Mobbing: Viele jungen Menschen leiden im Alltag unter Hänseleien aufgrund ihres Körpers. - © picture alliance
Mobbing: Viele jungen Menschen leiden im Alltag unter Hänseleien aufgrund ihres Körpers. | © picture alliance

Bielefeld/Preußisch Oldendorf Bodyshaming im Alltag: "Als Kind versteht man nicht, warum man anders ist"

Wer denkt, Bodyshaming ist nur ein Medien-Trend, liegt falsch. Melissa Keser (23) kämpfte jahrelang mit Hänseleien, die für sie schlimme Folgen hatten

Angelina Kuhlmann
02.10.2018 | Stand 02.10.2018, 18:47 Uhr

Bielefeld/Preußisch Oldendorf. Jemand wird beleidigt, weil er zu dick oder zu dünn ist, eine krumme Nase hat oder eine ungewöhnliche Körperbehaarung. Diese Art des Mobbings wird "Bodyshaming" genannt. In der vergangenen Woche führte sie zu einem Eklat vor der Ausstrahlung der neuen TV-Show von Comedian Chris Tall. Videomaterial machte die Runde, auf dem Tall und seine Gäste eine junge Frau begutachten. Daneben ein Schild auf dem "Schwanger oder dick?" steht. RTL musste sich danach Vorwürfen stellen, wonach der Sender Mobbing herunterspiele und zu einem Witz degradiere. Bodyshaming findet nicht nur im TV statt, sondern auch im Alltag vieler Menschen. Oft mit schlimmen Folgen. Für Melissa Keser (23) aus Preußisch Oldendorf war Bodyshaming lange Alltag. "Ich habe meine Mitmenschen darauf hingewiesen, dass Bodyshaming nicht in Ordnung ist (...) und das Erschreckende daran war, dass die meisten es gar nicht eingesehen haben", schreibt sie in einem Blogeintrag auf ihrer Website. Das war 2017. Der Text hat sie Überwindung gekostet und auch Kraft. Es ging um etwas ganz Banales Auf einem Gymnasium in Bünde habe es angefangen. Dabei ging es am Anfang um etwas ganz Banales: ihre Körperbehaarung. "Da meine Naturhaarfarbe schwarz ist, ist es nur logisch, dass meine restliche Körperbehaarung nicht aus blonden Haaren besteht", schreibt sie. Ihre Mitschüler weisen sie immer wieder daraufhin, dass sie anders aussieht. Sie wird gehänselt. "Wenn man also in einem Ort aufwächst, in dem nur Menschen mit hellen Haaren leben, ist es schwer als Kind zu verstehen, warum man 'anders' ist." Die Folge: Melissa nimmt nur noch mit langärmliger Kleidung am Sportunterricht teil, geht nicht mehr ins Freibad. Dabei sei sie nie ein Außenseiter gewesen, sagt die 23-Jährige Drogistin heute. Im Gespräch mit nw.de über ihre Vergangenheit ist es ihr wichtig herauszustellen, dass sie genau das Gegenteil war. "Oft verbindet man Bodyshaming mit ruhigeren, außenstehenden Menschen und da finde ich wichtig, dass die Leute verstehen, dass es jeden treffen kann", sagt sie. Eine schmerzhafte Prozedur Als Schülerin schlittert sie in einen Teufelskreis. Die Aussagen ihrer Mitschüler verletzen sie so, dass sie etwas dagegen tun will. Sie fängt an sich an möglichst vielen Körperstellen zu rasieren - und Härchen zu bleichen. Eine schmerzhafte Prozedur: das Bleichen brennt "wie Feuer auf der Haut". Und damit nicht genug: "Diese Prozedur hat mich (...) so zur Verzweiflung gebracht, dass ich dann wenigstens in anderen Dingen 'schön' sein wollte." Sie versucht abzunehmen - gar nicht so einfach bei ihrem sowieso schon schmalen Körperbau. Melissa landet in den berüchtigten "Pro-Ana-Foren", in denen