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In vielen Nachbarschaften regt sich Widerstand gegen die geplanten Veränderungen. Auch Unternehmer Schenke musste das in Spexard bereits erfahren. - © Andreas Frücht
In vielen Nachbarschaften regt sich Widerstand gegen die geplanten Veränderungen. Auch Unternehmer Schenke musste das in Spexard bereits erfahren. | © Andreas Frücht

Gütersloh Kommentar zu Bauprojekten: "Höchste Zeit für einen Sozialen Aufbruch"

Unsere Autorin ist der Meinung, dass Investoren und ihre Gutachter Bürgerproteste torpedieren.

Nicole Hille-Priebe
09.11.2019 | Stand 09.11.2019, 10:42 Uhr

Gütersloh. In dem Kultroman „Per Anhalter durch die Galaxis" wollen außerirdische Vogonen gleich den ganzen Planeten Erde sprengen, um Platz für eine intergalaktische Expressroute zu schaffen. Ganz so krass ist es im Kreis Gütersloh zwar nicht, aber auch hier haben viele Bürger ihre liebe Not mit Bauprojekten vor der eigenen Haustür. Von der Trassenführung der B 64 n in Herzebrock-Clarholz oder dem vierspurigen Ausbau der B 61 nach Gütersloh über die Aldi-Pläne an der Brockhäger Straße oder Schenke in Spexard bis hin zur Reaktivierung der Teutoburger Wald Eisenbahn (TWE) oder der Erweiterung der Schlachtkapazitäten bei Tönnies – in vielen Nachbarschaften regt sich berechtigter Widerstand gegen die einschneidenden Veränderungen, die diese Mammutprojekte mit sich bringen. Das Leben, das man kannte, soll sich grundlegend verschlechtern, und wer nicht zur Miete wohnt, ist zum Bleiben verdammt. Bürgerinformation statt Bürgerversammlung Die Betroffenen gründen dann nicht selten eine Bürgerinitiative, um gemeinsam gegen die Pläne vorzugehen. Sie treffen sich in ihrer Freizeit, formulieren Einwendungen, holen juristischen Rat ein, kontaktieren die Politiker vor Ort und erreichen vielleicht, dass es auf ihren Druck hin eine Bürgerversammlung gibt. Auf der Einladung steht dann allerdings häufig „Bürgerinformation" und sie müssen feststellen, dass sie kaum eine Chance haben in diesem Spiel. Investoren, Politik und Verwaltung haben die Sache längst unter sich ausgemacht. Es wird gesagt, dass es um das Allgemeinwohl geht und die persönlichen Befindlichkeiten zurückstehen müssen. Und dass es keine Alternative gibt. Außerdem belegen ja die Gutachten, dass das alles schon nicht so schlimm wird. Aber sind die Zahlen tatsächlich so neutral, wie gerne behauptet wird? Wer gibt die Gutachten in Auftrag und zahlt für sie? Auf welcher Grundlage werden sie erstellt? Besonders bei Fragen von Lärm und Verkehr zeigt sich häufig, dass Belastungen gar nicht gemessen, sondern berechnet werden. Ein Algorithmus entscheidet also, ob es eine Lärmschutzwand gibt oder nicht. Und während die „Gut"achter zu ihrem nächsten Projekt ziehen, müssen die Betroffenen später in der Realität leben. Alle reden vom Digitalen Aufbruch in Gütersloh, dabei ist es höchste Zeit für einen Sozialen Aufbruch, bei dem die wahren Sorgen und Probleme der Bürger im Rathaus ernst genommen werden, statt sie als lästig abzuwehren. Warum heißt es denn sonst „Rat"haus?

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