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Cannabis wird noch immer mehr als Droge statt als Medikament wahrgenommen. Doch erste Ärzte verschreiben es. - © picture alliance
Cannabis wird noch immer mehr als Droge statt als Medikament wahrgenommen. Doch erste Ärzte verschreiben es. | © picture alliance

Bielefeld Cannabis: Kiffer-Droge oder Medizin-Wunderwaffe?

Bielefelder berichten: Bei Krebs, MS oder Angststörungen kann Cannabis ein wirksames Medikament sein. Es gibt bei der Nutzung große Hürden - aber Befürworter von allgemeiner Legalisierung spüren neuerdings Rückenwind.

Ingo Kalischek
15.11.2019 | Stand 16.11.2019, 16:20 Uhr

Bielefeld. Schmerz-Patienten können Cannabis in Deutschland seit zwei Jahren beim Arzt auf Rezept erhalten. Doch noch immer wird Cannabis als Droge und weniger als Medizin wahrgenommen. Die „Kiffer"-Vorurteile sind groß. Diese Erfahrung machen auch Patienten in Bielefeld. Befürworter einer Legalisierung spüren in der Stadt hingegen Auftrieb.

Michael Wiese ist Geschäftsführer der Drogenberatung in Bielefeld. Er sei in den vergangenen drei Monaten von vier Bürgern angesprochen worden, die Cannabis zur Behandlung bei Multiple Sklerose (MS), Krebs und zur Schmerzlinderung verwenden wollten. „Sie stammen alle aus dem bürgerlichen Lager", so Wiese. Die Nachfrage werde größer.

Michael Wiese ist Geschäftsführer der Drogenberatung Bielefeld. - © Jens Reichenbach
Michael Wiese ist Geschäftsführer der Drogenberatung Bielefeld. | © Jens Reichenbach

Das weiß auch Dominik B. Der 27-Jährige nutzt Cannabis seit drei Jahren medizinisch. Ein Arzt diagnostizierte bei ihm Morbus Crohn – eine chronische Entzündung im Darm-Bereich. Sie äußert sich in Form von starken Bauchkrämpfen und Durchfall. Verschriebene Medikamente führten bei ihm zu Nebenwirkungen. „Durch die große Menge Cortison wurden meine Knochen spröde, so dass mein Mittelfußknochen zerbrach."

 „Ich hatte aber vorher nie einen Bezug zu Cannabis"

Jens Teutrine ist Landesvorsitzender der Jungen Liberalen NRW - und sitzt für die FDP Bielefeld im Gesundheitsausschuss. - © FDP
Jens Teutrine ist Landesvorsitzender der Jungen Liberalen NRW - und sitzt für die FDP Bielefeld im Gesundheitsausschuss. | © FDP

Dominik B. suchte nach Alternativen und entdeckte Cannabis. Doch der behandelnde Facharzt wollte ihm das nicht verschreiben, ebenso wie knapp zehn weitere Ärzte, die Dominik B. aufsuchte. „Viele sagten, dass sie damit keine Erfahrung hätten." Andere äußerten den Verdacht, er wolle einfach „legal an Gras" gelangen. „Ich hatte aber vorher nie einen Bezug zu Cannabis", sagt er – und glaubt: „Viele wollen wohl nicht als ’Kiffer’-Ärzte dargestellt werden."

Martin Reker, Leitender Arzt der Abteilung Abhängigkeitserkrankungen an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie Bethel. - © Stefan Boes
Martin Reker, Leitender Arzt der Abteilung Abhängigkeitserkrankungen an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie Bethel. | © Stefan Boes

Ein Arzt in Quelle half ihm. Er nahm sich Zeit, verschrieb Dominik B. versuchsweise Cannabis. Es half. Seitdem inhaliert der Bielefelder die Cannabisblüten fünfmal täglich mit einem speziellen Verdampfer („Vaporizer"). „Meine Entzündungswerte im Darm sind auf null gesunken. Ich habe wieder Appetit und keine Nebenwirkungen." Sein Arzt sei begeistert.

Marko Thielsch ist Sprecher vom Deutschen Hanfverband, Ortsgruppe Bielefeld. - © Dennis Angenendt
Marko Thielsch ist Sprecher vom Deutschen Hanfverband, Ortsgruppe Bielefeld. | © Dennis Angenendt

Ähnlich geht es Philipp U. Der 21-Jährige leidet an starken Depressionen und Angststörungen. Die Berufsschule brach er ab, aus „Angst vor öffentlichen Räumen". Der Bielefelder ist seit Jahren in Therapie. Von der hohen Anzahl an Antidepressiva fühle er sich „wie benommen". Seitdem ihm seine Ärztin Cannabis auf Privatrezept verschreibe und er die Blüten abends inhaliere, schöpfe er im Alltag Kraft. „Weil ich nachts wieder schlafen kann." Das bewahre ihn vor der nächsten „Depri-Spirale."

