Auch als Krisenmanager gefordert: IOC-Präsident Thomas Bach muss sich derzeit mit vielen Problemen auseinandersetzen. - © dpa
Auch als Krisenmanager gefordert: IOC-Präsident Thomas Bach muss sich derzeit mit vielen Problemen auseinandersetzen. | © dpa

Olympia IOC-Präsident Thomas Bach: "Olympische Werte sind wichtiger denn je"

Der Chef des Internationalen Olympischen Komitees über Doping, Korruption und die Flüchtlingskrise

Seit 2013 ist Thomas Bach Präsident des Internationalen Olympischen Komitees - und ist in diesem Jahr umzingelt von Krisenherden. Der Jurist aus Tauberbischofsheim spricht im Interview über die Spiele in Rio de Janeiro, die Flüchtlingskrise und Korruption in der Leichtathletik. Herr Bach, Sie machen jeden Tag Sportpolitik. Wann haben Sie das letzte Mal Zeit gefunden, um selbst Sport zu treiben? Thomas Bach: Oh, das ist eine gute Frage. Es ist erst ein paar Tage her, dass ich Zeit gefunden habe, mal wieder regelmäßiger Sport zu treiben. 2016 wird sportlich. Wie ist der Stand der Dinge ein halbes Jahr vor den Spielen in Rio? Bach: Jeder weiß, dass in Brasilien die politischen und wirtschaftlichen Umstände sehr, sehr schwierig sind. Das Land befindet sich in einer tiefen Krise. Wir freuen uns aber, dass die Verantwortlichen und die Bevölkerung Brasiliens die Olympischen Spiele als Teil der Lösung und nicht als Teil des Problems sehen. Jetzt wird für die Bewohner Rios greifbar, welches großes Erbe diese Olympischen Spiele hinterlassen werden. Als Beispiel möchte ich nur den Ausbau der Infrastruktur nennen: Das sind die ersten großen Investitionen seit fast 50 Jahren, die in Rio getätigt werden. Große Impulse hatte man sich von der Fußball-WM 2014 in Brasilien auch erhofft, nur fiel da die Bilanz ernüchternd aus. Bach: Eine Fußball-WM und Olympische Spiele unterscheiden sich auch in dieser Frage erheblich, so wie sich IOC und FIFA in vielen Fragen unterscheiden. Bei einer Fußball-WM hat man Investitionen vor allem in Stadien und noch in Flughäfen. Bei den Spielen wird beispielsweise mit dem Bau des Olympischen Dorfes Wohnraum für etwa 5000, 6000 Menschen geschaffen. Dass sich ein komplett neues Nahverkehrsnetz über die Stadt legt – das haben sie nur mit den Spielen: Als Rio die Spiele 2009 bekommen hat, hatten 16 Prozent der Einwohner Rios Zugang zum öffentlichen Personennahverkehr. Mit den Spielen steigt diese Zahl auf 63 Prozent. Das IOC hat aufgrund der wirtschaftlichen Rahmenbedingungen in Rio zugesagt, zu helfen. Welche Hilfen sind das? Bach: Das ist eine außergewöhnliche Situation, die jenseits der Einflussmöglichkeiten der Organisatoren liegt. Wir helfen und haben in vielfacher Hinsicht geholfen, zum Beispiel mit Personal. Zudem wird Rio mit etwa 1,5 Milliarden US-Dollar den höchsten Zuschuss erhalten, den jemals ein Organisationskomitee bekommen hat. Auch das ist ein gravierender Unterschied zwischen Olympischen Spielen und Fußball-Weltmeisterschaften. In den letzten Wochen haben wir nochmals das Budget angepasst, weil die schlechte wirtschaftliche Lage in Brasilien zu erheblichen Einnahmeausfällen geführt hat, gerade bei Sponsoren. Durch den Währungsverlust des Reais hat sich aber auch der in Dollar gewährte IOC-Zuschuss im Wert nahezu verdoppelt. Wird aufgrund der aktuellen Terror-Bedrohung das Sicherheitskonzept überarbeitet? Bach: Die Sicherheit ist Aufgabe der brasilianischen Behörden, die wir natürlich begleiten. Brasilien hat zum Thema Sicherheit 100 Länder zu einer internationalen Kooperation eingeladen, um Strukturen in der Prävention zu schaffen, aber auch um Hilfe vor Ort zu bieten. Deshalb sind wir sehr zuversichtlich, dass alles dafür getan wird, um die bestmögliche Sicherheit zu gewährleisten. Terror und Flüchtlingskrise sind zwei Themen, die eng zusammen gehören. Kann der Sport da überhaupt durchdringen? Bach: Das IOC hat sich sehr früh des Flüchtlingsthemas angenommen, schon vor Ausbruch dieser Krise. Zunächst auf einer generellen Ebene