Pollensammler: Auf den Blüten einer Kanadischen Goldrute sitzen zwei Bienen. Die Goldrute wird als Neophyt eingeordnet, die sich in Deutschland etabliert hat, obwohl sie hier nicht heimisch ist. - © Vivien Tharun
Pollensammler: Auf den Blüten einer Kanadischen Goldrute sitzen zwei Bienen. Die Goldrute wird als Neophyt eingeordnet, die sich in Deutschland etabliert hat, obwohl sie hier nicht heimisch ist. | © Vivien Tharun

Löhne/Enger Dramatisches Insektensterben in NRW

Das Landesamt für Umwelt beziffert den Rückgang auf 75 Prozent. Forst- und Landwirtschaft beeinflussen den Bestand ebenso wie das Kaufverhalten der Verbraucher

Vivien Tharun

Löhne/Enger. Karl Heinz Niehus wartet. Der Leiter der Naturgarteninitiative Löhne schaut aus seinem kleinen Beobachtungshaus in seinen Naturgarten – einen Finger auf dem Auslöser seiner Kamera. Aber auch heute fliegt ihm wieder nichts vor die Linse. „Jahrelang konnte ich hier jährlich 4.000 Insektenbilder aufnehmen. Seit zwei bis drei Jahren ist es nur noch die Hälfte." Das klingt zwar immer noch nach viel, doch der starke Rückgang der Krabbler in seinem Garten gibt Niehus zu denken: „Ich habe mich an das Landesamt für Natur gewendet und nachgefragt, ob meine Beobachtung ein Einzelfall ist, oder generell die Insekten sterben." Die Antwort hat den Naturliebhaber erstaunt, denn das Problem ist schon lange bekannt und schlimmer, als er angenommen hatte. Aus der Antwort des Landesamts für Natur (Lanuv) geht hervor, dass die Insektenpopulation in NRW um 75 Prozent gesunken ist. Die Grundlage dieser Aussage bilden Bestandserhebungen der Jahre 1989 und 2013. Intensive Landwirtschaft mit Pflanzenschutzmitteln und der Verlust von Ackerbrachen, auf denen sich Insekten und Pflanzen vermehren können, tragen nach Angaben des Lanuv zu diesem Artensterben bei. Der Verlust des Brachlands wird mit 87 Prozent beziffert. „Im Großen und Ganzen sind drei Gruppen für das Insektensterben verantwortlich: Der Fichtenanbau der Forstwirtschaft, die Landwirtschaft und der Verbraucher", erklärt Lanuv-Sprecher Peter Schütz. Der Verbraucher könne durch sein Kaufverhalten einiges Bewirken. „Das fängt schon bei der Milch im Supermarkt an", sagt Schütz. „Milch aus dem Discounter kommt oft von im Stall gehaltenen Kühen, die Gras-Silage von artenarmen Vielschnittwiesen fressen. Bio-Kühe stehen auf der Weide und ihre Kuhfladen sind dann Nahrungsgrundlage für einige Käfer- und Fliegenlarven." Gifte dürfen in der Bio-Landwirtschaft nicht zum Einsatz kommen. Pflanzenschutzmittel wie Glyphosat, die im konventionellen Anbau verwendet werden, trügen zum Artensterben bei. Ebenso die starke Nitratbelastung des Bodens durch Gülle. Kaufverhalten der Verbraucher ist entscheidend „Durch Nitrat können bestimmte Pflanzen, wie die Wilde Möhre, nicht mehr wachsen", sagt Schütz. Die Wilde Möhre sei jedoch Nahrungsgrundlage für die Raupen des Schwalbenschwanz, einer Schmetterlingsart. Trotz der Nitratbelastung, würde billige Gülle aus den Niederlanden hinzugekauft und auf den Feldern versprüht. Schütz ist bewusst, dass nicht jeder Landwirt die Möglichkeit habe, auf einen Biobetrieb umzustellen: „Möchte jemand von konventionell auf Bio umsatteln, muss er gute finanzielle Rücklagen haben. Drei Jahre beträgt die Umstellungsfrist. Solange erhält der Bauer nur die niedrigeren Standardpreise, obwohl er teurer wirtschaftet. Das kann sich nicht jeder leisten." Zudem zahlen nicht alle Markendiscounter ausreichend für Bio-Qualität, ergänzt Schütz. Landwirt Wilhelm Brüggemeier aus Enger bestätigt, dass sich in der Landwirtschaft in den vergangenen Jahren viel verändert hat. „Vor einigen Jahren wurde beispielsweise der Kartoffelkäfer noch mit dem Insektizid DDT bekämpft. Dank der Forschung sind Landwirte mittlerweile aber viel besser informiert und reduzieren den Einsatz von Schutzmitteln auf das Nötigste", erklärt das Mitglied des westfälisch-lippischen Landwirtschaftsverbands. Auf seinem Hof sehe Brüggemeier noch reichlich Fliegen und andere Insekten: „Es kommt immer darauf an, wann Bestandsdaten erhoben werden. Zum Beispiel gibt es in sehr trockenen Jahren generell weniger Insekten, weil viele von ihnen Feuchtigkeit zum Verpuppen benötigen." Mehr Beton und Schotter statt Wiesen 
und Gärten Brüggemeier sagt aber auch, dass es ein Drittel weniger Feldflure gebe, als noch vor 40 bis 50 Jahren. Insgesamt seien die Bemühungen um Artenschutz in der Landwirtschaft aber deutlich gestiegen: „Wir haben Ackerrandstreifen und Uferrandstreifen, die mit Blühpflanzen bestückt sind." Das Überleben der Bestäuberinsekten, wie Biene und Hummel, zu sichern, läge den Landwirten sehr am Herzen. Davon hänge schließlich auch ihre Existenz ab. Der Verbraucher habe es in der Hand, zur Artenvielfalt beizutragen, sagt Brüggemeier. „In den städtischen Gebieten ist es Mode geworden, jeden Baum im Vorgarten abzuholzen und Gärten mit Schotter zu bedecken, da das pflegeleichter ist als Pflanzen. Früher hatte jeder sein Gemüsebeet, von dem auch Insekten profitierten." Den Trend zum Betonieren und Schottern beobachtet auch Umweltschützer Niehus, allerdings nicht nur bei Privatpersonen: „Kommunale Flächen werden zunehmend betoniert, weil das pflegeleichter ist." Ein Vergleich zwischen Luftbildern aus den 1980er-Jahren und jetzt, zeige deutlich, welche Sträucher und Bäume in den Kommunen weichen mussten. Fehlen diese Lebensräume, fehlen auch Klein- und Krabbeltiere. „Wenn das Insektensterben weiter voranschreitet, ist das eine ökologische Katastrophe", so Niehus. Daran hinge die gesamte Nahrungskette. Die Stadt Löhne hat mittlerweile einen Arbeitskreis für Umweltfragen gegründet, um dem Artensterben entgegenzuwirken. Niehus ist Mitglied in diesem Arbeitskreis: „Die Stadt verteilt jetzt kostenlos Blumensamen, damit jeder Privathaushalt einen Teil zum Umweltschutz beitragen kann." Zur Multimediapräsentation des Artikels einfach auf das Foto klicken:

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