Hier wird mehr Sozialarbeit als Arbeitsberatung gemacht: Das Jobcenter Bielefeld an der Herforder Straße. - © Oliver Krato
Hier wird mehr Sozialarbeit als Arbeitsberatung gemacht: Das Jobcenter Bielefeld an der Herforder Straße. | © Oliver Krato

Bielefeld Jobcenter Bielefeld gibt erstmals zu: „Das ist unsere schwierigste Klientel“

Bielefeld hat deutschlandweit eine der niedrigsten Sanktionsraten. Nur im äußersten Fall werden Leistungen von Empfängern gekürzt. Eine Gruppe beschäftigt die Berater aber besonders

Andrea Rolfes
21.01.2019 | Stand 21.01.2019, 16:33 Uhr

Bielefeld. Rainer Radloff ist Chef von knapp 500 Mitarbeitern. Sie alle arbeiten im Jobcenter. Dorthin kommen täglich die Menschen, die Hartz IV beziehen. Nicht selten haben sie psychische Probleme, sind traumatisiert, haben eine Flucht hinter sich und stammen aus archaischen Kulturkreisen. Radloff ist zwar Geschäftsführer einer Behörde, für ihn ist es aber vor allem ein Ort, an dem mehr Sozialarbeit geleistet wird als Arbeitsberatung. Radloff sagt, was er denkt: "Einen Großteil von dem, was Frau Merkel mit dem Satz ,Wir schaffen das' gesagt hat, müssen wir im Jobcenter leisten." In Bielefeld gibt es 35.912 Hartz-IV-Empfänger. Der Bund zahlte 2017 rund 95 Millionen Euro - so genannte Leistungen zum Lebensunterhalt. Hinzu kommen 93 Millionen, für Unterkunft und Heizung. Ein kleinerer Teil der Menschen, die Sozialleistungen bekommen, ist wirklich arbeitslos. Das sind 8.547 Menschen. "Hartz-IV-Empfänger sind nicht faul" Radloff räumt mit einem gängigen Vorurteil auf: "Hartz-IV-Empfänger sind nicht faul." Die meisten durchlaufen entweder Weiterbildungsmaßnahmen wie Sprachkurse, sind Schüler, machen eine Ausbildung oder arbeiten in Voll- oder Teilzeit. Die Erwerbstätigen verdienen aber so wenig, dass sie aufstocken müssen. Zudem gibt es aktuell 400 Selbstständige, die auf soziale Leistungen vom Jobcenter angewiesen sind. Viele von ihnen betreiben kleine Geschäfte wie Kioske oder Imbissstuben in der Stadt. Die meisten Hartz-IV-Empfänger in Bielefeld haben einen Migrationshintergrund. 19 Prozent und damit 4.809 Menschen stammen aus nichteuropäischen Asylländern. Die größte Gruppe sind Jesiden aus dem Irak. In einem Interview mit der NW spricht Radloff offen über Probleme mit den Menschen aus ganz anderen Kulturkreisen. Diese Menschen stellen für das Jobcenter Bielefeld eine besondere Herausforderung dar. Nicht nur, weil ihr Anteil an den nichteuropäischen Leistungsberechtigten 56,5 Prozent beträgt. Die Familien der 2.760 jesidischen Leistungsempfängern sind oft kinderreich. Den Nachwuchs dazugerechnet, wächst die Gruppe auf 5.000 Menschen an. Es ist die größte Gruppe, die das Jobcenter in Bielefeld betreut - und obendrein nur schwierig integrierbar sei, so Radloff. Jesiden aus dem Irak haben sich besonders in Bielefeld und Umgebung angesiedelt. Es gibt nur wenige andere Städte, in denen sie leben. Das sind Oldenburg, Celle und Pforzheim. Das Jesidentum ist eine Naturreligion, der man nicht beitreten kann, weiß Radloff. Das heißt, diese Menschen können nur untereinander heiraten. Schon oft sei versucht worden, die Volksgruppe auszulöschen. "Und das ist jetzt wieder mit dem IS der Fall gewesen." Viele von ihnen seien traumatisiert, hätten noch Verwandtschaft, die in Flüchtlingslagern lebt. Es gebe Familienmitglieder, die als Sex-Sklaven des IS gehalten wurden. "Diese Menschen befinden sich in einer Situation, die es kaum ermöglicht, an sie heranzukommen." Dem Jobcenter sind oft die Hände gebunden Und selbst wenn das irgendwann möglich ist, sind dem Jobcenter oft die Hände gebunden - zumindest was die Vermittlung von Sprachkursen angeht. "Da besteht dringender Handlungsbedarf", sagt Radloff. Geld für Sprachkurse sei zwar da, aber das Jobcenter habe keine Möglichkeit, berufsunabhängig Leistungsempfänger in Kurse zu bringen. Zuständig wäre das Innenministerium, aber das hat dann längst keinen Kontakt mehr zu den Geflüchteten. Es gebe viele dieser Fälle, wo die Betreuung der Hartz-IV-Bezieher anstrengend sei, so Radloff. Kommt es gar zu Regelverletzungen, könnte die Behörde Hilfen kürzen. Aber selbst da, wo es am gegenseitigen Verständnis hapert, sieht das Jobcenter bessere Möglichkeiten, als Sanktionen zu verhängen. "Wir versuchen, es gar nicht so weit kommen zu lassen, und setzen eher auf eine gute Beratungsbeziehung, die Vertrauen und Verbindlichkeit schafft." Die Bielefelder Behörde hat von den 403 Jobcentern, die es in Deutschland gibt, von den Großstädten die niedrigste Sanktionsrate. Sie liegt bei 1,3 Prozent aller erwerbsfähigen Leistungsberechtigten. Zum Vergleich: Der Deutschlandschnitt liegt bei 3,2 Prozent, der von der bayrischen Stadt Passau bei 7 Prozent. Sind Sanktionen gegen Langzeitarbeitslose überhaupt rechtens? Darüber berät das Bundesverfassungsgericht seit Dienstag. Es geht um die Frage, ob Sanktionen die Eingliederung ins Arbeitsleben fördern. Rainer Radloff fürchtet, dass ihre Abschaffung den Weg für ein bedingungsloses Grundeinkommen freimachen würde. "So weit wird es aber nicht kommen."

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