Die Zwillinge Dennis und Benjamin Wolter ("World Wide Wohnzimmer") beim Webvideopreis 2017. - © picture alliance / Jens Kalaene/dpa-Zentralbild/dpa
Die Zwillinge Dennis und Benjamin Wolter ("World Wide Wohnzimmer") beim Webvideopreis 2017. | © picture alliance / Jens Kalaene/dpa-Zentralbild/dpa

Netzwelt Neun Minuten "Body Shaming" im öffentlich-rechtlichen Rundfunk

Der übergewichtige YouTuber "Exsl95" wird in einem "funk"-Format minutenlang aufs Übelste beleidigt. Das öffentlich-rechtliche Jugendangebot beruft sich auf "Satire".

Matthias Schwarzer

Köln. Ein junger, stark übergewichtiger Mann sitzt im Dunkeln vor einer Kamera. Aus den Lautsprechern tönt eine Computerstimme: "In Afrika sterben Kinder und du erstickst fast an überbackenem Käse. Schämst du atemloser Adipositas-Eimer dich denn kein bisschen?". Das Video, das am Sonntag auf dem YouTube-Kanal "World Wide Wohnzimmer" veröffentlicht wurde, hat inzwischen fast 140.000 Aufrufe. In dem Clip wird der YouTuber Tobias Eckmeier ("Exsl95") neun Minuten lang beleidigt und mehrfach auf sein Aussehen reduziert. Es fallen Formulierungen wie "kinnlose Kackbratze" und "fresssüchtige Fast-Fehlgeburt" - das ist zugleich auch der Titel des Videos. Was klingt wie das fragwürdige Werk eines Hobby-YouTubers, ist tatsächlich eine Produktion des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Der YouTube-Kanal "World Wide Wohnzimmer" gehört zu "funk", dem Jugendangebot von ARD und ZDF. Auf YouTube präsentiert das Team rund um die Zwillinge Dennis und Benjamin Wolter eine Unterhaltungsshow, die sich vor allem mit prominenten YouTube-Stars befasst. Eine bekannte Rubrik der Sendung heißt "Ich hate da mal eine Frage". In dem Format müssen sich YouTuber den Zuschriften vermeintlicher Hass-Kommentatoren stellen. Das passiert oft in derber Sprache - ist in den meisten Fällen aber harmlos. "Dich wird niemals eine Frau anschauen" Doch am Sonntag war eben "Exsl95" dran. Der YouTuber ist auf der Plattform vor allem durch seine füllige Statur und skurrile Videos bekannt, in denen er massenhaft Nahrungsmittel kauft. Zudem gibt es diverse Livestreams, in denen "Exsl" sturzbetrunken in die Kamera spricht. Auf Twitter nennt sich der junge Mann selbstironisch "Fettester Streamer Deutschlands". Das wurde auch in den vermeintlichen Hater-Kommentaren aufgegriffen. "Wie traurig macht es dich, dass dich niemals eine Frau auch nur ansatzweise so anschauen wird, wie du cremigen Gorgonzola anschaust?", heißt es da unter anderem. Oder: "Worauf können sich deine Fans zuerst freuen? Einen Herzinfarkt oder deinen längst überfälligen Rückfall in die Irrelevanz?" "Exsl95" reagiert auf die Fragen sichtlich irritiert - aber mit Humor. Auch bei der Community von "World Wide Wohnzimmer" kommt das Video blendend an. Nur ein Nutzer kommentiert: "Schämt ihr euch eigentlich nicht, zu funk zu gehören?" "funk" beruft sich auf "Satire" In der Tat stellt sich die Frage, was minutenlages Body Shaming und Beleidigungen wie "Fast-Fehlgeburt" eigentlich im öffentlich-rechtlichen Rundfunk zu suchen haben - noch dazu in einem Format für eine sehr junge Zielgruppe. Denn selbst wenn der YouTuber "Exsl95" humorvoll mit den Anfeindungen umgeht, so sind Body Shaming und heftige Beleidigungen für viele Jugendliche Realität - und alles andere als witzig. Die Pressestelle von "funk" beruft sich auf Anfrage von nw.de auf "Satire". Das Format ziele darauf, Hass unwirksam zu machen, "indem den Betroffenen die Möglichkeit gegeben wird, auf die Kommentare zu reagieren", heißt es. Grundsätzlich wisse jeder Befragte vorab, was auf ihn zukomme. "Die Fragen kommen von 'echten' Hatern und werden absichtlich überspitzt gestellt. Wer sich dem Interview stellt, dreht an dieser Stelle den Spieß um. Wie der Name schon suggeriert, wird es ein Fingerzeig auf die Hater und den Hate im Netz. Der Befragte führt die Ansichten seiner Hater ad absurdum." Satirischer Überbau fehlt Ganz so stimmt das allerdings nicht. Denn die vorgetragenen Fragen sind nicht etwa tatsächliche Hasskommentare aus dem Netz - sie werden gezielt für die Sendung zusammengetragen. Am 6. September hatten die Produzenten der Show ihre Community auf Twitter dazu aufgerufen, möglichst viele "böse, beleidigende" und "provozierende Fragen" an"Exsl95" einzusenden. Mit Erfolg. Maaaaahlzeit! Legt den Gorgonzola zur Seite und haut in die Tasten: Eure bitterbösen Fragen an @Exsl95 - jetzt und hier!#IchHateDaMalEineFragepic.twitter.com/xx1JRCmOQl — WorldWideWohnzimmer (@twintvofficial) 6. September 2018 Auch nach dem vermeintlichen satirischen Überbau muss man bei dem Format lange suchen. Denn die Hass-Kommentare werden in der Sendung als Gag-Vorlage genutzt - je krasser, desto lustiger. Kritisch eingeordnet werden sie aber keineswegs. Und da es sich bei den Befragten nur in seltenen Fällen um echte Kamera-Profis handelt, wirken ihre Antworten oftmals eher verzweifelt als souverän. Den Vorwurf des Body Shamings will "funk" trotzdem nicht auf sich sitzen lassen. "Hass im Netz, auch in Form von Body Shaming, findet statt und ist breit gefächert", heißt es auf Anfrage. Mit dem "Hater-Interview" werde Betroffenen eine Bühne gegeben, damit umzugehen. "Unser Anliegen ist es, positiv und humorvoll mit den Angriffen umzugehen, um dem Hate damit auch seine Wirkung zu nehmen." Lesen Sie auch: Reaktionen zum "Body Shaming" bei funk: "Ihr legitimiert Mobbing und geilt euch daran auf" Parallelen zum Fall mit Chris Tall Der Fall um "Exsl95" ist einer von vielen, wie sie immer wieder in den Medien auftauchen. Zuletzt hatte eine RTL-Sendung des Comedians Chris Tall für heftige Kritik gesorgt. Drei Comedians hatten hier auf einer Bühne den Körper einer Frau beurteilen müssen. Nebendran stand ein Schild mit der Frage "Schwanger oder dick?" Auch in diesem Fall berief sich der Sender RTL auf Satire. "In der Show geht es um den Unsinn von Vorurteilen im Alltag, auf die Chris Tall hinweisen will. Er ist Comedian und spielt damit", so der Sender in einem Statement. Eine Erklärung, die viele Twitter-Nutzer nicht überzeugte. "Es gibt intelligente Comedy, die Tabuthemen in einen Kontext setzt und es gibt plumpe Idiotencomedy, die Rassismus, Sexismus, Body Shaming und Ableismus reproduziert. Chris Talls 'Konzept' gehört eindeutig in Kategorie 2", schrieb beispielsweise die Nutzerin @IdaFunkhouser.

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