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"Mal ein Glas Wein geht schon." Dieser Satz hält sich hartnäckig. Doch Alkohol in der Schwangerschaft kann fatale Folgen haben. - © picture-alliance / BSIP/RENARD
"Mal ein Glas Wein geht schon." Dieser Satz hält sich hartnäckig. Doch Alkohol in der Schwangerschaft kann fatale Folgen haben. | © picture-alliance / BSIP/RENARD

Story Alkohol in der Schwangerschaft: Lisa M. wird nie sein wie andere

Hartnäckig hält sich in der Gesellschaft die Idee, ein bisschen Alkohol in der Schwangerschaft schade schon nicht. Ein fataler Irrglaube, wie das Beispiel einer Betroffenen zeigt

Angela Wiese
09.12.2018 | Stand 10.01.2019, 15:17 Uhr

Aufgeben kam für Lisa M.* nie in Frage. Für sie bedeutet das schon in der Grundschule: kämpfen. "Ich habe immer gemerkt, dass ich anders bin, als die anderen Kinder", erinnert sich die heute 23-Jährige aus Bielefeld. Kleiner ist sie, misst auch jetzt nur 1,49 Meter. Schlimmer aber wiegt die Lernschwäche, vor allem in Mathe und Englisch. "Ich habe geübt und geübt damals." Trotzdem sei sie immer wieder gescheitert, habe das Gelernte schnell wieder vergessen. Kein schönes Gefühl. Sie sei gehänselt worden, auch die Lehrer zeigten kein Verständnis. "Ich habe mich gefragt, wieso ich? Wofür mache ich das, wenn ich es wieder vergesse?" Diagnose: FAS Erst mit 17 Jahren, damals lebt sie in einer Pflegefamilie, bekommt Lisa M. eine Erklärung. Eine Ärztin diagnostiziert bei ihr FAS, das fetale Alkoholsyndrom. Ihre Mutter hat in der Schwangerschaft getrunken. Damit bekommt Lisa M. endlich Gewissheit darüber, dass es eine Erklärung gibt für das, was sie erleben musste. "Jetzt, da ich weiß, was ich habe, kann ich darauf eingehen." Für Lisa M. war die Diagnose eine Erleichterung, endlich etwas Greifbares, mit dem sie umgehen konnte. Bei den meisten Kindern aber bleibt FAS ein Leben lang unentdeckt, sagt Dr. Reinhold Feldmann. Für betroffene Kinder schwer zu ertragen Seit 19 Jahren forscht Feldmann zu Alkoholschädigungen bei Kindern. Als er anfing, war FAS kaum bekannt. Mittlerweile gibt es immer mehr Ambulanzen, die sich auf das Vollbild der Krankheit und weitere Alkoholschädigungen, zusammengefasst unter dem Begriff Fetale Alkoholspektrumstörung (FASD), bei Kindern spezialisiert haben. Feldmann selbst leitet die FAS-Ambulanz der Tagesklinik Walstedde in Drensteinfurt. Dorthin kommen jährlich bis zu 2.000 betroffene Kinder. Schätzungen des Bundesgesundheitsministeriums zufolge kommen jährlich 10.000 Babys mit alkoholbedingten Schädigungen auf die Welt. Über 1.000 davon mit FAS, so die Vermutung. Alkoholkonsum in der Schwangerschaft sei die häufigste Ursache für nicht genetische Behinderungen in Deutschland. Ein Satz wie "Ein Glas schadet schon nicht" versucht in Feldmanns Augen zu verharmlosen, wie schädlich Alkohol tatsächlich ist. "Studien sagen, dass bereits bei kleinen Mengen, die Frauen in der Schwangerschaft trinken, Auffälligkeiten bei den Kindern auftauchen können. Der Alkohol greife am allermeisten das Gehirn an. Die verursachten Störungen im Denken seien für die Heranwachsenden schwer zu ertragen, sagt der Psychologe und Mediziner. "Sie vergessen viel und lernen langsamer. Das führt zu Misserfolgen in der Schule und zu Ausgrenzung." "Ich habe Hilfe verzweifelt gesucht, aber keine bekommen" Für Lisa M. ist auch der Austausch mit anderen Betroffenen