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Die Heimat neu entdecken: Buchautor und Wanderexperte Ingmar Bojes empfindet Wanderungen als „Auszeit vom restlichen Leben".  - © PR
Die Heimat neu entdecken: Buchautor und Wanderexperte Ingmar Bojes empfindet Wanderungen als „Auszeit vom restlichen Leben".  | © PR

Ich bin dann mal weg – in der Heimat

Das Wandern hat in den vergangenen Jahren einen enormen Popularitätsschub erfahren. „Wandervogel“ Ingmar Bojes, Osnabrücker Buchautor und Blogger, über den besonderen Reiz des Wanderns und wie man auch Kinder motivieren kann.

Lothar Hausfeld
01.07.2020 | Stand 30.06.2020, 17:43 Uhr

Herr Bojes, eine Kindheitserinnerung für viele ist der Wanderurlaub mit den Eltern. Wandern galt in den 70er-Jahren vielleicht als altbacken, ist heute aber hip und auch für junge Menschen angesagt. Wann und wie hat sich dieser Imagewandel vollzogen?
INGMAR BOJES: Eine wichtige Initialzündung hat Hape Kerkeling mit seinem Buch „Ich bin dann mal weg" aus 2006 gegeben – auch wenn pilgern nicht gleich wandern ist. Bei mir hat das jedenfalls die Lust am Wandern neu entfacht. Inspiriert von den Erzählungen Kerkelings bin ich den Rheinsteig gewandert und habe dort die Liebe zum Wandern neu entdeckt – und sie lässt mich seither nicht wieder los. Aber ein Buch erklärt nicht alles. Die Art der Wanderwege hat sich in den vergangenen zehn Jahren deutlich verändert. Die Streckenführungen sind abwechslungsreicher geworden, Wege haben ansprechende Namen und viel bessere Ausschilderungen bekommen. Das hat viel dazu beigetragen, das Wandern zu entstauben.

Gerade in der Zeit der Corona-bedingten Schließungen von Geschäften und Attraktionen war der Ansturm auf die ausgewiesenen Wanderwege der Region so erstaunlich, dass es teilweise zu Menschenansammlungen auf besonders attraktiven Wegen kam, oder dass Parkplätze abgesperrt werden mussten. Die Menschen haben das Wandern in Zeiten der Pandemie offenbar noch mehr zu schätzen gelernt, oder?
BOJES: Absolut! In den letzten Wochen habe ich so viele Mails und Anfragen nach Tourentipps per Mail und über meinen Blog www. 
wanderlogbuch.de erhalten wie nie. Ich glaube, es haben sich noch nie mehr Menschen dem Thema genähert als jetzt. Und den allermeisten, da bin ich mir sicher, wird gefallen, was sie erleben. Uns steht direkt vor der Haustür eine Natur- und Landschaftsvielfalt zur Verfügung, für die andere weit reisen. Die eigene Heimat mit anderen Augen zu entdecken, das ist eine echte Chance der Krise. Und das kann sogar langfristig Auswirkungen auf unsere Zufriedenheit haben. Denn wer seine Heimat kennt und schätzt, der wird sich auch nachhaltig viel wohler in ihr fühlen.

Haben Sie vielleicht einen Tipp für alle, deren geplanter Urlaub aufgrund der Corona-Pandemie ausfallen muss und die stattdessen jetzt zu Hause bleiben? Sollte man sich jetzt einer Challenge stellen, nach dem Motto „Ich gehe im Urlaub mindestens zehn Wanderrouten in der Region"?
BOJES: Wer zu Hause Urlaub macht, läuft immer Gefahr, sich mit Dingen zu beschäftigen, die nicht wirklich erholsam sind. Man wird schnell vom Alltag eingefangen. Sich konkrete Ziele zu setzen, ist ein sehr guter Ansatz. Überhaupt ist es ratsam, sich vorher ein wenig mit den Wegen, von denen es ja eine überwältigende Zahl gibt, auseinanderzusetzen. Wenn wir in den Urlaub fahren, machen wir uns vorher jede Menge Gedanken, welches Ziel das richtige ist und was es vor Ort Sehenswertes gibt. Warum sollten wir zu Hause erwarten, dass uns das alles von selbst in den Schoß fällt? Wer sich vorher informiert, hat viel mehr von einer Wanderung. Wenn ich weiß, welche Sage sich um die Hexenküche in Tecklenburg rankt oder welche ungelösten Geheimnisse die Externsteine bergen, erlebe ich diese Orte ganz anders und viel intensiver.

