Die allererste Bravo-Hits-CD von 1992. Sogar mit Marky-Mark-Interview. - © picture alliance/BRAVO & Sony Music/dpa
Die allererste Bravo-Hits-CD von 1992. Sogar mit Marky-Mark-Interview. | © picture alliance/BRAVO & Sony Music/dpa

Musik Erinnerungen an die Bravo Hits: Niemand mochte CD 2

Unser Redakteur hat in den Neunzigern alle Ausgaben der CD-Reihe gesammelt. Erinnerungen an ein Leben mit Tic Tac Toe, Kopierschutz und Stefan aus der 7a.

Matthias Schwarzer

Bielefeld. Es war die Zeit der Jojos und Tamagotchis, der Vans-Sneaker und Eastpak-Rucksäcke. Und es war die Zeit von Blümchen, Mr. President und Robert Miles. 1995 kaufte ich mir meine erste "Bravo Hits". Inzwischen gibt es davon bereits mehr als 100 Ausgaben. Wie konnte es nur so weit kommen? Es dürfte die Klassenfahrt nach Winterberg gewesen sein. Vierte Klasse, völlig überfüllter Bus, Serpentinstraße durch die sauerländischen Berge - und auf dem Weg nach Hause mussten wir unbedingt noch an irgendeinem Denkmal vorbei. Der ganzen Klasse wurde schlecht von der Fahrweise des Busfahrers - aber im Radio lief immerhin "1100101" von "Das Modul", gefolgt von Blümchens "Herz an Herz". Zurückblickend weiß ich wirklich nicht, wie ausgerechnet die Krönung des Neunzigerjahre-Trashs mein Interesse für Musik geweckt haben könnten. Zwei Tage später stand ich jedenfalls an der Theke des Musikhauses Rottwinkel und fragte nach einer CD, die "genau so 'ne Musik drauf hat". (Die Musikrichtung nennt man übrigens Happy Hardcore, aber das lernte ich erst viel später.) Rotes Cover mit nackten Engeln "Da ist alles drauf", erklärte mir die Verkäuferin und drückte mir meine allererste Bravo Hits in die Hand: "Bravo Hits Best of 1995". Sie schmückte ein dunkelrotes Cover mit nackten, übergewichtigen Engeln, was mindestens genauso verstörend war wie ihre Tracklist. Mit dabei: "Bombastic" von Shaggy und "Fred come to bed" von E-Rotic. Achtung, das sind die Original-Lyrics: "Fred, come to bed, cause my Max had sex with his sexy ex. Oh Fred, come to bed, Baby I will let your dreams get wet." Mindestens bis Anfang der 2000er ließ mich die Bravo-Hits-Reihe nicht los, und ich sammelte jede Ausgabe. Ich weiß nicht, wie sich mein Musikgeschmack entwickelt hätte, wenn es schon damals so etwas wie "Spotify" gegeben hätte. Der Musikgeschmack der Neunzigerjahre-Kids wurde nicht von YouTube oder Spotify-Algorithmen geprägt, sondern von den Musikredakteuren von 1Live, Viva und eben der Bravo Hits. Auf den Schulhöfen, auf denen heute Mike Singer durch die Bluetooth-Box dröhnt, pumpten wir 1997 euphorisch Tic Tac Toe im Ghettoblaster. Beides war eine Scheiß-Erfindung: Sowohl Mike Singer als auch Tic Tac Toe - und erst recht der Ghettoblaster. Den durfte man nämlich nie bewegen, weil sonst die CD skippte. Modelle mit Ruckelschutz kamen erst später und waren sowieso viel zu teuer. Der Ruckelschutz hätte aber sowieso nichts gebracht, denn die Bravo Hits war nach diversen Einsätzen sowieso komplett zerkratzt - allerdings immer nur CD 1. Denn, und da waren sich alle einig: CD 2 war immer totaler Schrott. CD 1 war voll mit Dance-Hits, auf CD 2 waren die Rentner-Songs - zum Beispiel von den "Toten Hosen". Die waren auch damals schon uncool. Aufnahmefehler und Kopierschutz Da wir gerade bei völlig unnötigen Anekdoten sind, hier kommen noch ein paar weitere unnütze Fakten zur Bravo Hits: 1. Auf den CDs der Compilation befand sich damals der Hinweis "AAD". Laut Internet galt diese Technik (Analoge Aufnahme, analoge Abmischung, digitales Mastering) schon in den Neunzigern als veraltet - wurde aber jahrelang dort angewendet. Vielleicht kann mir ein Experte auf dem Gebiet mal verraten, warum das so war. 2. Noch heute kenne ich zum Teil die Tracklist der Bravo Hits 13 auswendig - die mit Abstand beste Bravo Hits aller Zeiten. Kleine Kostprobe: 1) "Coco Jamboo" von Mr. President, 2) "Don't Go Away" von Fun Factory, 3) "Kleiner Satellit" von Blümchen, 4) "Hier kommt die Maus" von Stefan Raab und so weiter. 