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Ein großer Handwerksbetrieb aus Rheda-Wiedenbrück bezeichnet Fassaden und Balkone als hochgradig sanierungsbedürftig.  - © Susanne Lahr
Ein großer Handwerksbetrieb aus Rheda-Wiedenbrück bezeichnet Fassaden und Balkone als hochgradig sanierungsbedürftig.  | © Susanne Lahr

Bielefeld Angespannte Lage: Service-Mitarbeiter kontrollieren Wohnungen in Bielefelder Horror-Mietshaus

Silke Kröger
16.08.2019 | Stand 16.08.2019, 17:12 Uhr |

Bielefeld. Im Mietkomplex an der Hauptstraße in Bielefeld-Brackwede ist die Spannung spürbar: Die Mitarbeiter der Hausverwaltung, Adler Wohnen Service, sind zur Mängelbegutachtung vor Ort und arbeiten sich von unten nach oben. Bei Santijana Alioski sind sie als erstes gewesen. Sie berichtet Udo Mündkemüller und einer weiteren Hausbewohnerin aus der zweiten Etage, wie es gelaufen ist. "Sie haben mich gar nicht beachtet. Sie kommen und schreiben alles auf - und dann passiert nichts." Mit dieser Befürchtung steht sie nicht allein."Endlich eine eigene Dusche" Gleichwohl hat sich in der Wohnung der 27-Jährigen schon einiges getan: Vor gut einer Woche haben die Handwerker die Lücke in ihrem Bad endlich wieder gefüllt, die Duschwanne eingebaut, gefliest und alles angeschlossen. Alioski ist erleichtert, auch wenn die Kabinentür noch fehlt, ebenso wie Balkontür - die schon seit dreieinhalb Monaten. "Aber es ist schön, endlich wieder eine eigene Dusche zu haben.", Die Freude darüber wird durch die nun folgende lange Wartezeit getrübt. Allein die Balkontür habe bis zu vier Wochen Lieferzeit. Im Badezimmer herrscht der Schimmel Die 53-jährige Hausbewohnerin, in deren Wohnung sich Mündkemüller und Alioski zum kurzen Austausch getroffen haben, hat ein ganz anderes Problem: In ihrem Badezimmer, innen liegend und deshalb ohne Fenster, herrscht der Schimmel. Und das, seitdem sie vor sieben Jahren eingezogen ist. Sie hat die Wände notdürftig mit Stoff bespannt, unter dem tropfenden Ablauf des Spülbeckens einen Eimer gestellt; auch der Spülkasten der Toilette ist undicht. Sie könne putzen, soviel sie wolle - "den Schimmel kriege ich einfach nicht weg". Sie wolle gar nicht wissen, wie es hinter den Schränken aussehe. "Mich ekelt es hier." Durch die Ritzen der Fensterfront pfeift der Wind. "Im Winter muss ich die Heizung schon auf fünf stellen, damit es überhaupt warm wird." Auch bei ihr ist der Besuch der Hausverwaltung kurz. "Sie waren zu zweit da, ich habe ihnen alles gezeigt." Waschbecken und Spülkasten sollen ausgewechselt werden. "Ich hoffe, dass der Schimmel ebenfalls bearbeitet wird. Ich bin gespannt." Service-Besuch bei Udo Mündkemeier Zwei weitere Vertreter der Adler Service Wohnen, ein Mann und eine Frau, die sich nicht namentlich vorstellen, sind derweil bei Udo Mündkemüller eingetroffen, der im gleichen Flur um die Ecke wohnt - seit 22 Jahren. Entsprechend gut kennt er das Haus, das 1970 gebaut wurde, und seine Geschichte. "Ständige Besitzerwechsel, alle wollten Geld verdienen, aber nichts bezahlen." Auch er kann den Adler-Mitarbeitern viel zeigen: das große rechteckige Loch in der Wand zwischen Bad und Flur - hier ist gut die Leichtbauweise mit den dünnen Gipsplatten erkennbar -, die offenen Rohre über der Toilette und in der Küche - "die Rohre sollten im Oktober 2018 komplett ausgetauscht werden". Schimmel ist "Eigenverschulden"? Warmes Wasser lässt ausgerechnet im Bad immer auf sich warten: "Ich muss erst 50, 60 Liter laufen lassen, bis es warm wird", sagt der 80-Jährige, der hochgradig lungenkrank (COPD) ist. Dem Pflegedienst habe er deshalb bereits vor zwei Jahren abgesagt. "Seitdem hilft mir meine Schwiegertochter." Auf Mündkemüllers Nachfrage erfährt er den Namen der Mitarbeiterin, den er bereits kennt: Sie hatte ihm am 3. Januar 2019 wegen des Schimmels in seiner Wohnung geschrieben. "Bezüglich des Schimmelbefalls im Bad wird durch das Gutachten laut Rechtsanwalt festgestellt, dass es sich hier um Eigenverschulden handelt", heißt es in der Benachrichtigung. Nichts ist verputzt Der langjährige Mieter ist immer noch ein wenig fassungslos. Denn an den Spuren an Wand und Decke, die auch nach dem Entfernen des Schimmels noch gut sichtbar sind, ist der Weg des Wassers, das von außen eingedrungen ist, klar erkennbar. Die beiden Mitarbeiter notieren und fotografieren alles. Mündkemüller zeigt ihnen die große Fensterfront zum Balkon hin, auch bei ihm ist sie undicht. Nichts ist verputzt, den Bereich unten zwischen Fenster und Boden hat der ehemalige Dreher/Schlosser mit einer Leiste notdürftig verschlossen. "Wenn ich die wegziehe, gucke ich nach draußen." Fenster und Tür werden erneuert Fenster und Tür zum Balkon müssen komplett erneuert werden, sagen die beiden Adler-Mitarbeiter gleich vor Ort und versprechen, dass das möglichst schnell passieren soll. Die Sanierung des Balkons mit seiner bröckelnden Brüstung im Original-Babyblau von 1970 gehört ebenso wie das Dach und die Fassade zu den "größeren Maßnahmen", die in Planung seien. Für die Fensterfront plus Rahmen (ein Sondermaß) sei mit einer Lieferzeit von vier bis sechs Wochen zu rechnen. "Wir arbeiten mit Hochdruck", verspricht der Service-Mitarbeiter. Am heutigen Freitag sollen die Aufträge an die Handwerker verschickt werden, nächste Woche die Mieter Bescheid bekommen. "Wenn sie im Winter anfangen, weiß ich genau, das wird erstmal nichts mehr", meint Udo Mündkemüller, der aktuell nur noch 100 Euro Miete zahlt, nach der Begehung. Und betont: "Das zahle ich freiwillig. Jetzt warte ich mal ab, bis alles fertig ist. Und dann sieht man weiter."

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