Ein Arzt steckt sich ein Bündel Geldscheine in die Tasche. - © Symbolfoto: dpa
Ein Arzt steckt sich ein Bündel Geldscheine in die Tasche. | © Symbolfoto: dpa

Reportage Warum es Patienten nicht egal sein kann, ob ihr Arzt Geld von der Pharmaindustrie erhält

Veröffentlichung der Datenbank "Euros für Ärzte": Wissenschaftler haben untersucht, wie Ärzte auf Geld aus der Pharmaindustrie reagieren

Hristio Boytchev

Bielefeld. Nach der Veröffentlichung der Datenbank „Euros für Ärzte" mit den Namen von mehr als 20.000 Medizinern, die im vergangenen Jahr Zuwendungen von Arzneimittelherstellern bekommen haben, fragen sich viele, ob es überhaupt problematisch ist, wenn ein Arzt ein paar Hundert Euro nebenbei bekommt. Wissenschaftler haben genau dies getestet - und kommen zu eindeutigen Ergebnissen. Das amerikanische Recherchezentrum ProPublica, das seit 2010 Zahlungen an amerikanische Ärzte veröffentlicht, hat kürzlich bestätigt: Es gibt einen Zusammenhang zwischen der Summe, die ein Arzt von Pharma-Firmen erhält und der Menge von teuren Original-Medikamenten, die er verschreibt. Augenärzte etwa, die kein Geld annehmen, verschrieben 46 Prozent Original-Medikamente. Nahmen die Ärzte weniger als 100 Dollar an, verschrieben sie rund 50 Prozent der teureren Präparate. Erhielten sie mehr als 5.000 Dollar – sogar 65 Prozent. Dabei sind Original-Medikamente meist keinen Deut besser als Generika-Präparate – Medikamente mit dem gleichen Wirkstoff, die nach Ablauf des Patentschutzes von anderen Herstellern billiger angeboten werden. Zudem können Zahlungen von Pharma-Firmen Ärzte dazu bringen, die Nebenwirkungen von Präparaten zu unterschätzen. Das hat Amy Wang, Internistin an der Mayo Clinic im amerikanischen Rochester, gemeinsam mit Kollegen herausgefunden. Im Mittelpunkt ihrer Untersuchung stand das umstrittene Medikament Rosiglitazon, das bei Diabetes-Patienten zu einem erhöhten Herzinfarktrisiko führt. Die Forscher prüften 202 wissenschaftliche Veröffentlichungen über das Medikament und fanden heraus: Autoren, die Zahlungen von Herstellern des Medikaments annahmen und dies bei der Veröffentlichung offenlegten, vertraten insgesamt eine positivere Position über die Nebenwirkungen des Medikaments als jene, die keine Zahlungen bekamen. Ein Team um Colette De Jong, Versorgungsforscherin an der University of California in San Francisco entdeckte, dass selbst simple Essenseinladungen Einfluss auf Ärzte haben können. Die Wissenschaftler werteten Daten von etwa 280.000 Ärzten aus. Bekam ein Arzt eine gesponserte Mahlzeit, etwa auf einer Pharma-Veranstaltung, erhöhte das die Chance, dass er das Medikament des Sponsors verschreiben würde. Psychiater etwa, die kein Essen annahmen, verschrieben das Antidepressivum Desvenlafaxin mit einer Häufigkeit von 0,5 Prozent unter Mitteln derselben Klasse. Bei Ärzten, die ein bezahltes Essen im Wert von unter 20 Dollar annahmen, stieg der Wert auf 1,5 Prozent. Ein einziges Essen verdreifachte also die Verschreibungshäufigkeit. Bei Nebivolol, einem Betablocker zur Blutdrucksenkung, stieg die Verschreibungsrate nach einem Essen von 3 Prozent auf 8 Prozent, nach drei Essen gar auf 14 Prozent. Psychologischer Einfluss Zur Beeinflussung durch geldwerte Vorteile kommt die psychologische Beeinflussung durch die sogenannten Pharmareferenten – Vertreter der Unternehmen, die durch Ärztepraxen touren, um Medikamente anzupreisen. „Die Pharma-Industrie hat Außendienstler, die so gut sind, dass sie jeden rumkriegen", sagt Peter Pommer, Pneumologie-Chefarzt am Gesundheitszentrum Oberammergau. „Viele Ärzte sehen sich von allen beschimpft: Patienten, Journalisten, Krankenkassen", sagt Pommer. „Der einzige, der immer nett zu ihnen ist, ist der Pharma-Außendienstler." In den USA entfällt rund die Hälfte der Marketing-Ausgaben der Pharmaunternehmen auf die Außendienstler. Geschätzt 5.000 Dollar pro Jahr und Arzt geben die Firmen aus, um Vertreter zu beschäftigen. Die Ausgaben lohnen sich. Klaus Lieb, Psychiater an der Uniklinik Mainz und Kritiker von Pharma-Zahlungen, fand 2014 mit einem Kollegen in einer