Pokémon auf dem Game Boy. Eine Erfolgsgeschichte. - © picture alliance / dpa Themendienst
Pokémon auf dem Game Boy. Eine Erfolgsgeschichte. | © picture alliance / dpa Themendienst

Games 30 Jahre Game Boy und ich: Eine Liebeserklärung

220 Gramm pures Glück: Nintendos erste Handheld-Konsole begründete den Erfolg des Unternehmens - und bescherte unserem Autor zahllose glückliche Stunden

Björn Vahle
20.04.2019 | Stand 21.04.2019, 08:19 Uhr

Das untrüglichste Zeichen fürs Älterwerden ist ja, wenn etwas Jubiläum feiert, das jünger ist, als man selbst. Der Game Boy wird in diesen Tagen 30, was mich nicht nur wegen meines sondern auch wegen seines Alters sentimental werden lässt. Denn Game Boy, was haben wir alles erlebt. Ist es wirklich so lange her, dass ich im Level 1-1 den stereotypen Italo-Klempner Mario zum ersten Mal an einen Fragezeichen-Klotz springen ließ? Dass ich Pokémon jagte, als wären sie der Sinn des Lebens? Dass ich stundenlangen Autofahrten entgegenfieberte, anstatt sie zu verteufeln? Der Game Boy war für mich und eine ganze Generation sowas wie Marihuana. Die Einstiegsdroge, unwiderstehlich und günstiger zu haben als das teurere Koks, beziehungsweise die Playstation. Von Sucht sprachen 1989 im Zusammenhang mit Spielen oder Spielkonsolen noch die wenigsten. Es gab einfach bis dahin nichts, was süchtig gemacht hätte. Steuerkreuz und vier Tasten - das versteht jeder Das änderte der Gameboy. Ein Steuerkreuz und vier Tasten, das verstand jeder. Mit "A" bestätigte man (oder versuchte durch irres Nacheinanderdrücken den Vorspann des Spiels schneller , "B" führte irgendwie zurück, "Start" rief meistens ein Menü auf und was die Select-Taste tat, weiß bis heute eigentlich niemand. Fest steht aber: Es veränderte alles. Und weil alles so einfach war, dachten wir uns nichts dabei, Tetris zu spielen bis endlich auf Stufe 10 die Raketenanimation startete, eine aus heutiger Sicht geradezu freche Belohnung für das Durchspielen eines Games. Hatten kein schlechtes Gewissen, wenn Autobahnfahrten in die Ferien die perfekte Gelegenheit darstellten, nach der blauen und roten endlich auch die gelbe Edition von Pokémon durchzuspielen. Zumindest, wenn uns der bockige graue Klotz ließ. Anders als heute, wo die meisten Spiele in Sekunden aufs Smartphone geladen werden können, brauchte es damals noch Spielkassetten. Und wenn die dreckig waren oder nass, oder wenn einen der Games-Gott einfach gerade ganz besonders dolle hasste, funktionierten sie nicht. Dann verzerrte sich das Nintendo-Logo, das vor jedem Spielbeginn von oben auf das 160x144-Pixel-Display herunterlief, zu Pixelbrei. Einzige Lösung: Kassette raus, unten reinpusten, neuer Versuch. Eine unwiderstehlich analoge Lösung, eine, die man einfach mögen musste. Noch schlimmer: Leere Batterien. Wer in der Trance des Spielrauschs das Speichern vergaß und dann das rote Powerlämpchen aufflammen sah, der konnte stundenlangen Spielfortschritt nur noch wehmütig nachwinken. Wer sowas mal erlebt hat, der steckt wahrscheinlich bis heute sein Handy bei 99 Prozent Akku ans Ladekabel. Warum hielt sich der Game Boy? Die Antwort: Seine Geschichten Doch der Gameboy begründete nicht nur den Hype um Games allgemein, auf ihm unternahmen Spieleentwickler auch die ersten Versuche des virtuellen Geschichtenerzählens. Spiele wie "The Legend of Zelda" zeigten, dass es nicht viele Bildpunkte braucht, um Menschen zu rühren. Erst das machte den Game Boy wirklich zur Erfolgsgeschichte. Denn bis dahin war die Jagd nach Highscores noch des Nonplusultra des Game Design. Ich muss zugeben, dass der Game Boy mich irgendwann als Fan verlor. Denn die neueren Modelle setzten für mein Empfinden auf die falschen Neuerungen (Wer bitte braucht beim Spielen einen Stift, um das Display zu bedienen???). Und spätestens als "Dr. Kawashimas Gehirn-Jogging", zuvor höchstens in Fernsehzeitungen erfolgreich, zum Massenphänomen wurde, hatte es sich mit meiner Faszination erledigt. Neulich habe ich tatsächlich noch einmal Pokémon gespielt. Denn der Game Boy Color meines Bruders liegt immer noch in derselben Schublade, in der ich ihn irgendwann einmal vergessen haben muss. Es wäre gelogen, wenn ich sagen würde, ich hätte keine frischen Batterien rausgekramt und beim "Pling" des Nintendo-Logos ein mittelschweres Synapsenfeuerwerk abgebrannt. Denn das Prinzip Anmachen, A-Taste hämmern, beruhigen, spielen hat bis heute nichts von seinem Charme verloren.

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