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Demonstranten in Bielefeld halten Plakate hoch, die gegen Fremdenhass protestieren. - © Christine Panhorst
Demonstranten in Bielefeld halten Plakate hoch, die gegen Fremdenhass protestieren. | © Christine Panhorst

Kommentar Das rechte Gift ist tiefer in Bielefeld eingesickert, als viele wahrhaben wollen

Eine Gruppe Neonazis marschiert durch die Stadt. Leider ist Fremdenhass aber nicht nur am Samstag ein Thema. Im Alltag ist er noch gefährlicher. Beispiele zeigen, dass sich das Gift auch in Bielefeld ausbreitet.

Andrea Rolfes
08.11.2019 | Stand 08.11.2019, 19:22 Uhr

Bielefeld. "Es war am Montag, als das Telefon schellte und eine Dame sich mit den Worten meldete: „Hallo, ich bin eine stadtbekannte Person jüdischen Glaubens. Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass ich Ihnen meinen Namen nicht nennen möchte." Auf meine verdutzte Nachfrage, warum sie anonym bleiben möchte, antwortete die Anruferin zögerlich. „Es wäre mir nicht recht, wenn die gesamte Stadt erfahren würde, dass ich Jüdin bin." Wut und Angst Der Grund ihres Anrufes war Wut. Wut auf den Oberbürgermeister, der sich ihrer Meinung nach zu zurückhaltend zu dem Richterurteil über die Demoerlaubnis am 9. November geäußert habe. Wut auf die Bielefelder Polizei, die nicht genug getan habe, um die Demo zu verhindern. Nach der Wut folgte die Sorge um den Zustand der Gesellschaft. Dass sie selbst nicht mehr offen über ihre religiöse Zugehörigkeit sprechen mag, sei ein Spiegelbild dessen, was gerade in Deutschland passiere: Der Anschlag auf die Synagoge in Halle oder der rechte Schulterschluss in Chemnitz, wo AfD, Pegida und Rechtsextreme der Identitären und anderen Splittergruppen Seite an Seite marschierten. Beleidigungen müssen sie hier mitten unter uns über sich ergehen lassen Einige Leser werden nun denken, dass das mit Bielefeld nicht viel zu hat. Dieser Eindruck täuscht. Denn erst am Donnerstag berichteten zwei junge jüdische Männer in dieser Zeitung über ihre Erlebnisse in der Stadt. Pöbeleien, abwertende Blicke und Beleidigungen müssen sie hier mitten unter uns über sich ergehen lassen. Und oft ist niemand da, der ihnen zur Seite eilt, aufsteht für Toleranz, Respekt und Nächstenliebe. Der die Pöbler und Beleidiger in die Schranken weist. Das ist alarmierend und keine gute Visitenkarte für die Bielefelder Gesellschaft. Denn Fakt ist: Das rechte Gift ist bereits weiter eingesickert, als viele wahr haben wollen. Die Nachricht, dass wir ausgerechnet am 9. November eine durch die Stadt ziehende Gruppe von Neonazis ertragen müssen, hat nur einen einzigen positiven Effekt mit sich gebracht. Sie hat wachgerüttelt – auch jene, die die Geschehnisse in Halle weit weg wähnten. Die für heute angekündigte Demo hat die große Breite der Bielefelder Gesellschaft mobilisiert, sich mit einem Thema zu beschäftigen, das unter normalen Alltagsbedingungen nicht immer genug Würdigung erhält. Es gilt aber, nicht nur dann gegen Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit aufzustehen, wenn Neonazis eine Demo anmelden. Alltäglicher Antisemitismus ist viel gefährlicher Dieser Protest muss immer erfolgen. Wenn wir beobachten, dass anderen Menschen aufgrund ihrer Religion, Herkunft, sexuellen Orientierung, Haarfarbe oder Hautfarbe, Behinderung oder sonst welchen Gründen Unrecht getan wird. Der ganz alltägliche Antisemitismus und Fremdenhass – Beschimpfungen, Übergriffe, Drohungen – bringen den Kitt, der eine Gesellschaft zusammenhält, viel eher zum Bröckeln als ein Demozug von Neonazis. Nicht unerwähnt bleiben soll an dieser Stelle das Engagement von vielen, vielen Bielefeldern, die sich seit Jahren, gar Jahrzehnten, einsetzen für ein tolerantes Bielefeld. Auf unterschiedlichste Weise sorgen sie dafür, dass die Stadt ihr weltoffenes Gesicht immer wieder zeigt. Ob es nun Regenbogen sind, die auf die Straße gesprüht werden, die Organisation der Mahnwachen, Demos für ein buntes Bielefeld, Plakataktionen und vieles mehr. Berührender Einsatz Berührt hat mich zuletzt die Nachricht, dass ein Bielefelder sich mit einem Lappen und Wasser aufgemacht hat, um die 14 Stolpersteine, die entlang der Nazi-Demo-Route liegen, noch einmal zu reinigen und zum Strahlen zu bringen, bevor die Neonazis kommen. Das verdient Wertschätzung und Dankbarkeit. So wird der Kitt noch lange halten."

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