sich die Mitglieder zum Hungern antreiben. "Damit habe ich mir allerdings ein Eigentor geschossen, da ich zusätzlich für meine dünne Figur gehänselt wurde." Sie schreibt, dass sie ihre Traurigkeit damit kompensiert hat, sich selber Schmerzen zuzufügen - sich ritzt. "Das Desaster ging einige Jahre so weiter." "Keiner kann sich rausreden" Rausgeholt hat sie sich selbst aus dem Teufelskreis. Schön habe sie sich immer noch nicht gefunden, schreibt sie, aber ihren Körper dafür leiden zu lassen, sei auch keine Lösung gewesen. Sie beginnt mit einer Laserhaarentfernung, versucht zuzunehmen. "Ich habe gelernt damit umzugehen und andere Sachen an mir einfach zu akzeptieren." Aber sie schreibt auch von "irreparablen Schäden", die das Bodyshaming bei ihr verursacht hat. Ihr Blogeintrag ist für sie eine Möglichkeit anderen zu zeigen, wie schlimm diese Art des Mobbings ist: "Deswegen hat keiner, der diesen Post liest, eine Ausrede dafür, dass er nicht wusste, wie verletzend solche Aussagen sein können." Dass die Auswirkungen von Bodyshaming gravierend sein können, bestätigt Sevinc Sunar. Sie ist Leiterin der Schulpsychologischen Beratungsstelle in Bielefeld. "Das Selbstwertgefühl wird massiv beeinflusst. Man kann sich selbst nicht mehr trauen", sagt sie. Gerade Schüler geben ihren Mobbern irgendwann Recht. "Das kann zu Angststörungen bis hin zu Schulunlust führen." Dass die Schönheitsideale heutzutage mehr geworden sind, mag sie nicht glauben. Aber die Verbreitung von Mobbing geschehe schneller. Was sonst nur ein bis zwei Schüler betrieben haben, kann innerhalb von WhatsApp-Gruppen schnell zum Lauffeuer. Die Wirtschaft nutzt Jugendliche aus Beim Mobbing gehe es immer darum, dass jemand nicht in eine Gruppe passt und aufgrund bestimmter Merkmale zur "Zielscheibe" wird, sagt Herbert Scheithauer, Professor an der Freien Universität Berlin und Vorsitzender der Initiative Fairplayer. Er widerspricht der Schulpsychologin Sunar, der Fokus auf Schönheitsideale habe "massiv zugenommen". Immer mehr Ideale würden in den Medien im Mittelpunkt stehen. Fairplayer wolle ein gutes Klima und passende soziale Normen an Schulen schaffen, erklärt Scheithauer. "So, dass man verhindert, dass überhaupt jemand ausgeschlossen wird." Vorwürfe macht er der Wirtschaft. Schönheitsideale werden "gnadenlos als Markt erkannt" und das fange schon mit Produkten für Kinder und Jugendliche an. Und heute? Melissa Keser versucht die Auswirkungen des Bodyshamings auf sie jetzt etwas gelassener zu sehen. "Es verletzt mich nicht mehr, wenn Menschen irgendwas über meinen Körper sagen", sagt sie im Gespräch mit nw.de. Die einzige Meinung, die für sie noch zähle, sei ihre eigene. Das Thema Bodyshaming sei aber 2018 aktueller denn je. "Es kommt mir manchmal so vor, als würde es bei manchen zum alltäglichen Sprachgebrauch gehören, pro Satz mindestens eine abwertende Bewertung über irgendeinen Körper zu machen", sagt die 23-Jährige. Betroffenen will sie Mut machen: "Es ist totaler Zufall, dass ausgerechnet ihr in diesem Körper gelandet seid. Euer Körper sieht so aus wie er aussieht und das ist gut so. Euer Charakter bringt euch zum Strahlen und nicht die Creme von Marke XY."

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