Im Gespräch: Die Verteidiger Carsten Ernst (v. l.) und Detlev Binder sowie Peter Wüller, der Angelika W. vertritt. - © Wilfried Hiegemann
Im Gespräch: Die Verteidiger Carsten Ernst (v. l.) und Detlev Binder sowie Peter Wüller, der Angelika W. vertritt. | © Wilfried Hiegemann

Höxter Verteidiger fordert Freispruch für Angelika W. - oder 12 Jahre Haft

Peter Wüller hält die Todesursache im Fall von Annika W., die im Saatweg 6 ihr Leben verlor, für ungeklärt. Zudem sei zweifelhaft, ob Susanne F. im April 2016 hätte gerettet werden können

Jutta Steinmetz

Paderborn/Höxter. Ungerührt hat Angelika W. fast zwei Jahre lang auf der Anklagebank des Schwurgerichts Paderborn gesessen, ohne jede Empathie über all die Dinge berichtet, die in Bosseborn geschahen, die zwei Frauen letztlich den Tod brachten. Für ihre Verteidiger Peter Wüller und Alexander Strato keine einfache Aufgabe, dem Gericht Worte mit auf den Weg zu geben, die das von Oberstaatsanwalt Ralf Meyer geforderte Lebenslänglich kritisch hinterfragen, vielleicht sogar für falsch halten lassen. Worte zu finden, die auch die Ausführungen von Carsten Ernst und Detlev Binder widerlegen, die den Mitangeklagten Wilfried W. als minderbemittelten Grundschüler dargestellt hatten, der seiner dominanten Ex-Frau ausgeliefert war und nur aus dieser Abhängigkeit heraus schuldig wurde. Und so treten Strato und Wüller am 58. Prozesstag die Flucht nach vorn an und lassen ihre Ausführungen in der Forderung „Freispruch" münden. Aber nicht etwa, weil sie Angelika W. für unschuldig halten. Die 49-Jährige, von ihrem Ex-Mann selbst brutal misshandelt, sei vom Opfer zur Täterin mutiert, sagt Wüller, lässt all die „perversen, kranken, abartigen Taten" aus dem Saatweg Revue passieren, um zu resümieren: „Da schauert es einem, wenn man es hört." Wilfried W. kein "kleiner Grundschüler" Aber seine Mandantin sei nicht allein verantwortlich für die Geschehnisse. Angelika und Wilfried W. hätten gemeinsam agiert. „Ich habe keinen Zweifel, dass beide Angeklagte gemeinschaftlich über Jahre hinweg Frauen auf übelste Art misshandelt haben. Auch Wüllers Mitstreiter Strato mag Wilfried W. nicht als „kleinen Grundschüler" aus der Verantwortung entlassen. „Mit seinen geistigen Mitteln hatte er seinen Platz neben Angelika W.", sagt er und spricht in Anlehnung an das Gutachten Nahlah Saimehs von einer „pathologischen Beziehungsdynamik". Strato und Wüller erinnern an Wilfried W.s Verurteilung von 1995. Zusammen mit seiner damaligen Freundin hatte er eine Frau brutal gequält. Wie ein Bauplan erscheine das für die Taten fast 20 Jahre später. Zweifel an Schuld Angelikas am Tod der Frauen Trotz alledem ist Wüller der Auffassung, dass seine Mandantin freizusprechen ist. Letztlich sei völlig ungeklärt, wie Annika W. 2014 ihr Leben verlor, ob tatsächlich der Sturz, den Angelika W. geschildert hatte, für ihren Tod verantwortlich war. „Es konnte keine konkrete Ursache festgestellt werden", sagt Wüller. Im Fall der Susanne F. bestünden Zweifel, ob diese überhaupt hätte gerettet werden können, macht sich der Verteidiger die Expertise des Göttinger Rechtsmediziners Wolfgang Grellner zu eigen. Dieser hatte die Wahrscheinlichkeit, an einer Hirnverletzung zu sterben als sehr hoch eingeschätzt. Dieser Ansicht, findet Wüller, müsse man folgen, auch wenn zwei weitere Experten später bekundeten, dass Susanne F. gute Überlebenschancen gehabt hätte. Grellner sei dichter dran gewesen, außerdem gelte es, im Zweifel für die Angeklagte zu entscheiden. Seine Mandantin übrigens sei sich ihrer persönlichen Schuld bewusst, sagt Wüller zum Schluss. Sie wolle im Falle einer Verurteilung eine zwölfjährige Freiheitsstrafe „ohne Wenn und Aber" akzeptieren. Dieses Strafmaß beantragte er für den Fall, dass die Richter zu einem Schuldspruch kommen würden. Man müsse das Geständnis seiner Mandantin berücksichtigen. Ohne dieses wäre es nicht zu dieser Anklage gekommen. Am Freitag wird Angelika W. ihr letztes Wort sprechen.

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