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Wenn Eltern ihrem Smartphone unkommentiert den Vorrang vor den Kindern geben, kann das gravierende Folgen haben. - © picture alliance / Bildagentur-online/Tetra Images
Wenn Eltern ihrem Smartphone unkommentiert den Vorrang vor den Kindern geben, kann das gravierende Folgen haben. | © picture alliance / Bildagentur-online/Tetra Images

Familie Handyverbot in Kitas: Der richtige Gedanke, aber kein Allheilmittel

Essener Kitas verbieten Eltern neuerdings, das Handy zu benutzen, solange sie mit ihren Kindern in der Kita sind. Das Verbot verstehen können viele, doch in OWL wird es skeptisch gesehen

Björn Vahle
12.06.2019 | Stand 12.06.2019, 18:47 Uhr

Volle Aufmerksamkeit gegenüber den eigenen Kindern ist offenbar mancherorts viel verlangt. Deshalb haben Kitas in Essen beschlossen, für die Zeit des Bringens und Abholens der Kinder ein Handyverbot auszusprechen. Verstehen können das bei Kitas und Trägern in OWL die meisten. Mehr aber nicht. "Das Bringen und Abholen sind für die Kinder sensible Phasen", sagt Nadine Kotschote, seit dreieinhalb Jahren Leiterin der AWO-Kita am Bach in Versmold. Morgens brauchten manche Kinder noch einmal verstärkt die Nähe der Eltern, wenn es ans Verabschieden geht. "Und beim Abholen ist natürlich die Freude übers Wiedersehen groß", sagt Kotschote. Wenn Eltern in solchen Momenten mit der Aufmerksamkeit nicht bei ihren Kindern seien, könne sich bei denen der Eindruck verfestigen: Das Handy ist wichtiger als ich. "Eltern muss einfach bewusst sein: Wir Erwachsenen bringen den Kindern den Umgang mit Medien bei." Deshalb gebe es in ihrer Kita alle zwei Jahre Elternabende zum Thema, was und wie viel Medienkonsum in Ordnung ist. "Ich stelle infrage, dass es wirksam ist" Ein Verbot sieht Kotschote dennoch kritisch. "Ich stelle infrage, dass es wirksam ist, gegenüber Erwachsenen solch ein Verbot auszusprechen. Wir können ja nicht kontrollieren, was sie den Rest des Tages mit ihrem Handy machen." Die AWO betreibt in OWL 118 Kitas, ein generelles Handyverbot gibt es in keiner. Andere Träger äußern sich ähnlich. Ute Eberlein, verantwortlich für die 32 Evangelischen Kitas im Kirchenkreis Bielefeld, nennt die Aktion der Essener Kitas zwar "nachvollziehbar". Sie tue sich aber mit Verboten schwer. "Sowas kommt natürlich vor und ist bedauerlich. Aber bisher haben wir die Verabredung, dass wir Eltern ansprechen, wenn uns das auffällt." Sie wünscht sich, dass Eltern ihr eigenes Verhalten stärker reflektieren. Eine Kita in Schleswig-Holstein setzt bereits seit Anfang vergangenen Jahres auf einen milden Konfrontationskurs. Die Kinder aus dem Familienzentrum tragen Buttons, die die Eltern daran erinnern, nicht ständig aufs Handy zu schauen. Die Aufschrift: "Hör mir zu" oder "Sprich mit mir". Leiterin Birgit Komanns begründete den Schritt unter anderem damit, dass sie Auswirkungen auf die Sprachfähigkeit festgestellt habe, weil Eltern nicht regelmäßig mit ihren Kindern sprächen. Was Mediennutzung mit Kindern macht Mehrere Studien warnen vor exzessivem Gebrauch des Smartphones in Gegenwart von Kindern. In Deutschland untersuchten Kinderärzte zuletzt 2017 in der BLIKK-Studie 5.500 Kinder und ihre Eltern, auch im Bezug auf die Mediennutzung. Ein Ergebnis: Nutzen Mütter Handy oder andere Medien parallel zum Stillen, haben die Kinder häufiger Probleme beim Füttern und Einschlafen. US-Forscher berichteten 2018 nach einer Umfrage unter 183 Elternpaaren mit Kindern unter fünf Jahren, dass digitale Medien die Eltern-Kind-Beziehung nachhaltig stören können. Nutzten Eltern diese zu stark, seien Kinder eher frustriert, schmollten oder neigten stärker zu Wutanfällen. Die Ergebnisse sind aber umstritten, da zum Beispiel unklar ist, ob die Mediennutzung die Verhaltensstörung bedingt oder ob es sich andersherum verhält - und genervte Kinder Eltern eher zum Griff nach dem Handy verleiten. Die Forscher sprechen dabei vage von einem "negativen Kreislauf".

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