Umfrage unter 160 Ärzten heraus, dass die meisten Ärzte Pharmareferenten empfangen. Die Autoren schreiben, dass Ärzte, die keine Pharmareferenten empfangen, rationaler im Umgang mit Medikamenten seien. Viele Pharmaunternehmen fahren zweigleisig: Verschreibende Ärzte halten sie durch persönliche Betreuung und kleine Geschenke bei Laune: vom Kugelschreiber über Essen bis zur Fortbildung im Luxus-Hotel. Die Meinungsführer – leitende Ärzte, die großen Einfluss auf die Empfehlung von Medikamenten haben – gewinnen sie durch Beraterverträge und Einladungen zu Reden. Ein Chefarzt oder Professor erhält für einen 45-minütigen Vortrag rasch eine hohe vierstellige Summe. Ärzte wähnen sich immun Ein großer Teil der Ärzte ist sich dabei gar nicht bewusst, dass sie beeinflusst werden. Das hat etwa Michael Steinman, Gesundheitsforscher an der University of California in San Francisco mit Kollegen untersucht. In der Studie der Forscher gaben mehr als vier von fünf Ärzten an: Ja, sie glaubten, dass Pharma-Zahlungen und -Kontakte würden das Verschreibungsverhalten ihrer Kollegen ändern. Einerseits. Andererseits: Sich selbst glaubten viele immun. Fast zwei von drei Ärzten waren der Überzeugung, gegen Beeinflussungen gefeit zu sein. Eine der Rechtfertigungen unter Ärzten: Man habe ja Kontakt nicht nur zu einer, sondern zu mehreren Firmen, das gleiche sich aus. „Ich lege Wert darauf, Kontakt zu verschiedenen Firmen zu haben", sagt etwa Andreas Greinacher, Professor für Immunologie an der Uniklinik Greifswald. Das Problem: Konkurrierende Pharma-Firmen haben durchaus übereinstimmende Interessen. Etwa: neue und teurere Arzneimittel zu verkaufen. Präparate, die vielleicht gar nicht besser sind als ältere Mittel – und zudem vielleicht stärkere Nebenwirkungen haben. Und manchmal ist es gar nicht nötig, dass der Arzt überhaupt zu Medikamenten greift. Darauf weist etwa der Tom Bschor, Chefarzt für Psychiatrie an der Berliner Schlosspark Klinik hin: Es sei etwa grundsätzlich anderes, ob er bei einer Depression ein Antidepressivum verschreibe oder zu einer Psychotherapie rate. Woran die Pharma-Hersteller aber interessiert sind, ist klar. Im System verwurzelt Das letzte und wohl bedeutendste Problem: Der Pharma-Einfluss ist aus dem jetzigen System kaum wegzudenken. Für Ärzte ist es schwer, unabhängig zu bleiben, selbst wenn sie es wollen. Das gilt nicht nur für die Forschung und Entwicklung neuer Medikamente, bei der die Zusammenarbeit zwischen Ärzten und der Industrie in klinischen Studien wohl unerlässlich ist. Sondern zum Beispiel auch bei Fortbildungen. Ärzte müssen sich fortbilden lassen, das ist gesetzlich vorgeschrieben. Doch heutzutage seien Fortbildungen und Kongresse gar nicht mehr ohne Pharma-Sponsoring denkbar, sagt Ulrich Laufs, leitender Oberarzt für Innere Medizin am Uni-Klinikum Saarland. „Es gibt eine Fortbildungspflicht, aber keinen Etat," sagt Laufs, „man überlasst das Ganze den Herstellern." Die Hotels, die Mahlzeiten, die vierstelligen Vortragshonorare für die Referenten müssten sonst von den Hörern selbst bezahlt werden – oder entfallen. Aber: „Die Ärzte haben sich an den Luxus gewöhnt", sagt Christiane Fischer, ärztliche Geschäftsführerin der Initiative MEZIS. Bei der Ärztevereinigung ist der Name Programm – die Abkürzung steht für „Mein Essen zahl ich selbst". „Die Qualität einer Tagung bemisst sich nicht an der Sterneanzahl des Hotels", sagt Fischer. So könne es nicht weitergehen. „Wir brauchen industrie-unabhängige Fortbildungen". Dass es auch ohne Pharma-Sponsoring geht, zeigt der Berliner Psychiater Bschor. Er hat ein Symposium in seiner Klinik organisiert – bei dem die Referenten kein Honorar bekommen haben. Früher hat er für Vorträge selbst vierstellige Summen von Pharma-Firmen kassiert. Mittlerweile legt er großen Wert auf seine Unabhängigkeit. „Ärzte werden gut bezahlt, wir brauchen kein Zweiteinkommen", sagt Bschor. „Am Ende kommt doch alles aus dem Gesundheitswesen, von den Patienten", sagt der Psychiater, „dafür ist das Geld doch nicht da."

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