Da braucht man starke Nerven: Die Kinderbuch-Protagonisten Conni und Leo Lausemaus sind beliebt bei den Kleinen. Bei den Großen... geht so. - © Anneke Quasdorf
Da braucht man starke Nerven: Die Kinderbuch-Protagonisten Conni und Leo Lausemaus sind beliebt bei den Kleinen. Bei den Großen... geht so. | © Anneke Quasdorf

Familie Bobo, Conni und Co.: Die nervigsten Kinderbücher

Vorlesen ist so schön - wenn es einem nicht von gruseligen Protagonisten verleidet wird

Anneke Quasdorf

Es ist so weit: Wir sind beim Vorlesen angekommen. Oder, wie es bei uns heißt: beim Vorzählen (vorlesen + erzählen). Wie lange ich mich auf diese Zeit gefreut habe! Und wie schön es auch wirklich ist! Nur gibt es in der Welt der Kinderbücher drei Gestalten des Grauens, die jedem, der größer ist als 1,20 Meter, das Vorzählen gründlich vermiesen. Und das sind Leo Lausemaus, Bobo Siebenschläfer und Conni. Warum auch immer (und nachdem ich nun alle drei kennengelernt habe, frage ich mich tatsächlich: WARUM AUCH IMMER??) fahren alle Kinder unter fünf Jahren in genau dem gleichen Ausmaß auf die Drei ab, wie alle Erwachsenen sie verabscheuen. Unter Eltern gibt es mittlerweile ein recht gut entwickeltes Frühwarn-System (Kauf das nicht, kauf es nicht, kauf es niiiiiiiiiicht!!!!). Vielleicht gibt es ja im Gegensatz dazu eine geheime Empfehlungs-Kultur unter Zweijährigen? Ich weiß es nicht. Fakt ist aber, dass ich alle Drei, wenn auch aus den unterschiedlichsten Gründen, mit großer Entschiedenheit ablehne. Und, solange sie nur im Kurzzeitgedächtnis meiner Tochter abgespeichert sind, wieder aus unserem Bücherregal entfernt habe oder das baldmöglichst tun werde. Conni Da wäre zuerst mal Conni. Meine ganz persönliche Lieblingsfreundin mit zeitgemäßer roter Schleife im Haar. Conni tut alles, was alltäglich ist, worin sich Kinder wiederfinden und was sich ergo gut verkaufen lässt. So weit, so gut. Das Problem: Conni kann alles und sie macht das alles auch echt gern. Während die Buchtitel von Leo Lausemaus und Bobo Siebenschläfer (oder: die Ratte und die hohle Nuss) Eltern wenigstens im knallharten Alltag mit Kind abholen (Leo Lausemaus will nicht baden, Bobo Siebenschläfer wird nicht müde), kooperiert Schlaumeier-Streberkind Conni so perfekt, dass man ihr am liebsten eine knallen möchte (Conni geht zum Zahnarzt, Conni schläft im Kindergarten und, mein Lieblingstitel: Conni hilft Mama!). Conni züchtet Kresse auf einem Wattebausch, weil da ist ganz viel "Kalium, Calzium, Eisen und Phosphor" drin. Conni liebt ihren neuen Babybruder, denn die kleine Besserwisserin weiß: "Ein Baby kann man nicht einfach weggeben, wenn es stört. Würde ich auch nie wollen!" Nee, genau, Conni. Mit Kinderbuch-Klugscheißern ist das aber was anderes. Du bist schon aussortiert. In die Flohmarkt-Bücher-Kiste. Und tschüss! Bobo Siebenschläfer Tja, der Bobo. Der gehört in die Kategorie "langsamer Burnout". Denn am Anfang merkt man gar nicht, was schief läuft. Auch ich war zunächst begeistert: Schöne Zeichnungen, kindgerechte Probleme, wenig Text, genau, was wir brauchten. Doch mit der Zeit wurde ich mürbe - und konnte Bobo, die alte Heulsuse, immer weniger leiden. Denn tatsächlich ist das eigentlich alles, was passiert: Bobo hat ein Problem, Bobo heult und am Schluss geht alles nach Bobos Nase. Würde der Bobo in die Kita gehen, würden Erzieher es im Elterngespräch vielleicht so formulieren: Ihr Kind braucht klare Grenzen. Es hat ganz genau erkannt, dass es Ihnen mit seinen Tränen und seinem Trotz seinen Willen aufzwingt. Aber gut, lebensnah ist der Plot damit vermutlich schon. Nun kommt aber noch die sehr einfache Satzstruktur hinzu, die mich am Anfang erfreute und nun wahnsinnig macht. Nebensätze - Fehlanzeige. Das Gute: Selbst meine Tochter langweilt sich mittlerweile beim "vorzählen". Ich bin also guter Hoffnung, dass Bobo Nervensäges Tage bei uns gezählt sind. Leo Lausemaus Leo hat den falschen Namen. Er müsste Claus oder Hans oder Albert heißen, dann würde dieses Buch im Laden perfekt neben andere Klassiker aus der Kaiserzeit passen, "Der Trotzkopf" beispielsweise oder, etwas später, "Försters Pucki". In schön belehrendem Tonfall wird dem Nachwuchs hier die Welt nahegebracht, wie sie sein sollte: Der Papa, im Anzug, geht zur Arbeit, die Mama, in hochgeschlossener Bluse und langem Rock, kümmert sich zu Hause um den Nachwuchs und die Küche - wenn sie denn nicht gerade strickt. Immer, wirklich IMMER steht der Artikel vor dem betreffenden Elternteil und man merkt dem Autor nur zu deutlich an, dass er sich "Mutti" und "Vati" statt der moderneren Kosenamen nur mit Mühe verkneifen konnte. Ganz im Ernst, wer noch kein Feminist ist, der wird spätestens einer, wenn er Leo Lausemaus vorliest. Vielleicht ist das Buch neu aufgelegt und stammt tatsächlich aus dem vorvorigen Jahrhundert? Anders kann ich mir die antiquierte Darstellung nicht erklären. Ich habe gar nichts dagegen, wenn im Buch die Mutter am Herd steht und kocht, aber die verstaubte Welt der Lausemauses geht mir dann doch zu weit. Also verstaubt das Buch jetzt im Keller. Nachtrag P.S.: Auch bei den Siebenschläfers sieht es übrigens so aus: Die Mutter trägt ein unförmiges, langes Kleid und der Vater kommt nach Hause und liest die Zeitung. Und bei Conni ist die Mutter zwar Ärztin und damit höchstwahrscheinlich nur temporär in Elternzeit und zu Hause, aber trotzdem übernimmt sie die klassischen häuslichen Aufgaben, während der Vater Conni abends für ihre neu erlernten Fähigkeiten lobt.

realisiert durch evolver group