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Sportamtsleiter Joachim Middendorf hält Reste des Gummigranulats in der Hand. Damit sind viele Bielefelder Sportplätze ausgestattet. - © Andreas Zobe
Sportamtsleiter Joachim Middendorf hält Reste des Gummigranulats in der Hand. Damit sind viele Bielefelder Sportplätze ausgestattet. | © Andreas Zobe

Bielefeld Zu viel Mikroplastik: Bielefelder Kunstrasenplätzen droht das Aus

Die Stadt Bielefeld hat bereits reagiert

Ingo Kalischek
15.07.2019 | Stand 15.07.2019, 07:08 Uhr

Bielefeld. Kunstrasenplätze stehen in der Sportwelt hoch im Kurs. Doch sie sind umstritten. Sie sind für tonnenweise Mikroplastik in der Umwelt verantwortlich. Deshalb prüft die EU aktuell ein Verbot. Das hätte bittere Folgen für viele Bielefelder Sportvereine. Die Stadt hat reagiert. Reste alter Lkw-Reifen Nach Angaben des Fraunhofer-Instituts sind Sportplätze mit Kunstrasen eine der größten Quellen von Mikroplastik in der Umwelt. In Deutschland verursachen die Kunstrasenplätze mehr Mikroplastik als Kosmetika und Textilwäsche zusammen. Die Plätze werden mit Granulat aufgefüllt und gedämpft, um Spieler vor Verletzungen zu schützen. Kunstrasenplätze gelten als robust und pflegeleicht. Das Granulat besteht häufig aus den Resten alter Lkw-Reifen oder extra hergestellter Gummiteilchen. Auf einem Kunstrasenplatz liegen laut Institut rund 35 Tonnen Mikroplastik. Das bleibt an Schuhen und Kleidung hängen, wenn Spieler die Sportplätze verlassen. Auch über Wind und Regen gelangt es in die Umwelt. Die Stadt Bielefeld geht deshalb schon jetzt auf Nummer sicher Die Stadt Bielefeld verfolgt seit Monaten besorgt die Diskussionen auf EU-Ebene. Die Europäische Chemikalienagentur hat der EU-Kommission empfohlen, das Plastikgranulat innerhalb der nächsten drei Jahre zu verbieten. Die Stadt Bielefeld geht deshalb schon jetzt auf Nummer sicher – und baut kein Granulat mehr in neue Kunstrasenplätze ein, sagt Sportamtsleiter Joachim Middendorf. Unabhängig davon, wie sich die EU letztlich entscheide. Verbot würde Bielefelder Sportbetrieb in die Knie zwingen Sollte es aber tatsächlich zu einem Verbot kommen, würde das den Bielefelder Sportbetrieb in die Knie zwingen. In der Stadt gibt es aktuell 19 Kunstrasenplätze. Knapp die Hälfte ist mit dem umstrittenen Granulat ausgestattet. Middendorf macht deutlich: „Wenn die EU feststellt, dass die Plätze gefährlich für die Gesundheit und die Umwelt sind, machen wir sie dicht." Gesundheit sei wichtiger als Fußball. Zugleich wisse Middendorf nicht, wie das funktionieren solle. Er spricht von einem „Wahnsinn", alle betroffenen Sportflächen zur selben Zeit umzubauen. „Das ist nicht zu realisieren." Die Folgen wären Millionenkosten für die Umgestaltung sowie ein Zusammenbruch des Spielbetriebs. Denn laut Middendorf kostet es mindestens 250.000 Euro, einen Platz zu erneuern. Kork hat Vor- und Nachteile Die Stadt Bielefeld will der Diskussion nicht tatenlos zuschauen. Sie baut schon jetzt nur noch Korkgranulat in ihre Plätze. So wie aktuell in Ubbedissen und Wellensiek. Kork hat Vor- und Nachteile. Er sei mit rund 25.000 Euro knapp 15.000 Euro teurer als das herkömmliche Granulat. Bei Starkregen gelange er schneller an die Oberfläche. Dafür aber erhitze er sich im Sommer nicht so stark und färbe im Gegensatz zu Granulat nicht ab, erklärt Middendorf. Der SV Heepen hat seinen Platz bereits vor drei Jahren auf Kork umgestellt – als erster Verein in Bielefeld. Die rund 515.000 Euro habe der Verein in großen Teilen selber gestemmt. Mit Erfolg. „Das war eine sehr gute Entscheidung", bilanziert Abteilungsleiter Michael Grieswelle. Das Spielgefühl auf dem Platz sei wunderbar. Der neue Platz soll knapp 18 Jahre lang halten. Dann muss er erneuert werden. Die Stadt Bielefeld hat 12 Kunstrasenplätze selber gebaut; um sieben haben sich die Vereine in Eigenregie bemüht. Das verlangt viel Zeit und Kraft. Deshalb haben die meisten Vereine bis jetzt auf das etwas günstigere Granulat aus Altreifen gesetzt. Bielefelds prominentester Rasen, der in der Schüco-Arena, ist von der Diskussion nicht betroffen. Er besteht aus Naturrasen, der mit Kunststoff-Fasern verstärkt wird, heißt es von der Firma Heiler. Arminias Kunstrasenplatz an der Friedrich-Hagemann-Straße sei hingegen noch mit dem alten Granulat bestückt. Auch Sand könnte wieder ein Thema werden Die Firma Heiler verwendet bereits seit einigen Jahren Kork. Experten gehen davon aus, dass Kunstrasenplätze künftig aber auch wieder mit Sand ausgestattet werden könnten. Zum Leidwesen einiger Fußballer, da Sand das Spielgefühl verschlechtert. Ganz neu ist die aktuelle Diskussion nicht. Bereits in den 90er Jahren musste die Stadt ihre Kieselrot-Plätze sperren, um sie von Gift zu befreien. Das Ministerium hatte die Sperrungen aber nach einiger Zeit wieder aufgehoben. Noch immer gibt es neun Aschenplätze in der Stadt. Mit den Kunstrasenplätzen in Ubbedissen und Wellensiek nehme die Stadt derzeit die akutesten Baustellen in Angriff, sagt Sportamtschef Middendorf. 2022 folge aus Altersgründen der Platz in Sudbrack. Ob bis dahin auch die weiteren Plätze umgebaut werden müssen? „Wir können jetzt nur abwarten", sagt Middendorf. Lesen Sie auch: Der schönste Mann Deutschlands kommt aus Bielefeld Bielefelder berichtet von Horror-Erlebnissen aus dem Kurheim der Stadt Bielefelder tötet seine Eltern: Obduktion bringt Klarheit

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