wichtig. Diesen Austausch findet sie unter anderem in der FAS-Selbsthilfegruppe für Ostwestfalen-Lippe, die Rüdiger Prinz 2006 gegründet hat. Der heute 63-Jährige hat vor vielen Jahren ein Pflegekind aufgenommen, bei dem später FAS festgestellt wurde. Doch bis zur Diagnose war es ein weiter Weg. Damals, Anfang der 90er-Jahre, war das fetale Alkoholsyndrom kaum bekannt. Prinz' Pflegekind war unkonzentriert, hyperaktiv, aggressiv und konnte Gefahren nicht richtig einschätzen. "Ich habe Hilfe verzweifelt gesucht, aber keine bekommen", erinnert er sich. Stattdessen habe er sich als Elternteil Vorwürfe von anderen anhören müssen. Die Selbsthilfegruppe soll Betroffenen und Angehörigen den Raum geben, über ihre Schwierigkeiten im Alltag zu sprechen. Die Probleme bleiben ein Leben lang Diese Schwierigkeiten bleiben nämlich. Lisa M. wirkt im Gespräch wie eine ganz normale junge Frau, wird mit den Folgen des Alkoholkonsums ihrer Mutter in der Schwangerschaft aber für immer kämpfen müssen. M. lebt weiter bei ihrer Pflegefamilie. "Ich brauche Unterstützung", sagt sie. Alltägliches wie Kochen fällt ihr schwer, sobald sie mehrere Zutaten parallel beachten und Lebensmittel abwiegen muss. Sie kann sich keine Wege merken, selbst wenn das Ziel nur wenige Straßen von ihrem Zuhause entfernt liegt. Bei Überforderung ist sie schnell von 0 auf 100 und sie braucht eine strikte Tagesstruktur. Bei anderen Betroffenen sind die Auswirkungen noch gravierender, weiß Prinz. Die meisten Betroffenen können mit Geld gar nicht umgehen, erklärt er. Viele FAS-Betroffene hätten kein Unrechtsempfinden und seien leicht manipulierbar. Manche von ihnen würden für Straftaten missbraucht und könnten sich später wegen des schlechten Gedächtnisses gar nicht daran erinnern, etwas angestellt zu haben. Dass viele FAS-Erkrankte arglos und naiv sind, bestätigt auch Feldmann. "Das kann sehr gefährlich sein im Erwachsenenalter und zum Beispiel zu Verschuldung oder in die Kriminalität führen", sagt der Experte. Betroffene Frauen würden häufig Opfer sexueller Ausbeutung. Lisa M. kämpft weiter - mit Erfolg All diese Folgen von FAS und weiteren zum Spektrum gehörenden Alkoholschädigungen sind komplett verhinderbar, wenn werdende Mütter in der Schwangerschaft nicht trinken. Das betont Prinz immer wieder. Es sei eine zu 100 Prozent vermeidbare Behinderung. Ist sie erst mal da, bleibt sie ein Leben lang. "Eine Alkoholschädigung des Gehirns ist nicht heilbar", sagt Feldmann. Man könne den Kindern den Umgang mit der Behinderung aber erleichtern, zum Beispiel durch Logopädie und Frühförderung. Dafür aber muss die Erkrankung möglichst früh diagnostiziert werden. Die erst seit ein paar Jahren bekannter werdende Erkrankung werde aber noch nicht flächendeckend erkannt, sagt Feldmann. Lisa M. jedenfalls kämpft weiter gegen die Symptome. Dass sie nicht aufgibt, hat sich bezahlt gemacht. Mittlerweile hat sie sich den für sie so wichtigen, mehrfach abgelehnten Schwerbehindertenausweis erkämpft. Vor allem aber hat sie eine Ausbildung in Bethel absolviert und nun sogar einen unbefristeten Arbeitsvertrag als Bürohilfe in der Tasche. "Wenn mir das vor sechs Jahren einer gesagt hätte, dass ich eine Ausbildung mache und einen Job haben werde, hätte ich gesagt: der spinnt", sagt sie mit leuchtenden Augen. *Name ist der Redaktion bekannt

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