In Immerath muss eine 130 Jahre alte Kirche dem Braunkohle-Tagebau weichen. Am Montag gaben die Abrissarbeiten begonnen. - © dpa
In Immerath muss eine 130 Jahre alte Kirche dem Braunkohle-Tagebau weichen. Am Montag gaben die Abrissarbeiten begonnen. | © dpa

Erkelenz Abriss für den Bergbau: Immerath ist nicht das letzte Dorf, das stirbt

Der Abriss des Ortes löst Bestürzung aus. Doch das Dorf mit der historischen Kirche ist nicht das letzte Opfer des Braunkohle-Bergbaus: In den kommenden Jahren verschwinden fünf weitere Orte.

Matthias Schwarzer

Erkelenz. Der Abriss der historischen St.-Lamberti-Kirche in Immerath sorgt für Bestürzung: Der gesamte Ort muss dem Braunkohle-Tagebau weichen - am Montag haben Bagger begonnen, das fast 130 Jahre alte Gotteshaus einzureißen. Die Arbeiten waren am Dienstag bereits abgeschlossen. Die Abrissarbeiten wurden von unzähligen Demonstranten begleitet. Zeitweise besetzten sie das historische Gebäude. Als die ersten Bilder von den Abbrucharbeiten durchs Netz gingen, machten auch viele Nutzer auf Twitter ihrem Ärger Luft: Ein Dorf muss für Braunkohle sterben? Im Jahr 2018? Bei vielen sorgt das für großes Unverständnis. Wenn man eine 130 Jahre alte, gothische Kirche für #braunkohle abreißt, ist das irgendwie richtig Scheiße. #DomfuerImmer#Immerath — Wrukolakas™ (@WrukolakasBlog) 8. Januar 2018 Doch die Sache ist skurriler als so mancher vermutet. Denn Immerath wird nicht das letzte Dorf sein, das dem Braunkohle-Tagebau weichen muss. Noch bis 2045 kann RWE im Rheinischen Braunkohlerevier baggern. Das hat den Verlust fünf weiterer Dörfer zur Folge. Bewohner kämpfen vergeblich Eins dieser Dörfer ist der Erkelenzer Ortsteil Kuckum. Die Umsiedlung des Ortes hat im vergangenen Jahr begonnen.  2023 soll zunächst der Ort Keyenberg, wenige Jahre später Westrich und Kuckum abgebaggert werden. 2028 muss Berverath für den Tagebau weichen. nw.de hat sich im vergangenen Jahr in einer großen Multimedia-Reportage dem Thema gewidmet und mit Bewohnern gesprochen, die von der Umsiedlung betroffen sind. Für die bedeutet der Abriss ihres Ortes weitaus mehr als den Verust ihrer Heimat: Sie müssen sich jahrelang mit RWE über Entschädigungssummen streiten - oftmals reicht das Geld nicht aus, um an einem anderen Ort neu zu bauen. Außerdem werden die sterbenden Dörfer von Plünderern heimgesucht. "Schon jetzt fahren immer wieder unbekannte Autos durch den Ort, um Leerstände auszuspionieren", erzählt Gabi Clever. Die 54-jährige Kuckumerin engagiert sich seit Jahrzehnten gegen den Kohletagebau - vergebens. RWE hält an seinen Plänen fest. Dörfer verfallen - Frust bei Einwohnern In Kuckum, Westrich und Keyenberg sei die Stimmung heute gemischt, sagt Clever. "Viele Hausbesitzer können es inzwischen kaum erwarten, endlich wegzuziehen. Nun haben sie Gewissheit”, sagt Clever. Andere wiederum seien tot-traurig über den Niedergang der Dörfer. "Die meisten haben hier ihr ganzes Leben verbracht”. Dass der Bagger die Orte möglicherweise doch noch verschonen könnte, hält Gabi Clever für reines "Wunschdenken”. Entsprechende Gerüchte machten 2013 die Runde, nachdem die "Süddeutsche Zeitung” von einem möglichen Aus des Tagebaus Garzweiler berichtet hatte. Seinerzeit soll RWE die Schließung aus Kostengründen in Erwägung gezogen haben. Doch selbst wenn es doch noch zu einem plötzlichen Aus kommt: Kuckum wird sicher abgerissen. Das Unternehmen sei verpflichtet, die Umsiedlung vollständig durchzuziehen, erklärt Clever. "Wenn der Bagger nicht kommt, machen sie aus dem Gelände ein Gewerbergebiet”, vermutet sie. Abriss ist beschlossene Sache Guido Steffen, Pressesprecher von RWE Power, hält von den Gerüchten der Bewohner ebenfalls nichts: Allenfalls ab 2030 komme eine Verkleinerung des Tagebaus in Frage, sagt er. Das Abbaggern von Kuckum, Keyenberg und Co. sei beschlossene Sache - ab 2018 werde man das Gebiet hinter der Autobahn abtragen. Nur ein Dorf hatte Glück: Holzweiler. Am 28. März 2014 beschloss die rot-grüne Landesregierung die Verkleinerung des Tagebaus Garzweiler. Der Ort darf bleiben. "Sehr zum Unmut vieler Bewohner”, weiß Gabi Clever. Schon jetzt würden viele Gebäude in dem Ort verfallen. "Viele Grundstücksbesitzer haben nicht mehr in Renovierungen investiert. Schließlich war man in dem festen Glauben, das Haus wird in zehn Jahren sowieso abgerissen.”

realisiert durch evolver group