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Etwa jede vierte bis fünfte Schwangerschaft endet als Fehlgeburt, schätzen Gynäkologen. - © picture alliance / imageBROKER
Etwa jede vierte bis fünfte Schwangerschaft endet als Fehlgeburt, schätzen Gynäkologen. | © picture alliance / imageBROKER

Eltern-Blog Hebammen-Interview: Wie man lernt, mit einer Fehlgeburt umzugehen

Ulrike Bohnes-Berg ist seit Jahren Hebamme. Die Erfahrung, ein Kind zu verlieren, verarbeitet nicht jeder gleich. Im Interview erklärt sie, wie trauernde Eltern das lernen können

David Wellenfang
30.01.2019 | Stand 30.01.2019, 13:20 Uhr

Statistisch gesehen, das betonen Frauenärzte, erlebt jede Frau in ihrem Leben einmal eine Fehlgeburt. Man könnte beinahe von einer traurigen Normalität sprechen. Trotzdem ist es kein Thema, mit dem Betroffene sich selbstbewusst in die Öffentlichkeit wagen. Immerhin: Die frühere Weltklasse-Bob-Pilotin Sandra Kiriasis erzählte jüngst im Dschungelcamp von dem Kind, das sie nie bekommen durfte. Egal ob früher oder später Abort: Es ist immer ein Schock. Hebamme Ulrike Bohnes-Berg erklärt im Interview, wie es dazu kommt, wie man Verarbeiten lernt und wie Eltern mit der Schuldfrage umgehen sollten. Frau Bohnes-Berg, Sie unterstützen Schwangere vor, während und nach der Geburt. Wie fühlt sich eine Fehlgeburt an? Ulrike Bohnes-Berg: Manche bemerken ganz klar eine Blutung. Das kann ein Signal sein, muss aber nicht. Viele erfahren es erst bei einer Untersuchung, wenn das Herz nicht mehr schlägt. Manche können erst im Nachhinein in Zusammenhang setzen, was sie vielleicht gespürt haben. Dass die Brüste nicht mehr so gespannt haben wie vorher oder ihnen nicht mehr übel war. In frühen Wochen kann man einen Abort aber nicht unbedingt selbst feststellen. Gibt es einen Fall, der Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben ist? Bohnes-Berg: Ich kann mich an eine Frau erinnern, die ich im Kreißsaal betreut habe. Die hat dreimal zwischen der 20. und 22. Woche ihr Kind verloren. Ansonsten hatte ich mehrere Fälle, in denen aus heiterem Himmel Kinder kurz vor dem Geburtstermin gestorben sind. Ein Abschied ist es natürlich auch bei frühen Fehlgeburten. Aber das ist nochmal eine andere Hausnummer. Was geht einer werdenden Mutter dann durch den Kopf? Bohnes-Berg: Manche Frau fühlt sich ganz einfach von ihrem Körper betrogen, im Stich gelassen. Besonders beim sogenannten "verhaltenen Abort". Dann fragen sie sich: "Warum habe ich das nicht gemerkt? Was stimmt nicht mit mir?" Gibt es denn überhaupt immer einen Grund oder fühlen Frauen sich zurecht vom eigenen Körper betrogen? Bohnes-Berg: Die wenigsten betroffenen Kinder werden untersucht. Aber man geht davon aus, dass in diesen Fällen irgendetwas nicht in Ordnung war. Infektionen können ein Thema sein. Oder dass das Kind zum Beispiel genetische Fehlanlagen hatte, Organe nicht richtig ausgebildet waren - oder dass sich der Embryo gar nicht richtig in die Gebärmutter eingenistet hatte. Das macht es aber nicht weniger traurig für die Eltern. Bohnes-Berg: Richtig. Man hat besonders bei Kindern, die sich früh verabschieden, ja eben keine harten Fakten, weiß nicht genau, was denn nun war. Zumal man sich ja oft schon mit der Zukunft des Ungeborenen beschäftigt hat. Bohnes-Berg: Ja. Man hat es vielleicht gerade öffentlich gemacht, alle freuen sich schon mit. Dass diese Brücke, die man in Gedanken schon in die Zukunft gebaut hat, zerschlagen wird, beschäftigt viele. Ebenso die Schuldfrage: "Habe ich etwas falsch gemacht, mich vielleicht einmal falsch bewegt? Oder war es vielleicht die Schmerztablette, die ich bei der letzten Kopfschmerzattacke genommen habe?" Das ist bei Frauen dann oft das Gedankenkarussell. Aber im Grunde ist das absurd. Warum? Bohnes-Berg: In den meisten Fällen hat einfach niemand schuld. Um