Zwischen Fitness-Tipps und Fremdenhass: Die rechte YouTube-Szene ist vielfältig - und laut Experten hochgefährlich. - © picture alliance / blickwinkel (Symbolbild)
Zwischen Fitness-Tipps und Fremdenhass: Die rechte YouTube-Szene ist vielfältig - und laut Experten hochgefährlich. | © picture alliance / blickwinkel (Symbolbild)

Netzwelt Fitness-Tipps für Rassisten: Die gefährliche, rechte YouTube-Welt

Auf Twitter und Facebook erreichen Rechtspopulisten mit ihren Provokationen tausende Nutzer. Doch kaum jemand spricht über ihre Aktivitäten auf YouTube. Das ist hochgefährlich, denn YouTube wird vor allem von Jugendlichen genutzt.

Matthias Schwarzer

Berlin. Im Muskelshirt steht Leonard Fregin vor einer Landkarte. "Guten Tag, Freunde", begrüßt er seine Zuschauer, während er locker in die Kamera schnipst. Für wenige Sekunden könnte man meinen, auf dem YouTube-Kanal eines gut gelaunten Fitness-Trainers gelandet zu sein. Doch der junge Mann mit der stabilen Körperhaltung will kein Sportprogramm und keine Protein-Shakes an den Mann bringen. Er hat eine andere Mission: Er will Rassisten attraktiv machen. Und er meint das ernst. "Ich glaube, dass jeder Patriot muskulös, fit und athletisch sein sollte", sagt der Mann im roten Shirt, reißt seinen Arm hoch und zeigt seinen durchtrainierten Bizeps. "Wenn euch jemand von seinen Ansichten überzeugen will, dann wird es eine Rolle spielen, wie diese Person auf euch wirkt. Es ist ein Unterschied, ob das eine Couch-Potatoe ist - also irgendwie fett, ungepflegt, kraftlos, energielos, wenn der Vibe nicht stimmt. Oder ob das eine energiegeladene, vor Kraft und Jugendlichkeit strotzende Person ist. (...) Ihr könnt es euch viel einfacher machen, wenn ihr so einen Winner-Vibe habt." Ein muskulöser Körper, so Fregin, stehe für Gesundheit, Vitalität und Jugendlichkeit. "Und genau diese Dinge wollen wir ja auch repräsentieren. Irgendwas, das neu ist, was frisch ist, was jugendlich ist. Der Patriotismus. Die ganzen identitären Ideen. Wir sind die Aushängeschilder dieser Ideen. Und wir sollten möglichst attraktive Aushängeschilder sein." Patrioten ohne Gesicht Leonard Fregin ist nach eigenen Angaben 20 Jahre alt, AfD-Wähler und Mitglied der "Identitären Bewegung" - einer Gruppe, die von Politikwissenschaftlern als rechtsextrem eingestuft und in Deutschland vom Verfassungsschutz beobachtet wird. Die fremdenfeindlichen Aktionen der Bewegung richten sich vor allem gegen Muslime. In den vergangen Wochen fielen Teile der Gruppe durch Gewalt auf. Fregin war nicht dabei. Er meint aber: Muskeln, die brauche man ja auch für Demonstrationen. "Wenn man die Leute links und rechts weg-, ähm, drücken kann." Leonard Fregin ist Teil einer Blase, die kaum mediale Beachtung findet: Die rechte YouTube-Szene. Eine Gruppe selbsternannter "Patrioten" hat sich auf der Videoplattform eine treue Stammzuschauerschaft aufgebaut - einige Kanäle erreichen zehntausende Abonnenten. Ihre Inhalte sind soweit so bekannt: Die vermeintliche Islamisierung, das linksversiffte Multikulti-System, die Angst vor dem Feminismus. Fregin ist sowas wie der Shooting-Star der Szene. Seine Klickzahlen sind überschaubar - doch von den "Stars" der Identitären Bewegung wird er immer wieder zu Interviews und "patriotischen Livestreams" eingeladen. Einen jungen Typ mit Muskeln scheint man in eigenen Reihen wohl gebrauchen zu können: Die wenigstens YouTuber der Szene zeigen vor der Kamera ihr Gesicht. Zwischen Islamfeinden und Antisemiten Zu den islamfeindlichen Protagonisten der Identitären gesellen sich auf