0
Schwarzgelbes Mahnmal: Die Initiative "Alle Dörfer bleiben" beim Klimacamp in Erkelenz. - © Florian Pfitzner
Schwarzgelbes Mahnmal: Die Initiative "Alle Dörfer bleiben" beim Klimacamp in Erkelenz. | © Florian Pfitzner

Rheinisches Revier Protest am Tagebau: Klimacamp gegen Kohlestrom

Während "Fridays for Future" internationale Erfolge feiert, trifft man sich im rheinischen Revier zum traditionellen Zeltlager. Vor allem Frauen treiben die Klimaschutzbewegung voran – überlegt, aber hartnäckig

Florian Pfitzner
20.08.2019 | Stand 19.08.2019, 23:16 Uhr

Erkelenz. Die Schwalben fliegen tief überm Stoppelfeld, sie kreisen um die gefüllten Bierzeltgarnituren, Mittagspause auf dem Maisacker. Ansagen scheppern durch ein Megafon, mal auf Deutsch, mal auf Englisch. Infos zu Workshops in den nahen Stangengerüstzelten: Man kann sich eintragen für einen Vortrag zur "Kohleinfrastruktur im Rheinland" oder für den Kurs "How to do a Kleingruppenaktion". Einige hundert Menschen versammeln sich dieser Tage im rheinischen Revier zur zehnten Auflage des Klimacamps. Sie sind aus den Niederlanden angereist, aus Frankreich und Großbritannien. Ein Landwirt aus der Region hat seinen Acker zur Verfügung gestellt; die Fläche wird noch eine Woche für Vorträge und Aktionsformen genutzt. "Wir sehen das Camp als einen offenen Lernort", sagt Taalke Wolf, eine Pressesprecherin der Klimagerechtigkeitsbewegung. "Wer Lust hat, kommt vorbei." Von der Fackelkette bis "Fridays For Future" So wie Britta Kox. Sie ist aus Berverath herübergeradelt – "dem letzten Dorf, das weggebaggert werden soll", sagt sie. Der Braunkohletagebau wird sich weiter in das Stadtgebiet von Erkelenz hineinfressen, Menschen werden weiter umgesiedelt, Orte in den gewaltigen Löchern verschwinden. Geübte Praxis im rheinischen Revier. In Berverath soll die Umsiedlung bis 2028 abgeschlossen sein. "Wir bleiben", sagt Britta Kox. Sie trägt das knallgelbe T-Shirt der Bürgerinitiative "Alle Dörfer Bleiben". Einige Meter entfernt haben ihre Mitstreiter gelbe Ortsschilder auf dem Acker gruppiert, verziert mit schwarzen Kreuzen: Garzweiler, Königshoven, Altdorf, Tanneck, Priesterath – ein großes Mahnmal. Mitte der 1980er Jahre habe sie sich schon der Fackelkette am Tagebau Garzweiler angeschlossen, sagt Britta Kox. Sie findet es "toll, wie sich unsere Jugend heute für Klimaschutz einsetzt". Frontkämpferinnen für die Klimagerechtigkeit Vor genau einem Jahr hat Greta Thunberg zum ersten Mal vor dem schwedischen Parlament in Stockholm im Namen des Klimaschutzes gestreikt. Der 20. August 2018 markiert den Ausgangspunkt einer inzwischen globalen Kampagne, die unter dem Titel "Fridays For Future" bislang Hunderttausende auf die Straße gezogen hat. Zum ersten Jahrestag haben Forscher des Instituts für Protest- und Bewegungsforschung eine Studie zu den Aktionen in Deutschland vorgelegt. Demnach werden die Proteste vor allem von ehrgeizigen, gut gebildeten, politisierten Jungen und Mädchen getragen. Wer den Protest genauso trägt: Frauen. Im Klimacamp von Erkelenz ist Kathrin Henneberger eine Fachfrau für die Frontkämpferinnen der Klimagerechtigkeit. Es sei "kein Zufall, dass Frauen in der Klimabewegung laut zu hören sind", erklärt die ehemalige Sprecherin der Grünen Jugend. Es gehe ihr um eine gerechte und gleichberechtigte Gesellschaft: "Unsere Klimabewegung soll auch eine feministische Bewegung sein." "Die Entscheidungen treffen alte, reiche, weiße Männer" In Parlamenten und Chefetagen fehle es gerade in Klima- und Energiefragen an gleichberechtigten Einflussmöglichkeiten, kritisiert Henneberger. "Die Entscheidungen treffen alte, reiche, weiße Männer." Die Männer und Frauen im rheinischen Revier gehen deshalb mustergültig voran, versuchen "aktiv zu empowern", wie sie sagen. So setzt die Initiative "Ende Gelände" beispielsweise ausschließlich auf Frauen als Pressesprecherinnen. Im Camp geht es los mit den Workshops. Wer Zeit hat, spült Teller und Tassen, baut Zelte auf oder duscht in der "All Gender Shower". Auf einem Plakat steht: "RWE-Vorstände – Deutschlands Drecksäcke Nr.1". Gemeint ist der Energieversorgungskonzern, der mit seinen gewaltigen Baggern die Region umpflügt. Braunkohle ist für RWE noch immer ein wichtiger Energieträger. "Aktionen des zivilen Ungehorsams" Dass die Frauen der Klimaschutzbewegung für ihre Ziele mindestens so hartnäckig eintreten wie Männer, zeigen sie beim Bündnis "Kohle ersetzen!". Man trifft Vorbereitungen für den organisierten Widerstand, der die Kohlebagger im Rheinland aufhalten soll – "Aktionen des zivilen Ungehorsams", sagt Sprecherin Clara Tempel. Von diesem Donnerstag an hat man zu Sitzblockaden aufgerufen. Vom bisher größten Camp vor zwei Jahren waren Störaktionen Tausender Menschen ausgegangen. Ob es Krawall geben wird? "Wir gehen besonnen in die Aktionen", sagt Clara Tempel. "Wir sehen die Polizei nicht als unsere Gegner." Es gehe vielmehr um "ein Zeichen an die Politik". Sie habe immer noch nicht genug getan für einen sozialverträglichen Strukturwandel.

realisiert durch evolver group