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Seit 1980 im Europaparlament: Elmar Brok aus Bielefeld. - © dpa
Seit 1980 im Europaparlament: Elmar Brok aus Bielefeld. | © dpa

Straßburg Elmar Brok im Porträt: Der ewige Europapolitiker

Bald gibt der CDU-Politiker den Vorsitz des Auswärtigen Ausschusses ab. In seinem Bericht zur Außen- und Sicherheitspolitik wählt er noch einmal drastische Worte

Florian Pfitzner
17.12.2016 | Stand 18.12.2016, 18:53 Uhr

Straßburg. Bis zur Abstimmung ist es noch einen Monat hin, doch Elmar Brok ruft den Gewinner einfach schon mal aus. „Ah! Il Presidente!", schmettert er Antonio Tajani auf einem der Korridore des Straßburger EU-Parlaments entgegen. Tajani lacht, sie streichen sich gegenseitig über Schultern und Rücken. „Foto! Ich will ein Foto", verlangt Brok und um die beiden Männer herum holen Mitarbeiter ihre Mobiltelefone hervor. Gerade hat die Europäische Volkspartei (EVP) den Italiener Tajani zu ihrem ihren Kandidaten für die Wahl des EU-Parlamentspräsidenten gekürt. Möglicherweise erobert er am 17. Januar den Posten für die Konservativen. Ein Berlusconi-Mann als Nachfolger für Martin Schulz – was für eine Ironie. „Elmar, der wichtigste Abgeordnete des Parlaments", schmeichelt Tajani zurück und setzt sein Gérard-Depardieu-Grinsen auf. Eine Übertreibung, gewiss. Wenn man Brok in seiner Welt erlebt, fragt man sich allerdings schon: Wer eigentlich sonst? Brok gilt als einer der einflussreichsten Abgeordneten im EU-Parlament. Im Dezember 1980 hat er seine erste Rede in Straßburg gehalten, noch im Saal des Europäischen Rats mit seinen hölzernen Stützbalken. Der Geruch von Holz erinnere ihn an seine ostwestfälische Heimat, sagt Brok. Er bleibt kurz stehen und atmet tief durch die Nase ein. "Die Krisen in Europa sind nicht aus Europa gekommen" Es ist früh am Morgen, Brok hat bereits einen Termin hinter sich. Nun löchern ihn Botschafter aus Europa mit Fragen: zu Russland, zu Syrien, zur Türkei. Zunächst einmal sei festzuhalten, „dass die Krisen in Europa nicht aus Europa gekommen sind", raunt Brok, ein Stück zu weit entfernt vom Mikrofon. Man muss ganz genau hinhören. Trotzdem sollte sich Europa häufiger mal an die eigene Nase fassen, findet der dienstälteste EU-Parlamentarier. Was die Flüchtlingsbewegung angeht, halte sich die Türkei an die Vereinbarungen, sagt er. Ihn stören „unsere administrativen Unfähigkeiten": bei den Verfahren und den Registrierungen. Brok rät dazu, das Flüchtlingsabkommen von den Beitrittsverhandlungen mit der Türkei trennen. Wenn man überall europäische Maßstäbe zu Demokratie und Rechtsstaatlichkeit anwende, könne man „mit zwei Dritteln der Länder dieser Erde keine Gespräche mehr führen". Tags zuvor hat Brok als Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses seinen Bericht zur Gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik vorgestellt. Im Saal angekommen schleicht er durch die Sitzreihen, flachst mit dem FDP-Abgeordneten Alexander Graf Lambsdorff, schäkert mit Federica Mogherini. Dann zehn Minuten Vorbereitung. Die EU-Außenbeauftragte wird Broks Botschaft an den Kontinent am Ende überschwänglich loben. „Seitdem verfolgt er mich mit Rache." Durch den Brexit, die Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten und die „Verwundbarkeit der EU" sieht Brok eine dringende Notwendigkeit zur Veränderung – vor allem angesichts der „Denkweise der Mitgliedsstaaten". Er hält es für „überholt, außen- und sicherheitspolitische Überlegungen aus einer engstirnigen, nationalen Perspektive anzustellen". Deshalb soll die „Weltmacht EU" ihre „einzigartige Soft Power" mit „Hard Power" verzahnen, heißt es im Bericht. In den Stunden, in denen „in Aleppo das Licht ausgeht", dringt Brok auf zivile und militärische Einigkeit der EU. Wenn man Brok googelt, taucht in der Angebotsliste als erstes der Name „Sonneborn" auf. Der Europaabgeordnete Martin Sonneborn, Satiriker und Chef der „Partei", hat den 70-jährigen CDU-Politiker einige Male aufs Korn genommen. Inzwischen sei er „sauer, weil ich ihn vor laufender Kamera angepfiffen habe", erzählt Brok feixend. „Seitdem verfolgt er mich mit Rache. Da sieht man mal, wie kleinkariert der ist." Brok neigt mitunter zu Wutanfällen, nachtragend ist er jedoch selten. Das sagen diejenigen, die länger mit ihm gearbeitet haben. Man lerne bei ihm, was es heißt, Verhandlungsergebnisse zu verkaufen. Kurz vor der Vorstellung seines Berichts trifft er den SPD-Außenpolitiker Knut Fleckenstein am Aufzug. Fleckenstein schätzt sein „klares außenpolitisches Einschätzungsvermögen". Er verstehe es, verschiedene Meinungen zu einem Kompromiss zu schmieden. Weil er aber um sein Talent wisse, führe er den Ausschuss manchmal nach Gutsherrenart. „Wer hätte vor fünf Jahren geglaubt, dass es mal so weit kommen wird?" Zu Beginn des kommenden Jahres soll der frühere niedersächsische Ministerpräsident und Europaabgeordnete David McAllister (CDU) seinen Parteifreund als Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses ablösen. „Das ist zwischen uns vereinbart", sagt Brok. In Anbetracht seiner bevorstehenden Aufgaben – von der Vorbereitung des Wahlkampfprogramms über den Einsatz für die Meinungsfreiheit in autoritären Staaten bis zum transatlantischer Dialog – dürfte dem CDU-Vorstandsmitglied kaum langweilig werden. Was ihn wirklich antreibt, zeigt sich mit Blick auf die rechten Anti-EU-Blöcke im Parlament. „Es geht um die Verteidigung Europas und des demokratischen Systems", sagt Brok. „Wer hätte vor fünf Jahren geglaubt, dass es mal so weit kommen wird?"

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