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Journalisten unterm Dach: Bernd Kegel, ehemaliger Chef vom Dienst des Bielefelder Stadtblatts, und Stefan Brams, Leiter der NW-Kulturredaktion, beim Mittagsgespräch. Der Dreck, der sich in den Gesichtern spiegelt, liegt auf dem Dach des Holzhauses. - © Mike-Dennis Müller / www.mdm.photo
Journalisten unterm Dach: Bernd Kegel, ehemaliger Chef vom Dienst des Bielefelder Stadtblatts, und Stefan Brams, Leiter der NW-Kulturredaktion, beim Mittagsgespräch. Der Dreck, der sich in den Gesichtern spiegelt, liegt auf dem Dach des Holzhauses. | © Mike-Dennis Müller / www.mdm.photo

Mittagsgespräche im Holzhaus (9) „Die Kultur braucht einen Katalysator“

Bernd Kegel, ehemaliger Redaktionsleiter des Stadtblatts, würde gerne eine neue Wochenzeitung aufleben lassen. Das Holzhaus mag er nicht. In der Kunsthalle hofft er auf einen Neuanfang

Stefan Brams
10.09.2019 | Stand 10.09.2019, 16:37 Uhr

Bielefeld. Bernd Kegel ist ein Kollege. Einer mit Vergangenheit. Von 1983 bis zum bitteren Ende im Jahr 2002 war er zunächst freier Mitarbeiter, dann Redakteur für Kultur und später Chef vom Dienst beim Bielefelder Stadtblatt – der linksalternativen Wochenzeitung, die die hiesige Medienlandschaft aufmischte, in fast jeder WG zuhause und ein Stachel in der Bielefelder Kommunalpolitik war. Im neunten Mittagsgespräch im Holzhaus über „Gott und die Welt in Bielefeld" sagt Kegel, den es 1976 aus Altena im Sauerland zum Studium der Sozialpädagogik an die Fachhochschule nach Bielefeld zog: „Ein Wochenblatt kann ich mir auch heute wieder gut vorstellen in dieser Stadt." Kegel, der ganz klassisch bei seiner Heimatzeitung im Sauerland volontiert hat, um Redakteur zu werden, ist sich sicher, dass gerade die vielfältige Bielefelder Kulturszene, aber nicht nur die, ein solches kritisches Organ gut gebrauchen könne. „Es passiert so viel zum Beispiel in der Subkultur, das in den traditionellen Medien keine Berücksichtigung findet, mit dem sich aber dennoch die Auseinandersetzung lohnt." Eine größere Aufmerksamkeit, eine Plattform habe das, was sich da so wunderbar entwickele, allemal verdient, ist sich Kegel sicher, der heute als freier Journalist auch für die NW arbeitet und kürzlich 66 Jahre alt geworden ist. "Es gibt wieder eine Leserschaft für ein Debattenblatt - auch gedruckt" Ein neues Stadtblatt sollte nach seinen Vorstellungen ein Debattenblatt sein, eines, das die Kritik ins Zentrum stellt, vor allem essayistische Texte enthält und vielen Initiativen, Einrichtungen und Engagierten eine integrierende Plattform bietet. Eine Zeitung solle es werden, die er nicht nur via Internet als digitale Ausgabe verbreitet sieht, „sondern durchaus auch gedruckt". „Ich glaube, dass es dafür wieder eine Leserschaft gibt." Bedauerlich findet es Kegel, dass die NW ihre Lokale-Kultur-Seite aufgegeben und stattdessen Artikel über die Kultur nun verteilt über den Lokalteil drucke. Das sei schade gerade angesichts der ungeheuren kulturellen Vielfalt, der starken Kulturszene in dieser Stadt. „Damit fehlt ein Katalysator für die Kultur in dieser Stadt." "Bielefeld ist Metrovinz, das macht den Reiz der Stadt aus" Eine Stadt, die Kegel zur Heimat geworden ist, wie er betont. In der „Bielewelt", wie er die Stadt umschreibt, fühle er sich durchaus wohl heute. Bielefeld sei viel bunter und vielschichtiger geworden, „nicht mehr zu vergleichen mit der grauen Maus von 1977, als ich hier ankam." Was die „Bielewelt" für ihn ausmache? Das Zusammenspiel von Provinzialität und Urbanität, für das Kegel das Wort „Metrovinz" passend findet. „Für mich macht genau das den Reiz dieser Stadt aus." Sie solle sich ruhig zu ihrem Mittelmaß bekennen, ermuntert Kegel. Gerade deshalb habe die Stadt, „die es definitiv gibt", da ist sich der Journalist ganz sicher, Charme. Lustvolle Kritik, aber auch Intuition und Leidenschaft sind für Kegel wichtig, um die Welt zu ergründen. „Von dem ganzen heutigen esoterischen Getue, von Achtsamkeit und Ganzheitlichkeit, halte ich hingegen nichts. Und auch dieses immer mehr um sich greifende Andocken an fernöstliche Lebensweisheiten, an dieses Sanfte ist mir fremd." Am meisten schrecke es ihn aber, dass rechtes und esoterisches Gedankengut immer öfter zueinanderfinden. Da entstehe ein gefährliches völkisches Gebräu, warnt Kegel. "Über den Kesselbrink muss grundsätzlich nachgedacht werden. Die Flickschusterei bringt nichts" Auch das Holzhaus, in dem er gerade zum Gespräch sitzt, strahle für ihn etwas Esoterisches aus. Auch der Anspruch, das finale Holzhaus („Final Wooden-House) zu sein, findet er anmaßend. Es sage ihm zu wenig, sei zu minimalistisch, wie auch so viele Ausstellungen in der Kunsthalle selbst in den vergangenen Jahren, legt Kegel mit seiner Kritik nach. Sie seien in der ganzen Meschede-Phase oft verschwiemelt, abgehoben und gespreizt gewesen – „auch schon vom Titel her". Die Ausstellungen zur klassischen Moderne nehme er allerdings von seiner Kritik aus. „Ich bin daher sehr gespannt, welche Akzente die neue Direktorin der Kunsthalle setzen wird und ob es ihr gelingt, das Haus wieder mehr ins Zentrum der Aufmerksamkeit und der Auseinandersetzung zu rücken, gerne auch provokativ", betont Kegel, der auch zum Kesselbrink eine klare Meinung hat: „Das ist ein Debakel ohne Ende. Alle Beteiligten sollten aufhören, an dem Platz herumzuflicken und stattdessen eine Pause einlegen und grundsätzlich über den Platz nachdenken." Er sei sich sicher, dass er nur zu einem Platz mit Aufenthaltsqualität werden könne, wenn das ganze Quartier mitgedacht werde. Spielgeräte aufzustellen, wie so eben Pannen behaftet erfolgt, und den Würfel wieder an irgendjemanden zu vermieten, führe nur ins nächste Debakel. Grundsätzlich freue er sich aber, dass die Anbindung der City in den Osten positive Entwicklungsschritte genommen hat. Zu Gast im zehnten Mittagsgespräch ist Lutz Röver.

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