es mal ganz hart umzudrehen: Es gibt ja auch Frauen, die ihr Kind nicht behalten wollen. Und wenn es dafür nur ein paar schlechte Gedanken oder eine Schmerztablette bräuchte, wäre das ja eine einfache "Lösung". Aber so einen Einfluss hat man da gar nicht - auch wenn insbesondere Alkohol in der Schwangerschaft natürlich nichts zu suchen hat. Erhöht denn eine Fehlgeburt das Risiko, dass es wieder passiert? Bohnes-Berg: Bei einer gesunden Frau nicht unbedingt – bei zwei oder spätestens drei aufeinanderfolgenden Aborten forscht man aber nach zusätzlichen Ursachen - unerkannte Gerinnungsstörungen, hormonelle Probleme, vielleicht sogar Anomalien der Gebärmutter - um dann bei der nächsten Schwangerschaft entgegenwirken zu können. Männer erleben den Verlust nicht so unmittelbar wie ihre Partnerinnen. Bohnes-Berg: Sie sind aber durchaus betroffen. Dennoch gehen sie oft pragmatischer mit der Situation um, halten sich an die Fakten, googlen vielleicht und finden heraus, dass es durchaus häufiger vorkommt, und haken das Ganze womöglich schneller ab. Die Emotionalität will ich ihnen gar nicht absprechen, aber sie stecken eben im wahrsten Sinne nicht so drin. Das kann auch mal zur Zerreißprobe für ein Paar werden, denn Männer und Frauen trauern unterschiedlich. Was hilft dann? Bohnes-Berg: Bei meinen Betreuungen war sehr wichtig, einfach drüber zu sprechen. Ich mache dann auch gerne noch eine Bauchmassage. Denn mit dem leeren Bauch verabschieden sich ja auch Zukunftsträume. Das kann man damit ein bisschen greifbarer machen. Und oft merken die Eltern dann rechts und links in ihrem Umfeld, dass sehr viele von eigenen Erfahrungen erzählen. So nach dem Motto: "Ich hatte auch schon zwei Fehlgeburten." Das tut natürlich gut. Viele Eltern schaffen sich selbst eine bleibende Erinnerung. Bohnes-Berg: Ich finde es auch gut, dem Kind einen Platz in der Familie zu geben. Bei einem Kind, dass sich nahe dem Geburtstermin verabschiedet, ist die Lage natürlich nochmal dramatischer. Aber auch bei einem kleinen Sternenkind kann es helfen. Und wenn es nur eine Kerze ist, die in einem Raum steht. Ein Stein mit einem Namen drauf. Manchem Paar habe ich schon empfohlen, sich richtig zu einem Date zu verabreden, um dem anderen von seinen Gefühlen zu erzählen. Das hat eine andere Qualität, als wenn man es beim Abendessen zwischen Suppe und Kartoffeln macht. Warum ist diese Verarbeitung so wichtig? Bohnes-Berg: Egal, wie groß oder klein die Kinder sind: Es ist immer gut, Abschied zu nehmen. Früher wurde das bei Spätaborten aber anders gehandhabt, dazu hat auch unser Berufsstand beigetragen. Es gibt ältere Frauen, die unter Tränen erzählen, dass sie ihr tot geborenes Kind gar nicht gesehen haben. Man hat sie den Eltern nicht gezeigt, weil man geglaubt hat, man müsse ihnen das ersparen. Heute weiß man, dass das in der Trauerverarbeitung das Allerschlimmste ist. Da hat man vielen Frauen für ihr Leben eine Baustelle hinterlassen. Die moderne Medizin macht es möglich, Schwangerschaften schon unheimlich früh zu erkennen. Es wissen also tendenziell mehr Menschen immer früher, dass sie Eltern werden. Fluch oder Segen? Bohnes-Berg: Manche Frau weiß in der vierten Woche, dass sie schwanger ist, hätte am liebsten in der fünften einen Frauenarzttermin. Da sieht man aber noch nicht viel, kann noch gar keinen Herzschlag feststellen. Dann kommt sie in der sechsten, siebten Woche wieder zur Kontrolle. So hat man sich viel eher als noch vor 25 Jahren mit dem Gedanken identifiziert: Ich bin schwanger. Dass Kinder früh abgingen war aber damals genauso normal wie heute. Unser Leben ist einfach fragil und manchmal nützt eben alle Kontrolle nichts. Da tun wir uns, glaube ich, manchmal keinen Gefallen. Weniger ist hin und wieder eben einfach mehr.

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