"In My Mind" gilt als Hymne des Dance-Festivals "Tomorrowland". Sechs Jahre nach der Veröffentlichung wird das Lied zum Charthit. - © picture alliance/James Arthur Gekiere/BELGA/dpa
"In My Mind" gilt als Hymne des Dance-Festivals "Tomorrowland". Sechs Jahre nach der Veröffentlichung wird das Lied zum Charthit. | © picture alliance/James Arthur Gekiere/BELGA/dpa

Musik Illegaler Charthit: Was steckt hinter dem Nummer-1-Song "In My Mind"?

Der Song von Dynoro und Gigi D'Agostino ist ein Mix aus zwei bekannten Dance-Hits. Die Geschichte des Tracks ist kurios - und hätte für den Produzenten auch böse enden können.

Matthias Schwarzer

Bielefeld. Vor diesem Song kann sich derzeit kaum jemand verstecken: "In My Mind" von Dynoro und Gigi D'Agostino läuft in Clubs, Diskotheken und auf Radiosendern rauf und runter. Nun ist der Track auch Platz 1 in den deutschen Single-Charts. Die Geschichte des Hits ist allerdings ziemlich kurios - und hätte für seinen Produzenten richtig böse enden können. Warum ist der Song so besonders? Bei der Deephouse-Nummer "In My Mind" handelt es sich um ein sogenanntes "Mashup" - also: zwei bekannte Tracks ineinander gemischt. Er besteht aus der Melodie des Italo-Dance-Klassiker "L'amour toujours" von Gigi D'Agostino und den Vocals der House-Hymne "In My Mind" von Ivan Gough, Feenixpawl, Georgi Kay und Axwell. Die beiden Songs wurden allerdings nicht einfach nur übereinander gelegt - der Track wurde komplett neu produziert, mit rhythmischem Deephouse-Beat. Während der Gigi-D'Agostino-Song bereits 17 Jahre auf dem Buckel hat, ist "In My Mind" noch gar nicht so alt: 2012 erschien der Track als Hymne des größten europäischen Dance-Festivals "Tomorrowland". Richtig bekannt wurde der Titel durch das offizielle Aftermovie zum Festival. In der EDM-Szene gilt das Stück neben der Musik von Avicii und der Swedish House Mafia als Aushängeschild moderner Progressive-House-Musik. Ein echter kommerzieller Erfolg blieb allerdings aus - bis jetzt. "L'amour toujours" von Gigi D'Agostino war im Jahr 2001 ein absoluter Chart-Erfolg in Europa, den USA und Latein Amerika. Der Track war seinerzeit in zwei verschiedenen Versionen erschienen: Die Original-Version, eher poppig und ruhig, wurde am Ende nur halb so bekannt wie die "L'Amour Version" mit Italo-Dance-Beat. Noch Jahre später gehört die markante Synth-Melodie zur absoluten Hymne in jeder Dorf-Disko. In Dänemark, Spanien und den Niederlanden schaffte es der Track auf Platz 1 der Charts. In Deutschland reichte es "nur" für Platz 3. Auch das ändert sich nun. Wer steckt hinter dem Track? Produziert wurde das "In My Mind"-Mashup vom litauischen Musikproduzenten Edvinas Pechovskis (Dynoro). Über ihn ist ziemlich wenig bekannt - außer, dass es schon in der Vergangenheit immer wieder mit Remixen, Bootlegs und Mashups aufgefallen ist. Seit 2013 veröffentlichte er gleich mehrere Mixe auf Soundcloud und Spotify. Und genau das ist das "Problem". Ist "In My Mind" illegal? Anfang 2018 tauchte "In My Mind" zum ersten Mal auf Spotify auf - und ging daraufhin richtig durch die Decke. Immer mehr Playlist-Kuratoren packten den Song in ihre Listen, die Streamingzahlen stiegen von Woche zu Woche. Am Ende stand das Lied in den Top 10 der deutschen und österreichischen Spotify-Charts - bis es am 27. Januar plötzlich von allen Plattformen verschwand. Doch warum? Das Fachmagazin "Dance Charts" vermutet, dass Remixer Dynoro nie die nötigen Rechte an einer Veröffentlichung besaß. In der EDM-Szene sind Bootlegs und Mashups (also nicht lizensierte Remixe) gang und gäbe. Sie bei Spotify zum kommerziellen Streaming anzubieten, ist allerdings nicht erlaubt. Die Veröffentlichung hätte für Dynoro also ernsthafte Folgen haben können. Doch es kam anders: Am 8. Juni wurde der Song beim Major-Label Sony Music ganz offiziell veröffentlicht, mit allen nötigen Rechten. Jetzt wird Gigi D'Agostino als offizielles Featuring angegeben. Die Millionen Spotify-Streams von Anfang des Jahres wurden angerechnet. Auch deshalb steht der Song seit Juli 2018 auf Platz 1 der deutschen Charts. Immer wieder "Mashups" in den Charts Dass es immer wieder Mashups aus der "Illegalität" in die Charts schaffen, ist nicht ungewöhnlich. Allerdings werden diese in der Regel nicht bei Spotify hochgeladen, sondern werden "unter der Hand" von DJs weitergegeben oder kostenlos im Netz verteilt. Ein bekanntes Beispiel solcher Mashups ist der Song "Doctor Beat" von Mylo (2004). Hier wurde der Electro-Song "Drop The Pressure" mit dem Miami-Sound-Machine-Klassiker "Dr. Beat" zusammengemixt. Zwei Jahre später wurde der Song "Horny As A Dandy" erfolgreich - ein Mashup aus dem Mousse-T.-Song "Horny" und "Bohemian Like You" von den Dandy Walholds. 2012 erschien "Bruised Water", ein Mashup des Natasha-Bedingfield-Songs "I bruise easily" und "Saltwater" des britischen Produzenten Chicane. "In My Mind" gilt nun als heißer Anwärter auf den Sommerhit 2018. Auch wenn er es gegen einen anderen Deephouse-Track schwer haben dürfte: "Bella Ciao" von HUGEL. Lesen Sie hier seine Geschichte.

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