Keine Kita-Plätze frei - zahlreiche Eltern sehen sich damit konfrontiert. Das Anmeldeverfahren, zumindest in Bielefeld, hat noch einige Schwächen. - © picture alliance / ZB
Keine Kita-Plätze frei - zahlreiche Eltern sehen sich damit konfrontiert. Das Anmeldeverfahren, zumindest in Bielefeld, hat noch einige Schwächen. | © picture alliance / ZB

Bielefeld Eltern-Blog: Wie meine Tochter keinen Kita-Platz bekam

Das Anmeldeverfahren hat Tücken, die man kennen muss. Wenn nicht, droht einem die ungewollte Selbstsabotage. Ein Erfahrungsbericht.

Björn Vahle

"Macht das bloß rechtzeitig." Der Satz klingt mir noch in den Ohren, weil ihn mir ungefähr jeder Mensch gesagt hat, mit dem ich über die Anmeldung unserer Tochter in einer Kita gesprochen habe. Wir haben das rechtzeitig gemacht - und doch keinen Platz bekommen. Warum? Ich wünschte, ich könnte das abschließend beantworten. Protokoll einer Odyssee mit offenem Ende. Die Ausgangssituation: Unsere Tochter wird im Juli zwei Jahre alt. Im April 2017 meldeten wir sie über das in Bielefeld eingerichtete Online-Portal "Little Bird" bei vier Kitas in unserem Ort und einer im Nachbarort an. Mehr als fünf gleichzeitig sind nicht möglich. Am 1. August 2018 wollen wir sie in die Kita schicken. Also eineinhalb Jahre Vorlauf. Das, so unsere Überzeugung, sollte doch wohl rechtzeitig sein. Beim Bedarf schummeln? Brauchen wir nicht! Bei "Little Bird" gaben wir unseren Stundenbedarf an - möglich sind 25, 35 oder 45 Stunden. Aber auch unsere eigenen Arbeitszeiten - meine Frau und ich sind beide berufstätig -, damit für das Jugendamt klar wird: Wir brauchen tatsächlich einen Platz. Immer wieder gibt es Berichte, dass Eltern bewusst eine höhere Stundenzahl angeben, als sie brauchen, um überhaupt einen Platz zu bekommen. Denn diese Plätze sind für die Kitas natürlich auch lukrativer. Zu solch unfairen Mitteln - da waren wir sicher - würden wir mit unseren Bedarfsangaben überhaupt nicht greifen müssen. Die Plätze? Längst vergeben Dann warteten wir. Immer wieder schauten wir über die Vergabe-Plattform "Little Bird" nach, ob sich am Status unserer Anmeldungen etwas änderte. "Ist Vormerkung" hieß es dort (und ja, das steht da wirklich so). Bis wir Anfang Februar einfach mal bei den Kitas nachfragten, ob die Plätze denn bald vergeben würden. Die Antwort an allen Stellen: sind sie schon. Wir waren verwirrt. Hätten die Kitas das denn nicht von sich aus mitteilen müssen, damit wir uns anderweitig kümmern können? Eine Aktualisierung in "Little Bird" hätte ja gereicht. Unsere Nachfrage im Jugendamt beantwortete eine Mitarbeiterin irgendwo zwischen routiniert und resigniert: "Ja, das tragen die Kitas nicht ein. Wir merken das immer wieder an." Offenbar bekommt nur Nachricht, wer auch einen Platz bekommen hat. Abgelehnt - was nun? Die Begründungen der Kitas für die Ablehnung, die wir auch erst auf Nachfrage erhielten, waren höchst unterschiedlich. Viele Geschwisterkinder, die nun mal Vorrang hätten. Nicht genug U3-Plätze. Gut, dachten wir, all das kann man nachvollziehen. Gerechnet hätte ich damit aber nie. Klar, dass es überall eng ist, war uns bewusst. In Bielefeld werden für das kommende Kita-Jahr 215 zusätzliche Plätze benötigt. Vier von fünf neuen Kitas, mit denen die Stadt 400 neue Plätze schafft, öffnen aber erst, wenn