Kassen verweigern die Kostenübernahme

Beide Patienten müssen die Kosten für das verschriebene Cannabis selber tragen, da sich der Medizinische Dienst der Krankenkassen weigere. Begründung: Beide Krankheiten seien nicht schwerwiegend genug. Philipp U. könne zudem seine Therapie noch intensivieren.

Das geht ins Geld. Von seiner Ärztin bekommt er alle sieben Wochen Cannabis neu verschrieben. Das kostet den Schüler monatlich rund 140 Euro. Auch Dominik B. inhaliert die Inhaltsstoffe der Cannabisblüten und benötigt davon im Monat rund 25 Gramm, das kostet ihn mehrere hundert Euro. Nur in einigen Apotheken in der Stadt sei Cannabis erhältlich. „Es gibt viele Lieferengpässe und große Preisunterschiede", sagt Philipp U. In einer Apotheke in Dortmund zahle er für seine Menge 250 Euro, in Bielefeld seien es 900.

„Das ist eine bedauerliche Situation", sagt Michael Wiese. Er ist davon überzeugt, dass Cannabis langfristig als Medizin anerkannt wird – und Kosten übernommen werden.
Laut Ulrich Weller, dem Sprecher der Bielefelder Hausärzte, werde Cannabis selten als Einzelpräparat verschrieben. „Eher als zusätzliches Medikament, um Schmerzen zu lindern." Cannabis stehe für ihn nicht „in der ersten Reihe", doch man könne es diskutieren, er sei dafür offen.

 „Auch Bier und Zigaretten sind gefährlicher"

Martin Reker sieht Cannabis als Medizin „total entspannt". An Cannabis sei noch niemand gestorben, an Alkohol und Zigaretten schon. Reker ist Leitender Arzt der Abteilung Abhängigkeitserkrankungen an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie Bethel. „Wir gehen in der Medizin mit viel gefährlicheren Stoffen um. Da ist das Medikament Cannabis zumindest für Erwachsene im Vergleich harmlos", so Reker. Er wünscht sich einen pragmatischeren Umgang – viel näher am einzelnen Patienten. Es zähle oft nur die dürftige Studienlage, nicht aber die subjektive Erfahrung des Patienten mit der Substanz.

Wichtig sei, zwischen dem medizinischen Aspekt und der Legalisierung als Rauschmittel zu unterscheiden. Ein unkontrollierter Cannabis-Konsum berge gerade bei frühem Beginn und in höherer Dosierung die Gefahr in sich, die Hirnreifung Jugendlicher erheblich zu beeinträchtigen und Psychosen auszubilden. Das sei wissenschaftlich und durch die Erfahrung mit eigenen tragischen Verläufen im psychiatrischen Behandlungsalltag gut belegt, so Reker. Die Sorgen müsse man unbedingt ernst nehmen.

Befürworter einer Neuregulierung sehen darin mit ein Hauptargument für einen liberaleren Umgang. „Wenn ein Jugendlicher in Bielefeld Cannabis kriegen will, kriegt er es", sagt Georg Wurth, Geschäftsführer des Deutschen Hanfverbands. Illegal verkauft, sei es aber oft mit gefährlichen Stoffen wie Schimmelstoffen und Haarspray gestreckt. „So überlassen wir Kriminellen ein Milliardengeschäft", sagt Wurth.

 „Ich kenne kein gutes Argument, warum Alkohol legal ist, Cannabis aber nicht"

Ein Verbot schütze Jugendliche nicht, sondern bewirke das Gegenteil. Wenn Cannabis hingegen legal wäre, müsse es als lizenziertes und qualitätsgeprüftes Produkt verkauft werden.
Die Jungen Liberalen in Bielefeld fordern einen offeneren Umgang. „Ich kenne kein gutes Argument, warum Alkohol legal ist, Cannabis aber nicht", sagt Jens Teutrine, Bielefelder FDP-Politiker und JuLi Vorsitzender in NRW. Studien zeigten, dass der Konsum zum Beispiel in den Niederlanden nach einer Legalisierung nicht angestiegen sei. Auch in Deutschland diskutieren das Thema derzeit mehrere Parteien, neuerdings auch die Union.

Die Drogenberatung hält die Debatte für überfällig, aber „oft zu ideologisch geführt", sagt Wiese. Rund 5 Prozent der Bewohner einer Stadt hätten eine Affinität zu Cannabis. Das schließt einen einmaligen Konsum mit ein. In Bielefeld wären das rund 16.000 Menschen. „In ganz Deutschland gibt es keinen einzigen Cannabis-Toten", sagt Wiese. Er glaubt, dass eine Neuregulierung eines Tages Normalität wird, die Hanf-Pflanze biete enormes Potenzial: „Sie hat mehr als 500 Wirkstoffe. Es muss weiter erforscht werden, welchen Nutzen sie noch hat."

Eine Bielefelder Ortsgruppe des Hanfverbands trifft sich monatlich, um zu informieren. Sprecher Marco Thielsch: „Das Stigma wird weniger. Es kommen sogar Rentner zu uns." Michael Wiese hält sich mit einer zeitlichen Prognose hingegen bedeckt: In der deutschen Drogenpolitik brauche man vor allem eins: viel Geduld.

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