018 und 2019 Daten für Temperatur und Niederschlag erhoben worden. „Bei den Temperaturen lagen wir um 1,8 Grad über dem langjährigen Mittel, gleichzeitig hat es in der Vegetationszeit nur 50 Prozent des üblichen Niederschlags gegeben", sagt er: „Auch im Winter und im bisherigen Jahr habe es weniger Niederschläge als üblich gegeben." Das trage dazu bei, dass die Waldgesellschaften Stressfaktoren nicht mehr abfedern können. „Zuerst sind die Waldränder betroffen, weil die äußeren Einflüssen besonders stark ausgesetzt sind", sagt Raguse. Inzwischen gebe es aber immer mehr geschädigte Teile in den Kernzonen. Dabei zeigt er über einen Acker Richtung Stuckenberg. Im Grün auf dessen sanften Rücken sind einzelne braune Bäume oder Inseln zu erkennen. „Das sind keine Anzeichen eines früheren Herbstes – wie Laien vielleicht glauben mögen – sondern Zeichen schwerer Schädigungen", sagt er. "Die Krone ist kahl, der Baum ist unrettbar verloren" Die sind im Wald für Laien nur schwer zu erkennen. Rosenland zeigt einen Lärchenstamm, dessen Spitze sich über dem Buchenblätterdach verliert. „Die Krone ist kahl, der Baum ist unrettbar verloren", sagt sie. Dann zeigt sie ein Stück zerfressene Lärchenrinde. Borkenkäfer. Nicht nur die Fichten- oder Kiefernkulturen seien befallen, sondern jede Baumart habe ihren Schädling. Und kleinste Veränderungen bei Temperatur oder Niederschlag könnten dazu führen, dass die Bäume sich nicht mehr wehren könnten. „Wir werden viel mehr Bäume aus dem Wald holen müssen als bisher", sagt sie. „Die Wälder werden zerrupfter aussehen", fügt Raguse hinzu. Das vorzeitige Herausschlagen von Bäumen, um weiteren Schädigungen vorzubeugen oder der Verkehrssicherungspflicht nachzukommen, werde den Wald verändern. Durch die unvermeidlichen Lücken werde es noch wärmer und trockner. Ausgefranste Waldränder werden eventuellen Stürmen mehr Angriffsflächen bieten. Mehr Licht, das bis auf den Boden dringt, wird aber auch Platz für andere Arten schaffen. So recken sich in dem Waldstück inzwischen viele junge Ahornbäume dem Licht entgegen. „Für einen Teil der Verjüngung sorgt die Natur selbst. Das ist das, was wir eigentlich wollen", sagt Rosenland. Doch die Befürchtung der Fachleute ist, dass das nicht reicht. NRWs Waldbaukonzept sieht daher auch die Ansiedlung neuer Baumarten wie Douglasie oder Weißtanne vor. Ziel ist der Erhalt oder das Schaffen klimastabilerer Mischwälder. Und auch in Herford stellt man sich darauf ein, in Zukunft mehr Bäume zu pflanzen. Eichenprozessionsspinner als Beispiel Angesichts der dynamischen Veränderung werde es immer schwieriger, die richtige Entscheidung für die Zukunft zu treffen, sagt Raguse: „Wir können nicht wissen, ob ein Käfer oder Pilz, die schon immer Teil unsere Ökosystems waren, sich plötzlich unter bestimmten Umständen explosionsartig vermehrt." Der Eichenprozessionsspinner sei so ein Beispiel. „Von dem sind wir in diesem Jahr zwar noch einmal verschont geblieben", sagt er. Dagegen habe das lokale Borkenkäfermonitoring einen explosionsartigen Anstieg der Tiere ergeben. „In Elverdissen haben wir einen Buchenbestand, der in einem Jahr extrem durch Wasser, und im darauffolgenden Jahr durch Hitze geschädigt worden ist", sagt Rosenland: „Die Extreme werden ein zusätzliches Problem, das es schwer macht, die richtigen Entscheidungen zu treffen für eine Zeit, die weit über ein Menschenleben hinaus reicht." Anders als beim ersten Waldsterben, als mit dem Sauren Regen eine Ursache ausgemacht und entsprechende Maßnahmen ergriffen werden konnten, gebe es dieses Mal viele Ursachen für die Probleme. Einig sind sich die drei, dass Herfords Wälder wohl nicht zur Steppe werden, sich aber doch grundlegend wandeln dürften. Und König zückt eine Karte mit einer Prognose, nach der es unter Umständen zukünftig keinen klassischen Buchenmischwald mehr auf Herforder Gebiet geben könnte.

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