3. Die erste Auflage der Bravo Hits 31 hatte einen Fehler, und zwar beim Titel "Absolutely Everybody" von Vanessa Amorosi (CD 1, Track 18). Der Song klang so, als sei die CD an einer Stelle gesprungen - und das lag nicht an Vanessa Amorosi selbst. Dieser Fehler muss schon bei der Aufnahme passiert sein. Ich frage mich bis heute, ob der Springer bei späteren Auflagen noch mal ausgebügelt wurde. 4. Auch Bravo Hits 19 hatte einen Sprung, und zwar auf CD 1, Track 6: "Meine kleine Schwester" von Spektacoolär. Das lag aber nicht an der Aufnahme, sondern an Stefan aus der 7a. Den konnte ich sowieso noch nie leiden. 5. Obwohl CD 2 niemand mochte, hatte CD 2 auf lange Sicht trotzdem die größeren Hits. Jeder erinnert sich heute noch an "Jein" von Fettes Brot (Bravo Hits 13, CD 2) - aber kaum jemand weiß noch, wer Dune ist. Außerdem wurde das Konzept der Bravo Hits ein, zwei Mal verändert, und zwar bei Ausgabe 15, 20 und 23. Hier fand man auf CD 1 die Kuschelsongs, während auf CD 2 Acts wie Faithless und RMB vertreten waren. 6. Das Jahr 2001 war die Hochphase der Raubkopien. Einen CD-Brenner hatte seinerzeit fast jeder, zum ersten Mal tauchte zudem das Angstwort "Napster" auf - die Musikszene befand sich im Umbruch. Auf der Bravo Hits 35 führte das Label darum erstmals einen Kopierschutz ein. Wer die CD in den Computer steckte, kam nicht wie üblich an die Daten der CD. Es öffnete sich stattdessen eine eigene Software zum Abspielen der Titel. Fun Fact: Ich konnte den Kopierschutz trotzdem umgehen - aber das bleibt mein kleines Geheimnis. 7. Auf Bravo Hits 21 und 22 gab es einen Musiktrend, der innerhalb weniger Monate wieder weg war. Ich nenne ihn den "Breakdance-Musik"-Trend. Unzählige Dance-Produzenten begannen plötzlich, komisch spacige Breakbeat-Musik zu produzieren. Prominentestes Beispiel war "Supersonic" von Music Instructor. Der Trend verschwand so schnell wie die Acts, die sich daran versuchten. Ebenso schnell übrigens wie der "2 Step"-Trend rund um Craig David und Artful Dodger (Bravo Hits 30), was ich persönlich extrem schade finde. 8. Auf manchen Bravo-Hits-CDs waren nicht die Original-Versionen bekannter Charts-Hits zu finden - stattdessen Remixe oder deutlich schlechtere Album-Versionen. Vermutung: Die Original-Versionen hat man damals wohl für die Compilation nicht bekommen, weil die Künstler mit dem Single-Verkauf deutlich höhere Einnahmen erzielten. 9. Einige Top-Stars waren nie auf einer Bravo Hits vertreten, darunter beispielsweise Michael Jackson. Ich vermute hier einen ähnlichen Grund wie bei Punkt 8. Es gab nur eine Ausnahme: Nach seinem Tod 2009 wurde der Song "Thriller" als Bonus-Track auf der Bravo Hits 66 veröffentlicht. 10. Die erfolgreichste Ausgabe der Bravo Hits war Nummer 26, die im Jahr 1999 erschien. Darauf gab es folgende Hits: "Mambo No. 5" von Lou Bega und "I want it that way" von den Backstreet Boys. Wer kauft heute noch die Bravo Hits? Am Ende bleibt noch eine Frage zu klären: Wie lange wird es die Bravo Hits noch geben? Die Zeit der CD ist mindestens schon zehn Jahre vorbei. Das Musikhaus Rottwinkel, in dem ich meine erste Bravo Hits kaufte, existiert nicht mehr. Warum wird diese CD-Compilation immer noch produziert - und wer kauft sowas noch? Laut Bauer Media Group ist die Bravo Hits "ein Einsteigermedium für junge Zielgruppen und ein Sammlerstück für Bravo-Generationen vergangener Jahre." Es könnte also sein, dass die CD von Menschen gekauft wird, die einfach nicht viel mit Spotify zu tun haben (weil sie zu alt oder zu jung sind) - oder einfach aus Nostalgie-Gründen. Für Künstler, die auf einer Bravo Hits vertreten sind, dürfte das Geschäft immer noch ziemlich lukrativ sein: Angeblich werden im Jahr immer noch etwa eine Million Bravo Hits verkauft (zum Vergleich: Früher wurde eine einzige Ausgabe fast zwei Millionen Mal verkauft.) Die Einnahmen mit Streaming sind für Künstler und Plattenlabels deutlich geringer als beim Verkauf einer CD. Selbst dann, wenn man sich seinen Anteil mit 39 weiteren Künstlern teilen muss. Dass wir eine Bravo Hits 200 erleben werden, ist wohl eher unwahrscheinlich. Doch die Aussichten sind immer noch so gut, dass es die CD-Reihe noch eine ganze Weile geben dürfte.

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