Was ist für Sie das besonders Schöne am Wandern?
BOJES: Wer in einen Wanderweg einsteigt, der steigt aus so ziemlich allem anderen aus. Ganz gleich, ob es sich dabei um einen kurzen Wandertrip von ein paar Stunden handelt oder um einen Fernwanderweg von 100 Kilometern. Wer wandert, nimmt sich ganz bewusst für eine gewisse Zeit Auszeit vom restlichen Leben. Er plant ein, die nächsten Stunden, Tage oder vielleicht sogar Wochen nicht ununterbrochen verfügbar zu sein. Er plant ein, möglicherweise im tiefsten Hunsrück, auf einem 3.000er in Südtirol oder auf dem Hermannsweg einfach mal keinen Handy-Empfang zu haben. Das ist eine Auszeit auf Zeit. Das genieße ich ganz besonders und es erdet mich immer wieder neu.

Wie sollte man reagieren, wenn der Nachwuchs bei der Ankündigung „wir machen jetzt eine Wanderung" nicht ganz so euphorisch reagiert?
BOJES: Das ist wahrscheinlich eine „Marketingfrage". Wer stattdessen sagt: „Wir gehen heute eine alte Burg entdecken und klettern auf einen großen Turm", hat sicher schon bessere Karten. Zwischenziele und Abwechslung sind bei Wanderungen mit Kindern wichtig. Hilfreich ist natürlich, wenn noch andere Kinder mitkommen. Dann motivieren sie sich gegenseitig und haben am Ende nicht mal gemerkt, dass sie wandern waren.

Man sieht auf Touren sowohl Menschen, die – überspitzt – in Badelatschen über steinige Steigungen kraxeln als auch Menschen, die auf einer Drei-Kilometer-Runde mit Rucksäcken und Verpflegung wie für ein zweiwöchiges Überlebenstraining im Himalaya ausgestattet sind. Gibt es von Ihnen eine Empfehlung, was Kleidung und Ausrüstung betrifft?
BOJES: Festes und etwas robusteres Schuhwerk, vielleicht eine Fleece-Jacke für die Zwiebeltechnik und eine einigermaßen regendichte Jacke sind sicher kein schlechter Rat. Ein einfacher Rucksack sollte auch nicht fehlen, denn zu einer echten Wanderung gehören Pausen. Nichts schmeckt besser als ein belegtes Brot, das ich gerade selbst auf einen Gipfel im Teutoburger Wald hochgetragen habe!

Was empfehlen Sie Anfängern, bevor sie ihre erste Tour gehen?
BOJES: Nicht zu ambitioniert starten, aber durchaus mit etwas Mut. Ein durchschnittlicher Sonntagsspaziergang dauert circa eine Stunde. Da macht man gut und gerne vier bis fünf Kilometer. Das haben wir also drauf. Wer sich ein bisschen austesten will, startet mit acht oder zehn Kilometern. Wichtig ist, die Höhenmeter konditionell und zeitlich einzuplanen. Als Faustregel gilt: 100 Höhenmeter entsprechen etwa einem Kilometer zusätzlicher Wegstrecke. Pro Stunde geht man – wenn man entspannt wandert und hin und wieder staunend stehen bleibt – rund vier Kilometer. Für eine Strecke von acht Kilometern mit 200 Höhenmetern sollte man also beispielsweise circa 2,5 Stunden einplanen. Und dabei bedenken, dass Pausenzeiten obendrauf kommen.

Wandern Sie lieber auf bekannten Wegen oder macht es Ihnen mehr Spaß, etwas Neues zu entdecken?
BOJES: Neues zu entdecken ist für mich ein großer Antrieb beim Wandern. Deshalb ziehe ich neue Strecken vor. Aber auch bekannte Touren wandeln sich mit der Zeit und im Lauf der Jahreszeiten.

Gibt es noch einen Weg, den Sie unbedingt erwandern wollen?
BOJES: Ziemlich viele sogar! Besonders einige Fernwanderwege habe ich noch auf meinem Wunschzettel, zum Beispiel den Mullerthal Trail in Luxemburg und den Goldsteig im Bayerischen Wald. Falls ich irgendwann die Gelegenheit habe, möchte ich den Appalachian Trail in den USA gehen. Aber dafür müsste ich recht viel Zeit zur Verfügung haben – der ist 3.500 Kilometer lang.

Wie ist Ihr Spitzname „Wandervogel" entstanden, haben Sie den sich selbst gegeben oder ist er Ihnen von anderen verpasst worden?
BOJES: Ich sollte wohl antworten, dass ich damit Bezug auf die Ende des 19. Jahrhunderts gegründete Jugendbewegung der Wandervögel nehme, die angeregt durch romantische Ideale, das Wandern als Freizeitbeschäftigung für sich entdeckte. Tatsächlich aber war es ein Zufallsprodukt, weil ich einen Namen für einen Instagram-Account brauchte. Und Wandervogel1977 schien mir sympathisch und ein bisschen lustig. Das hat sich dann schnell verselbstständigt und inzwischen werde ich regelmäßig auf meinen Touren als „Wandervogel" angesprochen.

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