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Der Ex-Champion: Favorit Elias Sansar wurde Dritter. FOTO: FALK
Der Ex-Champion: Favorit Elias Sansar wurde Dritter. FOTO: FALK

Bielefeld Reichert gibt den coolen Schattenmann

MÄNNER: Der Vorjahreszweite kommt spät, aber gewaltig - und hängt Nobody Atey sowie Seriensieger Sansar ab

Matthias Foede
27.04.2015 | Stand 27.04.2015, 11:43 Uhr |

Bielefeld. Florian Reichert wollte es genau wissen: "Muss ich den Siegerkranz wirklich wieder abgeben? Den würde ich eigentlich gerne behalten." Vom Organisationschef des TSVE Christian Dopheide erhielt er die beruhigende Antwort: "Nein, nein, nein, der ist für den Sieger da. Den kannst du mit nach Hause nehmen." Spätestens jetzt konnte Florian Reichert von einem perfekten Tag sprechen.

Zweimal war der 33 Jahre alte Gymnasiallehrer für Englisch, Spanisch und Sport aus Göttingen schon Zweiter beim Hermannslauf geworden (2012 und 2014 jeweils hinter Elias Sansar), jetzt setzte er sich nach einem der spannendsten Rennen in der Geschichte des Wettbewerbs die Krone - Entschuldigung: den Kranz - auf. Als Reichert nach 1:46:24 Stunden ins Ziel lief, hatte er einen packenden Dreikampf für sich entschieden. Der Eritreer Yohannes Hailu Atey vom TuS Deuz (1:47:03) als Zweiter und Vorjahressieger Elias Sansar von der LG Lage (1:48:02) als Dritter mussten dies neidlos anerkennen.

Zu Beginn des Wettkampfs sah jedoch wenig nach einem Erfolg von Reichert aus. Atey und Sansar dominierten das Geschehen und "waren früh sehr weit weg", meinte Reichert und sagte: "Das Tempo konnte ich wirklich nicht mitgehen." Favorit Sansar ließ sich von dem Nobody Atey locken. "Ich wusste nicht, wie gut er wirklich ist. Deshalb konnte ich ihn nicht laufen lassen", berichtete der achtfache Champion. So entwickelte sich ein faszinierendes Duell, bei dem Atey leichte Vorteile hatte. 22 Sekunden Vorsprung in Oerlinghausen. "In dieser Phase habe ich zu viele Körner gelassen", ärgerte sich Sansar später. Das sei am Ende nicht gut gegangen. "Ich musste mich richtig ins Ziel quälen. So fertig war ich schon lange nicht mehr." Auch das Rennen von Yohannes Atey ("Ich bin sehr zufrieden") verlief stressig. Schon nach drei Kilometern rutschte er aus und zog sich eine Schürfwunde am Knie zu. Dennoch übernahm der Powermann aus Eritrea, der in den vergangenen beiden Wochen gleich zwei superschnelle Halbmarathons in 67 und 68 Minuten hingelegt hatte, gerne die Führung. Doch auch ihm schwanden ab Kilometer 25 die Kräfte, zudem meldete sich sein Knie.

"Ich musste mich ans Ziel quälen"

Florian Reichert gab den Schattenmann, lief stoisch sein Tempo und blieb trotz des Rückstandes, der bisweilen 90 Sekunden und mehr betragen hatte, cool. "Nach 20 Kilometern war ich noch ganz locker", schwärmte der Sieger, der sich diesmal mit extrem langen Trainingsläufen zwischen fünf und sechs Stunden auf den Hermannslauf vorbereitet hatte - immer im Hinterkopf sein eigentliches Saisonhighlight: die Ultra-Trail-WM Ende Mai in Frankreich.
Der Nobody: Yohannes Hailu Atey lag bei der Zwischenzeitnahme in Oerlinghausen noch vorn. FOTO: JÖRG DIECKMANN
Der Nobody: Yohannes Hailu Atey lag bei der Zwischenzeitnahme in Oerlinghausen noch vorn. FOTO: JÖRG DIECKMANN

Nach den Lämershagener Treppen war Reicherts Zeit gekommen. Dort, wo Elias Sansar bisher den Großteil seiner Erfolge herausgelaufen hatte, musste er dieses Mal seine Niederlage akzeptieren. Beim Anstieg zum Eisernen Anton zog Reichert an Sansar vorbei und lief zu Atey auf. Beide behakten sich noch bis knapp zwei Kilometer vor dem Ziel. Dann hatte Reichert den letzten Verfolger abgeschüttelt. "Es ist ein unwahrscheinlich tolles Gefühl, als Führender über die Promenade zu laufen und zu gewinnen", gab Reichert zu Protokoll, der auch schon die Brocken-Challenge über 80 Kilometer für sich entschieden hatte.

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Im Ziel freuten sich mit Florian Reichert auch Marcus Biehl und dessen Freundin Daniela Becker. Beide fielen dem Sieger 2015 nach vollbrachter Tat innigst um den Hals. So ganz unbeteiligt waren sie nicht an dem Triumph. Schließlich hatte Biehl, der mit Reichert im Mai für die Deutsche Nationalmannschaft bei der Ultra-Trail-WM startet, den späteren Hermannslaufsieger beherbergt.

Mit Süßkartoffeln und Bruschetta

Am Samstag war der Göttinger angereist. Nach der Startnummernausgabe hatte Daniela Becker lecker gekocht. "Das hat mir super geholfen", spaßte Reichert. Im Hause Becker/Biehl gab es Süßkartoffeln, Bruschetta, vegane Gemüsenudeln und zwei Flaschen Malzbier. Das entpuppte sich nicht einmal 20 Stunden später als das Essen des Champions. Die Zutaten des Championsdinners am Sonntag waren beim Zieldurchlauf noch nicht geklärt. Allerdings pochte Reichert darauf, dass "wir auf jeden Fall aus den zwei Flaschen Malzbier Weizenbier machen sollten".
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Fotos vom Ziel an der Sparrenburg

Fotos von den Fans an der Strecke


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