Die große Datenkrake: Seit 2000 wird der Preis in Bielefeld vergeben. - © Heiko Sakurai/Digitalcourage
Die große Datenkrake: Seit 2000 wird der Preis in Bielefeld vergeben. | © Heiko Sakurai/Digitalcourage

Bielefeld Die größten Datenkraken: Big-Brother-Award für "Alexa" und Microsoft

Die Gala, von der sich die Preisträger fernhalten, findet erstmals im Bielefelder Stadttheater statt

Sigrun Müller-Gerbes

Bielefeld. Der Kampf, den der kleine Verein Digitalcourage in Bielefeld führt, ist einer von David gegen Goliath: Ein Haufen selbst organisierter Datenschützer, die von OWL aus den Großen der Digitalwirtschaft auf die Finger klopfen. Dieses Jahr sind die Internetgiganten Microsoft (Jahresumsatz 90 Milliarden Dollar) und Amazon (fast 180 Milliarden) unter den Preisträgern des „Big-Brother-Award". „Big Brother" ist der Große Bruder aus George Orwells bedrückendem Roman „1984", der die Bürger rund um die Uhr überwacht. Erstmals verkündete die Jury ihre Auswahl auf der Bühne des Bielefelder Stadttheaters. Ein „Gewinn" für das Theater sei die Veranstaltung, hatte Intendant Michael Heicks gesagt. Für die Preisträger ist sie das weniger. So weisen alle, die sich überhaupt zur Auszeichnung äußern, darauf hin, dass sie diese nicht verdient hätten. Amazons "Alexa" Amazon beispielsweise, das den „Oscar für Datenkraken" für „Alexa" erhalten hat. Alexa ist auf dem Gerät Echo installiert, gleichzeitig Lautsprecher und Zuhörer, der permanent scannt, was in einer Wohnung gesprochen wird. Auf Stichwort wird Alexa aktiv: Einkaufen im Netz, Abspielen von Musik, Wecker stellen – kaum eine Alltagstätigkeit, bei der das Programm nicht Hilfe verspricht. „Mehrere zehn Millionen Mal" sei der Sprachassistent 2017 verkauft worden, heißt es von Amazon. Einen „allwissenden Butler" nannte Laudator Padeluun, Vorstand bei Digitalcourage, das Programm. Geschäftsmodell von Amazon sei „das Ausforschen von Menschen". Unsinn, kontert Amazon: „Der Kunde behält jederzeit die volle Kontrolle über seine Sprachaufzeichnungen." Man nehme Datenschutz „sehr ernst". Was Alexa mithöre, könne im Nachhinein überprüft und gelöscht werden. Microsoft "Windows 10" Sauer aufgestoßen ist den Datenschützern das Microsoft-Betriebssystem Windows 10, das auf mehr als 40 Prozent der deutschen Rechner läuft. Grund: Es übermittelt permanent Daten an Microsoft. Gemeldet werde nicht nur, ob das Betriebssystem auf dem neuesten Stand sei, sondern auch, welche Programme sonst auf dem Rechner installiert seien oder welche Seiten im Internet angesteuert würden, kritisierte Juror Frank Rosengart vom Chaos Computer Club. Selbst technisch versierte Nutzer könnten die Übermittlung der Daten kaum abschalten. Microsoft begründet das alles mit der Absicht, das eigene Produkt technisch zu verbessern – zum Wohle der Anwender. Um Datensammlung und Auswertung gehe es nicht. Flüchtlingskontrolle Nach Rundum-Überwachung klingt auch ein Programm, das die Cevisio AG für Flüchtlingsunterkünfte entwickelt hat. Sie werde deutschlandweit in 280 Einrichtungen eingesetzt, sagte Datenschützer Thilo Weichert. Die Flüchtlinge bekommen eine Chipkarte, die sie überall einsetzen: Am Eingang, bei der Essensausgabe, beim Arzt, wenn sie sich einen Film ausleihen oder Wäsche waschen. Verknüpft würden die Daten mit denen der Ausländerbehörden. Einen „Traum für Überwachungsfanatiker" nennt Weichert das Programm und mahnt: Das Recht auf informationelle Selbstbestimmung gelte auch für Flüchtlinge. Arbeitsplatz-Tracker Verglichen mit den beiden US-Giganten ist die Firma Soma Analytics ein kleiner Stern am Digital-Himmel. Aber offenbar einer, an dem Nutzer sich kräftig verbrennen können. Das Start-up aus München hat die Fitness-App „Kelaa" entwickelt, die als Anti-Stress-Instrument beworben wird. Das besondere: Die App auf dem Handy der Nutzer ist verbunden mit einer Software beim Arbeitgeber. Der soll so erfahren können, wie gestresst die Mitarbeiter sind und bessere Angebote zur Gesundheitsvorsorge entwickeln. Kelaa gibt nicht nur Fitness-Tipps, es überwacht auch den Schlaf. Die Nutzung sei freiwillig, werde in den Firmen mit dem Betriebsrat abgestimmt und Daten würden anonymisiert, bevor sie beim Arbeitgeber landen, kontert Soma Analytics. Arbeitsrechtler Peter Wedde warnt gleichwohl: Der Gedanke, der hinter Kelaa stecke, sei „ein Tabubruch". Setzten sich derartige Konzepte auf dem Markt durch, gebe das Arbeitgebern Kontrollmöglichkeiten, „von denen Big Brother bisher nur träumen konnte". Smart City Die „Intelligente Stadt" ist kein Produkt einer Firma, sondern ein Konzept, an dem viele arbeiten. Und viel zu oft, ohne Datenschutzbelange ernst zu nehmen, kritisiert Digitalcourage-Vorstand Rena Tangens. Etwa bei der Entwicklung der „intelligenten Straßenlaterne", die nicht nur leuchtet, sondern Videoüberwachung, Kennzeichen-Scanner, Umweltsensoren und Mikro eingebaut hat. "Wenn diese Technik in unsere Stadt kommt, werden wir keinen Schritt mehr unbeobachtet tun können." Der Weg dorthin sei längst beschritten, sagte Tangens und verwies auf den Versuch mit Gesichtserkennung am Bahnhof Südkreuz in Berlin. Sie gibt zu bedenken: Selbst, wenn die Städte die Überwachungstechnik nur zum Wohl ihrer Bürger einsetzten, bleibe sie doch Überwachung – das Gegenteil von Freiheit.

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