YouTube eine ganze Reihe antisemitischer und antiamerikanischer Kanäle sowie unzählige Verschwörungstheoretiker. Die Gruppen unterscheiden sich inhaltlich stark, arbeiten aber alle mit ähnlichen Mitteln: Die Videos sind oft dunkel gehalten, die Sprecher nur selten zu sehen. Fast immer geht es um irgendeine vermeintliche Gefahr, ausgelöst durch Politik, Medien oder Einwanderer, die es zu bekämpfen gelte. In den Kommentarspalten der Videos regiert der Hass. Was auffällt: Anders als auf Twitter und Facebook scheinen die Rechten auf YouTube weitestgehend unter sich zu sein. Ihre Videos wirken wie ein großes Gruppen-"High five" unter Gleichgesinnten. Ein durch ein YouTube-Video provozierter Aufreger? Den hat es bislang noch nicht gegeben. Die mediale Aufmerksamkeit liegt vielmehr auf sozialen Netzwerken wie Facebook und Twitter. Über rassistische YouTube-Videos spricht kaum jemand. "Szene ist auf YouTube deutlich gefährlicher als auf Facebook" Genau das ist allerdings hochgefährlich: "Auf YouTube sind nämlich vor allem sehr junge Nutzer unterwegs", sagt YouTube-Kenner Markus Hündgen, Chef der European Web Video Academy. "Facebook ist im Gegensatz dazu ein echtes 'Oldie-Portal'". Hündgen sieht hier die Medien in der Verantwortung: "Viele berichten über YouTube und Instagram als reine Influencer-Portale - von Beauty und Comedy. Die braune Seite allerdings wird häufig ignoriert." Die Taktik der Rechten auf YouTube sei relativ simpel: Erst wird eine spezifische Zielgruppe angesprochen, diese dann in eine treue Community umgewandelt. "Gerade das rechte Spektrum zielt auf diese Variante ab: Sympathisanten eine ideologische Heimat geben." Die Verbreitung der Videos erfolge in der Regel über geplante "Netzaufreger", die bewusst polarisieren und über Extrempositionen Aufmerksamkeit schaffen. In der vergangenen Woche war das beispielsweise der Mordfall im pfälzischen Kandel. Der YouTube-Algorithmus befeuert das: "Schnell, laut, polarisierend, einfach - mit diesen Attributen schaffen es Videos mittlerweile in die Trends", sagt Hündgen. Die "Trends" sind eine Liste auf der YouTube-Startseite mit besonders populären Videos. "Eine starke und schnell mitziehende Community ist hierbei sehr förderlich und verstärkt das." Und: Viele Rechte verdienen mit ihren Videos sogar Geld. Nicht nur durch eingeblendete Spendenkonten, sondern auch durch die deutsche Werbeindustrie. Vor vielen Videos laufen Werbespots großer Unternehmen - in der Regel automatisiert. Hündgen appelliert darum an die Werbeindustrie: "Macht die Augen auf, wo ihr eure Werbung platziert." Härtere Regeln auf YouTube? Das Problem mit der Werbung hat YouTube inzwischen selbst in die Hand genommen. Politische Videos werden inzwischen kaum noch "monetarisiert" - das trifft allerdings auch viele Blogger, die nicht zur rechten Szene gehören. Doch wie geht YouTube mit dem Thema Hass und Hetze um? Die Antwort ist so ernüchternd wie vorhersehbar: "Die Plattform handelt nicht anders als Facebook und Co", sagt Hündgen. "Grundlage ist weiterhin das US-Recht - und damit die US-Moral." Rassistische Videos oder Kommentare würden nur selten gesperrt."Da YouTube in Deutschland sehr stark von einer jungen Zielgruppe frequentiert wird, ist die Kommentarkultur sogar deutlich schärfer, und oft auch anonymer." Ändern könnte sich das Problem allerdings mit dem umstrittenen Netzwerkdurchsetzungsgesetz. Viele rechte YouTuber hatten in den vergangenen Wochen bereits die Sperrung ihrer Videos oder Kanäle beklagt.

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