Laut Studie ist die Diskussion politischer Themen über den Kurznachrichtendienst ist eher ein Mythos. - © dpa
Laut Studie ist die Diskussion politischer Themen über den Kurznachrichtendienst ist eher ein Mythos. | © dpa

Games & Netzwelt Interview: „Der demokratische Nutzwert von Twitter wird überschätzt“

Laut einer medienkritischen Studie ist die Diskussion politischer Themen über den Kurznachrichtendienst eher ein Mythos

Benedikt Schülter

Bielefeld. Die Kommunikation politischer Themen über Twitter wird in ihren Möglichkeiten überschätzt. Zu diesem Ergebnis kommt die medienkritische Studie der gewerkschaftsnahen Otto Brenner Stiftung (OBS) „#MythosTwitter", die der NW einen Tag vor der Veröffentlichung exklusiv vorliegt. Die Hoffnungen auf einen gleichberechtigten Diskurs zwischen Bürgern und Politikern seien unbegründet. Journalisten und etablierte Kommunikationsprofis dominieren die Twitter-Kommunikation. Die Politikwissenschaftler Mathias König und Wolfgang König haben über einen mehrtägigen Zeitraum drei unterschiedliche politische Hashtags analysiert. Das Ergebnis ist ernüchternd: „Letztlich zeigt sich, dass ein Hashtag in Twitter dann erfolgreich ist, wenn traditionelle Medien involviert oder relevante Kommunikatoren beteiligt sind", bilanzieren die Forscher der Uni Landau. Das Interview: Sie nennen Ihre Studie „#Mythos Twitter". Warum eigentlich? Mathias König: Twitter wird zugeschrieben, dass der Nutzer durch den Dienst am politischen Prozess partizipieren kann und besser als andere über das Weltgeschehen informiert ist. Das hat sich für uns aber als Mythos entpuppt. Wie wird Twitter von der breiten Öffentlichkeit denn Ihrer Meinung nach wahrgenommen? König: Egal ob Massenmedien oder Experten, der Mainstream sagt: Twitter war beim Demokratisierungsversuch des „Arabischen Frühlings" angeblich ein ganz wichtiger Faktor, da die Staatsmedien umgangen werden konnten. Aber auch in etablierten Demokratien wird ein demokratischer Nutzwert von Twitter gesehen. Zum Beispiel fordert die Sendung „Berlin Direkt" ihre Zuschauer auf, bei Twitter zu diskutieren. Aber nicht nur bei politischen Sendungen, sondern auch bei Unterhaltungsformaten wie dem „Dschungelcamp" oder dem „Tatort" werden die Zuschauer animiert zu twittern. Beim „Tatort" werden sie dafür sogar belohnt. So werden die „besten" Tweets im Teletext erneut publiziert. Was genau haben Sie untersucht? Wolfgang König: Wir haben uns mit Hashtags befasst, in denen es um politische Themen ging. Beispielsweise dem Hashtag Flüchtlinge. Im Grunde wird bei allen untersuchten Fällen ein Muster deutlich: Ob bei einem Hashtag viel los ist, hängt maßgeblich davon ab, inwieweit sich Massenmedien daran beteiligen – Tweets zu einem Thema absetzen. Der Grund ist einfach: Massenmedien haben viele Follower, die glauben, dass deren Tweets relevant sind – deshalb teilen sie diese und verbreiten sie so weiter. Profitiert denn der Bürger überhaupt von Twitter? Wolfgang König: Er profitiert immer nur dann, wenn die großen Medien seinen Tweet aufgreifen. Nur so hat er die Chance ein großes Publikum zu erreichen. Allerdings ist unklar, nach welchen Kritierien die Redakteure Tweets auswählen. Deshalb kann man sagen, dass die großen Medienhäuser Twitter stark machen und nicht die Bürger. Damit wird auch die demokratische Debatte nicht besser. Was haben die Medien davon? Mathias König: Medien wirken, wenn sie auf Twitter aktiv sind, nah an ihrem Publikum - und das ohne große Kosten. Beispielsweise stellte das ZDF im Jahr 2011 keinen Redakteur, sondern einfach einen gelernten Erzieher zur Betreuung des ZDF-Twitter-Accounts ein, nachdem herauskam, dass dieser mehrere Jahre lang unbemerkt so getan hatte, als sei er das ZDF auf Twitter. Außerdem liefert Twitter den Medien kostenlos ein Stimmungsbild ihres Publikums. Überspitzt formuliert: Der Praktikant, der bisher auf dem Marktplatz Bürgerstimmen einfangen musste, kann eingespart werden. Sind dann die Medien die großen Gewinner des „Mythos Twitter"? Mathias König: Bei politischen Hashtags scheint es tatsächlich so zu sein. Andererseits machen die Medien durch ihre Aktivitäten ihre Reputation von Twitter abhängig. Leser werden zu Followern. Das kann im Umkehrschluss für den Journalismus zum Bumerang werden, weil sie Zuschauer und Leser an Twitter binden. Nachrichten kann man ja in Kurzform auf dieser Plattform sehen und braucht so nicht mehr auf die Homepage der Urheber zu gehen. Was wichtig ist, entscheidet Twitter mit seinen „Trending Topics" und nicht mehr der Journalist. Medien laufen Gefahr, ihre Selektionskompetenz abzugeben. Wenn das passiert, wird Twitter eine Menge Geld verdienen. Was für eine Rolle spielt der Bürger dabei? Mathias König: Der Bürger kann froh sein, wenn sein Tweet von den Medien aufgegriffen wird. Verbreitet er Tweets weiter, ist er im Grunde nur ein Stichwortgeber oder Claqueur. Es ist außerdem gar nicht klar, wie Twitter entscheidet, was ein Trending Topic ist. Keiner weiß, welche Kriterien einen Hashtag zum Trend machen. Und trotzdem gilt der Twitter-Trend als Nachrichtenwert im Journalismus. Es zeigt sich, dass ein paar Hundert Tweets ausreichen, damit ein Hashtag als Twitter-Trend ausgewiesen wird. Wer politisch gut informiert sein will, für den ist Twitter keine Alternative, sondern höchstens eine informative Spielwiese. Man muss erstens bereits bestens informiert sein, um die Twitter-Kommunikation einordnen zu können. Zweitens muss man viel Zeit investieren, um tatsächlich wichtige Tweets zu erkennen. Das ist die Herausforderung für den Onlinejournalisten.

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