Zu den bekanntesten digitalen Sprachassistenten für Zuhause gehört der  Echo Dot von Amazon. - © Pixabay
Zu den bekanntesten digitalen Sprachassistenten für Zuhause gehört der  Echo Dot von Amazon. | © Pixabay

Datenschutz Privatsphäre: Alexa, hörst Du mich (ab)?

Testergebnisse über Sprachassistenten führen zu Verunsicherung

Angela Wiese

Digitale Sprachassistenten wie Alexa, Siri, Cortana und Co. werden in Zukunft Teil unseres Alltags sein. Auch smarte Lautsprecher gehören dazu. Aber was holen wir uns da ins Wohnzimmer: smarte Assistenten oder kluge Wanzen? Laut einer Erhebung im Auftrag des Zentralverbands Elektrotechnik- und Elektronikindustrie (ZVEI) nutzt etwa jeder Fünfte in Deutschland Anwendungen für Sprachsteuerung auf dem Smartphone. Doch die Assistenten für die Haussteuerung, allen voran Google Home und Amazon Echo, werden immer wichtiger. Ebensolche sorgen aber mit bedenklichen Testergebnissen für Gesprächsstoff. Datenverkehr auch ohne Signalwort Dazu zählen die Ergebnisse eines Versuchs dreier Ingenieure der FH Münster. Die wissenschaftlichen Mitarbeiter im Fachbereich Energie, Gebäude, Umwelt wollten eigentlich untersuchen, ob Sprachassistenten in ihrem Fachbereich nützlich sein könnten und testeten deshalb den Echo Show von Amazon, einen Sprachassistenten mit Bildschirm, genannt Alexa. In der Mittagspause - Alexa stand im Hintergrund - sprachen die drei Wissenschaftler über die Formel 1. Kurz darauf erschien auf dem Display eine Schlagzeile zu genau diesem Thema. "Da wurden wir skeptisch und haben uns gefragt: Hört Alexa etwa mit? Wie kommt der Sprachassistent darauf, uns ausgerechnet diese Schlagzeile anzuzeigen?", erinnert sich Florian Segger. Normalerweise sollen die Sprachassistenten nur dann einen Sprachbefehl aufzeichnen und weiterverarbeiten, wenn sie über ein Signalwort dazu aufgefordert werden. Um auf das Signalwort reagieren zu können, müssen die Geräte aber an sein. Mithilfe eines Tests wollten Segger und seine Kollegen Steffen Jacobs und Thilo Creutz herausfinden, ob Alexa auch dann Daten empfängt und versendet, wenn das Signalwort nicht gesagt wurde. Datenpakete an 29 Server Segger, Jacobs und Creutz schnitten den Datenverkehr des Gerätes mit und testeten verschiedene Szenarien. Zum Beispiel, was passierte, wenn sie schwiegen, wenn sie sich über Alltägliches unterhielten und auch, wenn sie Alexa ansprachen. Die wichtigste Erkenntnis für die Drei: Alexa verschickte und empfing auch dann Daten, wenn das Gerät nicht durch ein Signalwort aktiviert wurde. "Anhand der Datenaufzeichnung konnten wir erkennen, wo die Daten hinfließen. Bei einem Versuch zum Beispiel schickte Alexa Datenpakete an 29 Server, unter anderem in Seattle, Dublin und Amsterdam", sagt Segger. Auf Anfrage von nw.de erklärt ein Sprecher von Amazon, dass es sich bei den Daten, die auch ohne Sprachbefehl gesendet und empfangen werden, um technische Verbindungsdaten handele, um die Verbindung zwischen Echo und Amazon Servern zu gewährleisten. Segger, Jacobs und Creutz konnten in ihrem Versuch nicht sehen, um welche Daten es sich handelt. Die Daten sind verschlüsselt. Zwar hätten sie in den Test-Gesprächen extra Fußball-Themen eingebaut. Dass Alexa ihnen deshalb regelmäßig Fußball-Schlagzeilen anzeigte, konnten sie im Versuch aber nicht feststellen. Dennoch bleibt die Unsicherheit. "Die wichtigste Erkenntnis für uns ist: Auch wenn Alexa nicht per Stichwort ausgelöst wurde, hat Alexa Datenpakete verschickt und empfangen", sagt Segger. Um den Lautsprecher in ihrem Fachbereich, der Gebäudetechnik einzusetzen, seien noch zu viele Fragen offen. TÜV-Test: Google Home und Alexa hören nicht nur aufs Signalwort Ein anderer Test zeigt, dass die Sprachassistenten nicht nur auf das voreingestellte Signalwort reagieren. In einem im März durchgeführten TÜV-Test im Auftrag der Verbraucherzentrale NRW reagierten die Systeme auf ähnliche Begriffe, aber auch auf starke Abwandlungen. Der Untersuchung zufolge springt die Sprachaufzeichnung bei Amazon Echo auch dann an, wenn statt "Alexa" das Wort "Alexandra" oder "Gecko" statt "Echo" gesagt wurde. Selbst bei "Ham wa schon" statt "Amazon" sei das Produkt angesprungen. Die Tester stellten sogar eine vermutlich zufällige Aktivierung aufgrund von Nebengeräuschen fest. Auch Googles Assistent hörte im Test nicht nur auf die Signalwörter "Hey Google" und "Okay Google", sondern auch auf "Okay, Du" und "Okay, Kuchen". Selbst die Variante "Okay, gucken wir mal" habe funktioniert. "Sprachassistenten sind die zentrale Technologie der Zukunft" Bei allen Zweifeln, die durch Tests wie dem an der FH Münster oder dem des TÜV entstehen: Daran, dass Sprachassistenten in der Zukunft eine bedeutende Rolle spielen werden, haben Forscher keinen Zweifel. "Digitale Sprachassistenten sind die nächste Generation von Benutzerschnittstellen nach der App und sie sind als solche viel mächtiger. Heute nutzen wir viele einzelne Apps, um Informationen zu bekommen. In Zukunft gibt es eine Schnittstelle für alle Zwecke, die über Sprechen und Zuhören funktioniert", sagt Professor Oliver Niggemann, stellvertretender Leiter am Institut für industrielle Informationstechnik (inIT) der Hochschule OWL. Niggemann ist Experte für Künstliche Intelligenz, Industrie 4.0 und intelligente Automation. Verbraucher werden künftig ihre Fahrkarten oder Pizzen über Sprachassistenten bestellen, sagt der Wissenschaftler. "Technische Sprachassistenten sind die zentrale Technologie in der Zukunft", ist sich Niggemann sicher. In fünf bis sieben Jahren werde sich die Technologie der Sprachverarbeitung deutlich verbessert haben. Die Entwicklung der Künstlichen Intelligenz dahinter werde zwar noch etwas länger dauern, sei aber bereits eines der Hauptforschungsthemen am inIT. Bleibt abzuwarten, ob die klügeren Assistenten der Zukunft nur dann zuhören, wenn sie es sollen. Bei ihren Kollegen in der Gegenwart scheint das nicht zu klappen.

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