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In die Pedale treten: Wenig Anhöhen und Steigungen machen es den Niederländern – und den Touristen – so einfach, auf dem Fahrrad durch das kleine Land unterwegs zu sein.  - © istock
In die Pedale treten: Wenig Anhöhen und Steigungen machen es den Niederländern – und den Touristen – so einfach, auf dem Fahrrad durch das kleine Land unterwegs zu sein.  | © istock
Niederlande

Das gelobte Fahrradland

Unser Nachbarland ist ein Paradies für Zweiräder. Aber warum eigentlich? Dass Fahrräder zur niederländischen Seele gehören, war nicht immer so. Eine Spurensuche.

Sebastian Fobbe
29.09.2021 | Stand 28.09.2021, 15:04 Uhr

Käse, Tulpen, Windmühlen – fehlt da nicht noch etwas zum perfekten Klischeebild der Niederlande? Genau, das Fahrrad! Nirgendwo sonst auf der Welt gibt es so viele Fahrräder pro Einwohner wie in den Niederlanden. Der niederländische Radverkehrsbund schätzt, dass die rund 17,5 Millionen Einwohner des Landes etwa 22,8 Millionen Fahrräder besitzen. Das flache Relief der Niederlande macht es den Menschen einfach, fürs Einkaufen, den Weg zur Arbeit oder in der Freizeit in die Pedale zu treten. Aber ist das der einzige Grund, warum die Niederländer so gerne Rad fahren?

Tatsächlich sind die Niederländer nicht immer ein Volk der Radfahrer gewesen. Erst in den 1970er-Jahren begann der Staat, den Radverkehr systematisch auszubauen. Davor war das Fahrrad lange Zeit ein Prestigeobjekt der Elite. Ab 1880 schwappte der damals neue Trend des Fahrradfahrens aus Großbritannien in die Niederlande. Dort betrieben reiche Unternehmer das Radfahren als teures Hobby in speziellen Fahrradclubs.

Das änderte sich jedoch 1883. In diesem Jahr wurde der Algemene Nederlandse Wielersbond (ANWB) gegründet, eine Interessenvereinigung der Radfahrer, die heute noch besteht und mit dem deutschen ADFC vergleichbar ist. Der ANWB begann früh damit, das Fahrrad als massentaugliches Verkehrsmittel zu promoten. Dazu appellierte er an den Patriotismus der Niederländer: Sie sollten mit dem Fahrrad durchs Land reisen und die Heimat näher kennenlernen. Als ab 1900 die Massenproduktion von Fahrrädern begann, gelang es dem ANWB endgültig, das Fahrrad als Symbol der nationalen Identität der Niederlande zu etablieren. Zwischen 1920 und 1950 war das Fahrrad das meistgenutzte Fahrzeug im Königreich.

Trendwende in den Siebzigern

In den Sechzigern schlug das Ruder jedoch um, denn das Auto setzte sich allmählich als Massenfahrzeug durch. Nach und nach verschwand das Fahrrad aus dem Straßenbild in Europa, den Niederlanden blieb es jedoch zum Teil erhalten. Das lag daran, dass der ANWB das Fahrrad fest im Alltag der Niederländer verankert hatte, zudem konnten sich nach dem Zweiten Weltkrieg nicht alle Menschen ein Auto leisten. Stattdessen stiegen die Niederländer aufs Moped um und ließen „de fiets" stattdessen im Schuppen stehen.

Auch die Politik in Den Haag erlag dem europäischen Auto-Hype. Der Sozialdemokrat Joop den Uyl, zwischen 1973 und 1977 Premier des Landes, forderte gar, dass jeder Niederländer einen Kleinwagen vor der Haustür stehen haben sollte. Der Autoboom der Siebziger hatte aber seine Schattenseite: 1972 starben 3.200 Menschen bei Autounfällen, 400 der Opfer waren Kinder. Gegen die neue Gefahr auf den Straßen rebellierten zahlreiche Eltern, die die landesweite Kampagne „Stop de Kindermoord" ins Leben riefen. Darüber hinaus brachte der Erdölboykott der OPEC-Staaten gegen die Niederlande den Autoverkehr zum Stillstand – genau der richtige Moment für ein Comeback des Fahrrads: Die Politik stellte Gelder bereit, die den Ausbau des Fahrradwegnetzes und Parkmöglichkeiten ermöglichten. Für eigene Fahrradprojekte konnten Städte zudem Förderungen beantragen, um auf diese Weise dem lokalen Fahrradverkehr auf die Sprünge zu helfen.

1.100 Kilometer pro Jahr auf dem Rad

Und das wirkt bis heute nach: Laut einer Auswertung der Dutch Cycling Embassy, einer Gruppe, die den niederländischen Fahrraderfolg ins Ausland exportieren will, fährt jeder Niederländer 1.100 Kilometer pro Jahr mit dem Rad. Zum Vergleich: Deutsche fahren dagegen nur 380 Kilometer Fahrrad im Jahr. Mehr als jeder dritte Niederländer gibt an, das Rad als wichtigstes Verkehrsmittel im Alltag zu nutzen, in Deutschlands sagen das nur 12 Prozent.

Soll es nach den Vorstellungen des niederländischen Verkehrsministeriums gehen, setzt sich dieser Trend fort: Laut Haushaltsplan sollen die Niederländer Wege bis 7,5 Kilometer am besten mit dem Rad hinter sich bringen, bis 15 Kilometer sollen sie E-Bike fahren. Was nicht unrealistisch ist, denn ausgerechnet durch die Coronapandemie bewegen sich die Niederländer mehr, wie eine Untersuchung des Gesundheitsforschungsinstituts RIVM zeigt. Allerdings: Die Suche nach einem neuen Fahrrad dürfte derzeitig schwierig sein. Denn wie in Deutschland auch boomt der Fahrradhandel in den Niederlanden zurzeit wie selten zuvor.

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