0
Xavier Naidoo hat sich vor Gericht gegen Antisemitismus-Vorwürfe gewehrt.  - © picture alliance/KEYSTONE
Xavier Naidoo hat sich vor Gericht gegen Antisemitismus-Vorwürfe gewehrt.  | © picture alliance/KEYSTONE

Analyse Xavier Naidoo darf nicht als Antisemit bezeichnet werden. Was verraten seine Textzeilen?

Der Sänger behauptete vor Gericht, antisemitische Sprachcodes seien ihm nicht bekannt. Seine Texte sind allerdings voll davon.

Matthias Schwarzer
18.07.2018 | Stand 18.07.2018, 08:24 Uhr

Regensburg. Die Songtexte von Xavier Naidoo stehen seit Jahren immer wieder in der Diskussion. In gleich mehreren Songs benutzt der Sänger fragwürdige Sprache. Einmal kostete ihn das die Teilnahme am Eurovision Song Contest - der NDR zog die Nominierung nach heftiger Kritik zurück. Weitere Konsequenzen blieben bislang jedoch aus. Am Dienstag hat ein Gerichtsfall die Diskussion erneut ins Rollen gebracht. Denn das Landgericht Regensburg entschied am Morgen zugunsten des Sängers: Xavier Naidoo darf nicht Antisemit genannt werden, so das Gericht. Der 46-Jährige hatte sich zuvor juristisch gegen einen entsprechenden Vorwurf einer Referentin der Amadeu-Antonio-Stiftung gewehrt. Die Frau hatte Naidoo im vergangenen Jahr auf einer Bühne vor Publikum als Antisemit bezeichnet. "Das ist strukturell nachweisbar", so die Referentin. Das Gericht sieht das anders: Die Beklagte habe die Vorwürfe nicht ausreichend belegen können. Die Frau hatte dargelegt, dass Naidoo in seinen Liedtexten antisemitische Codes und Chiffren verwende. Der Sänger hielt dagegen, dass diese ihm nicht bekannt seien. Antisemitismus ist nicht immer eindeutig Der Fall rund um Xavier Naidoo zeigt ein Grundproblem der Antisemitismus-Debatte: Ein Aufschrei über Judenfeindlichkeit findet in der Öffentlichkeit nur dann statt, wenn die Vorwürfe klar sind und nicht der geringste Zweifel daran besteht. Zuletzt hat man das am Beispiel von Kollegah und Farid Bang gesehen. Eine Textzeile der beiden Rapper ("Mein Körper ist definierter als der von Auschwitz-Insassen") hatte die Öffentlichkeit im Frühjahr so schockiert, dass eine bundesweite Debatte losbrach, die zuletzt sogar die Einstellung des "Echo" zur Folge hatte. Das Problem mit dem Antisemitismus ist allerdings deutlich komplexer: Denn er ist nicht nicht immer klar erkennbar - und auch nicht immer klar belegbar. Im Gegenteil: Es gehört sogar zur Taktik von Neonazis, ihre Botschaften so zu verschlüsseln, dass im Zweifel nur andere Antisemiten diese Aussagen verstehen. Die Code-Wörter der Rechten Sprachwissenschaftler haben dieses Phänomen in den vergangenen Jahren intensiv erforscht - zur Sprache der Rechten gibt es auch mehrere Bücher. Zu ihren Code-Wörtern gehört beispielsweise das Wort "USrael" - ein Mischwort aus Israel und USA. Es suggeriert, dass die amerikanische Politik und Wirtschaft insgeheim von Israel gesteuert wird - eine judenfeindliche Theorie. Auch das Wort "Ostküste" ist so ein Codewort. Spricht ein Neonazi von "Schaltzentren an der amerikanischen Ostküste", so glaubt er, dass die Banken in New York (an der Ostküste) von den Juden kontrolliert werden. Xavier Naidoo behauptet, antisemitische Codes wie diese nicht zu kennen. Seine Texte sind allerdings voll davon. Ein paar Beispiele. Welche Begriffe verwendet Xavier Naidoo? "Marionetten": Im Frühjahr 2017 veröffentlichte Naidoo den Song "Marionetten" mit folgender Textzeile: "Wie lange wollt ihr noch