in Zusammenarbeit mit den Vereinten Nationen, indem wir Sportprogramme in Flüchtlingslagern finanzieren und Mediatoren zur Verfügung stellen. Zur aktuellen Flüchtlingskrise haben wir einen speziellen Fonds von zwei Millionen US-Dollar geschaffen, den wir Nationalen Olympischen Komitees zur Verfügung stellen. Aus knapp zehn Ländern wurden Gelder abgerufen, Deutschland hat hiervon 150 000 Dollar erhalten. Und im Oktober habe ich in einer Rede vor den Vereinten Nationen ein Programm angekündigt, dass wir den Athleten unter den Flüchtlingen, die eine olympische Perspektive besitzen, Möglichkeiten schaffen wollen, an den Spielen teilzunehmen. Sie könnten hinter der olympischen Fahne einmarschieren. Im Moment haben wir einen Pool von etwa 30 Athleten, die in Frage kämen. Vielleicht schaffen es fünf von ihnen, in Rio dabei zu sein. Darüber hinaus unterstützen wir Sportler, die innerhalb ihres Landes vertrieben wurden oder auf der Flucht sind über unser Programm namens Olympic Solidarity. Zurück zum Sport: Was denken Sie über die Doping-Enthüllungen im Internationalen Leichtathletik-Verband IAAF? Bach: Ich glaube, dass die neue Führung der IAAF mit der Suspendierung des russischen Verbandes, mit der Kontaktaufnahme zur Welt-Anti-Doping-Agentur und mit der Ernennung ihrer Kommission Flagge gezeigt hat. Es ist aber ebenso richtig, dass aufgrund der Dimension des Problems innerhalb des Verbandes ein steiniger Weg vor der IAAF liegt. Es ist ja wirklich unfassbar, dass der Präsident eines internationalen Verbandes von Athleten Geld forderte, um Ergebnisse von Dopingkontrollen zu manipulieren! Das war ein Blick in den Abgrund. Wenngleich man aber sagen muss, dass nicht das gesamte Anti-Doping-System der IAAF betroffen war. Aber es steckte ein krimineller Apparat rund um den ehemaligen IAAF-Präsidenten Lamine Diack dahinter. Da reicht es doch nicht, eine Kommission zu gründen. Müsste man nicht die Leichtathletik von Olympia ausschließen? Bach: Der Anti-Doping-Abteilung der IAAF wurde von der WADA-Kommission eine gute Arbeit bescheinigt, es hat aber diese Zelle Diack innerhalb der IAAF gegeben, die diese Manipulationen vorgenommen hat. Deshalb kann man nicht zum Beispiel deutsche oder US-Athleten für das korrumpierende Vorgehen dieser Zelle mit einem Ausschluss der gesamten Leichtathletik bestrafen. Das heißt, Sie gehen davon aus, dass eine russische Leichtathletik-Mannschaft bei den Spielen starten wird. Bach: Das ist eine andere Frage. Wir vom IOC haben uns da von Beginn an klar positioniert, es gilt auch hier: null Toleranz. Jeder, der da involviert war – sei es Athlet, Trainer, Arzt, Funktionär – muss bestraft werden. Und gleichzeitig müssen die sauberen Athleten geschützt werden. Wir haben das Nationale Olympische Komitee Russlands gebeten, hier die koordinierende Funktion zu übernehmen, insbesondere um den Leichtathletik-Verband neu zu ordnen. Dazu überwacht vornehmlich die IAAF diese Neuorientierung. Sie wird beobachten, welche Fortschritte gemacht werden und ob und wann die derzeitige Suspendierung eventuell aufgehoben werden kann. Doping, Korruption, wirtschaftliche Krisen, Terror, Krieg, Umweltprobleme – die Olympische Bewegung hat sich in ihrer Geschichte schon oft mit diesen Themen auseinandersetzen müssen. Aber so schwierig waren die Rahmenbedingungen noch nie, oder? Bach: Nein, das glaube ich nicht. Die olympische Bewegung und die olympischen Werte sind gerade in solchen Zeiten wichtiger denn je. Die Olympischen Spiele sind das einzige Weltereignis, bei dem Sie tatsächlich die gesamte Welt ohne jede Diskriminierung unter ein Dach zusammen bekommen. Der olympische Sport ist der einzige Bereich des menschlichen Lebens, in dem das gleiche Recht für alle auf der gesamten Welt gilt. Das gibt es nicht in der Wirtschaft. Das gibt es nicht in der Kultur. Das gibt es nicht in der Wissenschaft. Von der Politik will ich gar nicht reden.

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