Die "World Wide Wohnzimmer"-Moderatoren Dennis und Benjamin Wolter beim Musikpreis "Echo". - © picture alliance / Britta Pedersen/dpa-Zentralbild/dpa
Die "World Wide Wohnzimmer"-Moderatoren Dennis und Benjamin Wolter beim Musikpreis "Echo". | © picture alliance / Britta Pedersen/dpa-Zentralbild/dpa

Netzwelt "Fat Shaming" bei funk: "Ihr legitimiert Mobbing und geilt euch daran auf"

Im öffentlich-rechtlichen Jugendkanal wird ein übergewichtiger YouTuber aufs Übelste beleidigt. Der Sender beruft sich auf "Satire". Nicht jeder ist mit dieser Erklärung einverstanden.

Matthias Schwarzer

Köln. Ein NW-Artikel über "Fat Shaming" beim öffentlich-rechtlichen Jugendkanal "funk" hat in den sozialen Netzwerken kontroverse Diskussionen ausgelöst. Das Format "World Wide Wohnzimmer" hatte einen übergewichtigen YouTuber minutenlang vor der Kamera beleidigt und auf sein Aussehen reduziert. Die Pressestelle des Jugendkanals berief sich auf Anfrage von nw.de auf "Satire". Auf Twitter haben nun auch die Produzenten der Sendung auf die Vorwürfe reagiert. Das Format richte sich "gegen den Hass", heißt es dort. In der Show seien nicht die beleidigenden Fragen, sondern der "mutige Befragte" der Star. Die "Selbstironie/Schlagfertigkeit" des betroffenen YouTubers sei "vorbildlich" gewesen. "Am Schluss zählt der Charakter, nicht die Hülle drumherum." Das Format behandele "stets die Achillesverse des jeweiligen Gastes. Egal ob 'fett' oder 'dumm'." "Body Shaming zu verharmlosen, ist gefährlich" Eine Erklärung, mit der sich nicht jeder anfreunden kann. Der Medienjournalist Stefan Niggemeier meldete sich bei Twitter zu Wort und schrieb: "Funk-Show lässt dicken YouTuber minutenlang aufs Widerlichste beschimpfen und behauptet, das sei ein Format 'gegen den Hass'". Niggemeier weiter: "Jemand, der andere auf ihr Aussehen reduziert und sie dafür mit Hass und Hetze überzieht, ist kein 'Kritiker'. Wenn jemand nicht aussieht, wie es der Norm entspricht, ist das nicht seine 'Achillesferse'. Ihr legitimiert Bullying und geilt Euch daran auf." Kritik gibt es auch von 1Live-Moderatorin Sophie Passmann. "Bin ultra neidisch auf die Jungs von @twintvofficial und ihr Fatshaming-Video weil sie offenbar den einzigen FUNK-Redakteur abbekommen haben, der einfach jede Idee abnickt", schrieb sie. Der Bielefelder Zeichner Ralph Ruthe kommentierte knapp: "Idee". — Ralph Ruthe (@ralphruthe) 10. Oktober 2018 @s_krieger twitterte: Hass ist nicht wirkungslos und man kann ihm nicht einfach begegnen. Er trifft, verletzt, kann (seelisch wie körperlich) versehren und töten. Bodyshaming (wie anderer Hate Speech) als Witz zu reduzieren, ist nicht nur verharmlosend sondern auch gefährlich. Vor allem aufgrund der (sehr) jungen Zielgruppe, die einen solchen Umgang als 'normal' vorgeführt bekommt." Die Nutzerin @Rabenhexe schrieb: "Jetzt lehne ich mich mal aus dem Fenster: Wenn Kinder lernen würden, dass Beleidigungen unnötig und kacke sind, und gegen Täter vorgegangen wird, dann müssten Opfer vielleicht nicht lernen müssen, damit 'umzugehen' und als einzige geschädigte aus der Sache gehen." Kaum Kritik aus der YouTube-Szene Ein Großteil der YouTube-Szene und viele Fans der Show solidarisieren sich jedoch mit den Produzenten von "World Wide Wohnzimmer". Die Befragten des Hass-Interviews seien schließlich freiwillig in die Sendung gekommen, schreibt beispielsweise der Twitter-Nutzer @twintvfan. @mrCululu findet: "Ich, die Twins und wortwörtlich JEDER andere Creator werden jeden Tag hundertfach aufs Härteste beleidigt. Würden wir das nicht mit Humor nehmen könnten wir uns direkt den Strick nehmen." Der betroffene YouTuber aus dem Hater-Interview "Exsl95" hat sich auf Anfrage von nw.de nicht zum Fall geäußert. Auf YouTube verteidigte er jedoch am Mittwochabend das Format. "Wenn man sowas nicht mit Humor nimmt, dann hat man als öffentliche Person nichts im Internet zu suchen", heißt es darin. Ein Format wie dieses ersticke Hass direkt im Keim. Die Produzenten der "funk"-Sendung kritisieren zudem die Berichterstattung über ihr Format. Den NW-Artikel bezeichnen sie auf Twitter als "Armutszeugnis für einen Journalisten". Den "Knaller-Bericht" wolle man in einem Video gesondert behandeln. Dieses soll am kommenden Dienstag erscheinen.

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