Marionetten sein? Seht ihr nicht, ihr seid nur Steigbügelhalter? (...) Für eure Puppenspieler seid ihr nur Sachverwalter." Die Marionette ist laut Landeszentrale für Politische Bildung ein klassisches Sprachbild antisemitischer Verschwörungstheorien: Politiker werden hierbei als Marionetten der "reichen Mächte" dieser Welt bezeichnet - aus Sicht von antisemitischen Verschwörungstheoretikern sind das die Juden. "Sachverwalter": Auch dieses Wort, das im selben Song auftaucht, ist nicht unbelastet. Es stammt aus der Reichsbürgerszene, die die Bundesrepublik nicht anerkennt. Als "Sachverwalter" oder "Sachwalter" bezeichnet die Szene die handelnden Staatsorgane. Die Reichsbürger selbst bezeichnen sich zwar nicht offen als Judenfeinde - doch auch sie benutzen für ihre Argumentationsstrategie fast ausschließlich Verschwörungstheorien, die auf eine angebliche jüdische Weltverschwörung hindeuten. "Totschild": In den Lyrics zum Naidoo-Song "Raus aus dem Reichstag" heißt es: "Ihr wart sehr, sehr böse, steht bepisst in euren Socken Baron Totschild gibt den Ton an, und er scheißt auf euch Gockel. Der Schmock ist'n Fuchs und ihr seid nur Trottel". Der Name "Totschild" dürfte eine Anspielung auf den jüdischen Namen "Rothschild" sein. Schon zur Zeit des Nationalsozialismus war es üblich, die Namen von jüdischen Mitbürgern zu verunglimpfen. Die Familie Rothschild ist eine weit verzweigte jüdische Bankiersfamilie und steckt, laut dieser Verschwörungstheorie, hinter allem Übel in der Welt. "Schmock" ist ein jiddisches Schimpfwort, und der "Fuchs" kann im Bezug auf jüdische Banker auch als antisemitisches Klischee verstanden werden. Im aktuellen Verfahren hatte Naidoo erklärt, der Songtext sei nur eine allgemeine Bankenkritik, inspiriert von der Finanzkrise 2008. Reichsbürger-Sprech und homophobe Liedzeilen Neben Textzeilen aus dem antisemitischen Lager gibt es von Xavier Naidoo auch diverse Lyrics und Zitate, die mindestens als rechtsextreme Theorien und als homophob aufgefasst werden können. Im ARD-Morgenmagazin hatte der Sänger vor einigen Jahren die Meinung vertreten, Deutschland sei nicht frei - schließlich gebe es keinen Friedensvertrag. Auch dies ist eine Theorie, die von der Reichsbürgerszene propagiert wird: Sie behauptet, Deutschland sei noch immer von den Amerikanern besetzt. 2012 sorgte der Song "Wo sind sie jetzt" zusammen mit Kool Savas für Kritik. Darin hieß es unter anderem "Warum liebst du keine Möse, weil jeder Mensch doch aus einer ist." Dem Sänger wurde vorgeworfen, Homosexuelle mit Kinderschändern gleichzusetzen - eine weit verbreitete Theorie unter Schwulenhassern. Stiftung sieht Meinungsfreiheit in Gefahr Die Referentin der Amadeu-Antonio-Stiftung will nun in Berufung gehen, ließ sie über die Organisation mitteilen. Sie erklärte: "Das Urteil ist ein fatales Signal für die politische Bildung". Die Stiftung hält die jetzt verbotene Äußerung für von der Meinungsfreiheit gedeckt. Das Gericht greife in dieses Grundrecht ein. Schon 2015 hatte Naidoo die Amadeu-Antonio-Stifung verklagt. Die Stiftung sah in dem Song "Raus aus dem Reichtstag" eindeutige antisemitische Tendenzen. Damals einigten sich der Sänger und die Amadeu-Antonio-Stiftung auf einen Vergleich: Die Stiftung stellte klar, dass man nicht Xavier Naidoo persönlich als antisemitisch darstellen wollte. Seine Textzeilen allerdings könne man als genau das interpretieren.

realisiert durch evolver group