das Jahr schon begonnen hat. Und für die Anmeldung hatten wir nun auch nur noch sechs Monate Zeit. Keine Chance trotz Warteliste Wir wollten niemandem einen Vorwurf machen. Also dachten wir, nehmen wir die bisherigen Bewerbungen einfach zurück und schicken neue raus. Davon riet uns das Jugendamt überraschend ab. Stattdessen sollten wir die erfolglos angefragten Kitas bitten, unsere Anfragen abzulehnen. Würden wir sie selbst zurückziehen, bekämen unsere Anfragen für zukünftige Verfahren den Vermerk "kein Interesse der Eltern". Im Klartext heißt das: Wer sich über das zentrale von der Stadt zur Verfügung gestellte Portal für Kita-Anmeldungen nach Absagen weiter kümmern will, läuft schnell Gefahr, sich den Weg zum Kita-Platz - jetzt und in Zukunft - ungewollt zu erschweren. Wie sollen das eigentlich Flüchtlingsfamilien verstehen? Portal mit haarsträubenden Macken Eine Kita-Leiterin erklärt das Verfahren so: Sagen die Kitas bei "Little Bird" ab, fallen Bewerber aus den Wartelisten, ihre Daten seien von den Kitas nicht mehr ohne Weiteres abrufbar. Ohne Ablehnung bestehe zumindest weiter die theoretische Chance, noch nachzurücken. Müßig zu erwähnen, dass keine der von uns angefragten Kitas es auch nur ansatzweise für wahrscheinlich hielt, dass wir tatsächlich noch nachrücken. Das Sozialdezernat um Leiter Ingo Nürnberger kennt die Probleme, "Little Bird" bezieht schon länger Kritik, auch von Kita-Trägern. Er sehe aber Verbesserungen, sagte Nürnberger im vergangenen August. Aber mal im Ernst: All diese Dinge sind mir als Elternteil doch ganz egal. Ich möchte, dass mein Kind einen Kita-Platz bekommt. Und wenn nicht, möchte ich das früh genug wissen. "Little Bird" hat übrigens immer noch seine ärgerlichen Macken. Zum Beispiel die auf dem Screenshot. Wenn ich die Gruppenform der Betreuung nicht weiß, soll ich das Feld frei lassen, sagt ein Infofeld. Darf ich aber nicht, sonst komme ich im Anmeldeprozess nicht weiter. Na super. Schlechte Kommunikation mit Eltern Was ich in "Little Bird" übrigens auch nur sporadisch finde: Angaben darüber, wo es noch freie Plätze gibt. Nur eine Kita im ganzen Ort hat den Bereich "Aktuelles" mit dem Hinweis aktualisiert, es seien noch zwei Ü3-Plätze verfügbar. Die wenigsten Einrichtungen scheinen die Möglichkeiten des Portals auch zu nutzen. Im schlimmsten Fall bewirbt man sich also auch im zweiten Anlauf bei lauter voll besetzten Kitas mit Wartelisten von biblischer Länge. Das Ende vom Lied? Noch nicht geschrieben Über all diese Punkte ärgere ich mich schon. Und dabei hat unsere kleine Familie das Glück, dank helfender Omas, Opas, Tanten und Onkel grundsätzlich auch die Option zu haben, unsere Tochter erst im kommenden Jahr in die Kita zu schicken. Wie es anderen Familien oder Alleinerziehenden ohne solche Unterstützung mit einer Absage gehen muss, mag ich mir gar nicht vorstellen. Einen Kita-Platz haben wir, Stand jetzt, noch nicht, trotz neuer Anfragen bei noch zu bauenden Kitas. Noch ist natürlich ein bisschen Zeit bis zum 1. August. Möglicherweise könnten wir - und alle anderen Bielefelder Familien mit demselben Problem - aber schon ganz woanders stehen. Wenn wir von den Absagen erfahren hätten, als andere ihre Zusage bekamen. Also vor mehr als einem Monat.

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