Abschlussprüfung: Jedes Jahr bereiten sich 350 Schüler in NRW nicht im Unterricht auf die Abiturprüfungen vor, sondern selbstständig. - © dpa
Abschlussprüfung: Jedes Jahr bereiten sich 350 Schüler in NRW nicht im Unterricht auf die Abiturprüfungen vor, sondern selbstständig. | © dpa

Bielefeld/Düsseldorf Das "externe Abitur": Eine Prüfungsform, die kaum jemand kennt

350 Schüler bereiten sich in NRW jedes Jahr selbst auf die Abschlussprüfungen vor, doch die Erfolgsquote ist niedrig und die Abbrecherquote hoch. Das sorgt vor allem in der Lehrerschaft für Kritik.

Carolin Nieder-Entgelmeier
09.05.2017 | Stand 09.05.2017, 17:43 Uhr

Bielefeld/Düsseldorf. 94.000 Schüler in NRW beweisen sich derzeit in der wichtigsten Phase ihrer Schullaufbahn – den Abiturprüfungen. Bis Mittwoch stehen in 1.127 Schulen die schriftlichen Prüfungen auf dem Programm, danach folgen bis Juni die mündlichen Prüfungen. Mit dabei sind landesweit jedes Jahr auch rund 350 Schüler, die die Möglichkeit des externen Abiturs nutzen. Die Prüflinge sammeln nicht wie reguläre Schüler zwei Jahre vor den Abiturprüfungen Punkte, die mit in die Abschlussnote einfließen, sondern bereiten sich selbst auf die Prüfungen vor. Eine Form des Abiturs, die kaum jemand kennt. In OWL liegt die Erfolgsquote jedoch nur bei 50 Prozent. Das sorgt vor allem in der Lehrerschaft für viel Kritik. Immer mehr Schüler beenden ihre Schullaufbahn in NRW mit einem immer besser benoteten Abitur. Mehr als 50 Prozent eines Jahrgangs erhalten mittlerweile die allgemeine Hochschulreife. Den vermeintlichen Königsweg Abitur bewerten Kritiker deshalb seit langem als Aufweichung des höchsten schulischen Abschlusses. Von der Möglichkeit der externen Abiturprüfung wird diese Kritik zusätzlich befeuert, denn die Abschlüsse von externen und regulären Abiturienten sind gleichwertig, obwohl den externen Prüflingen zwei Jahre Oberstufe fehlen. Zudem basiert das Zentralabitur in NRW in diesem Jahr erstmals auf kompetenzorientierten Kernlehrplänen. Kritiker fragen deshalb, wie sich Prüflinge eigenständig darauf vorbereiten können. „Im Abitur müssen Schüler nicht nur beweisen, dass sie Fachkenntnisse in einem bestimmten Fach haben, sondern auch, dass sie Kompetenzen entwickelt haben und diese auch anwenden können", erklärt eine Lehrerin, die auch externe Abiturienten prüft, im Gespräch mit dieser Zeitung. Möglichkeit besteht in NRW seit den 1960er-Jahren Bereits seit den 1960er-Jahren bietet NRW Bürgern, die im Kalenderhalbjahr der Prüfung mindestens 18 Jahre alt sind und mindestens ein Jahr lang vorher nicht am Unterricht eines Gymnasium teilgenommen haben, die Möglichkeit des externen Abiturs. Die Gründe dafür, warum sich jedes Jahr rund 350 Menschen dazu entscheiden, sich alleine auf die Abiturprüfungen vorzubereiten, sind vielfältig. Berufstätige und Schulabbrecher, die das Abitur nachholen wollen, nutzen die Möglichkeit ebenso wie psychisch erkrankte oder straffällig gewordene Menschen, die wegen eine Haftstrafe Zeit verloren haben. In OWL gibt es nur einen Prüfungsort für die externen Abiturprüfungen: Das Helmholtz-Gymnasium in Bielefeld. Oliver Paarmann koordiniert derzeit die Abiturprüfungen von 133 Schülern und acht externen Prüflingen, die von der Bezirksregierung Detmold zugelassen wurden. „Die Prüflinge müssen einen Studienbericht einreichen, der dokumentiert, wie sie sich auf die zentral vorgegebenen Themen und Kompetenzen vorbereitet haben", erklärt der Oberstufenkoordinator. „Basierend auf Rückmeldungen der Prüfer am Helmholtz-Gymnasium und der Fachberater entscheidet dann die Bezirksregierung über die Zulassung der Prüflinge." Rund ein Jahr vor den Abiturprüfungen beginnt der Vorlauf für die externen Prüflinge. „Dabei legen wir viel Wert auf Beratung und treffen dabei auf sehr unterschiedliche Menschen. Manche haben viele Fragen, andere wiederum kaum welche", sagt Paarmann. „Auch wenn wir die Prüflinge nicht so gut einschätzen können wie unsere Schüler, behandeln wir sie wie diese und versuchen, ihnen die Angst zu nehmen." Acht statt vier Prüfungen innerhalb weniger Wochen Im Unterschied zu den regulären Schülern legen die externen Prüflinge nach Angaben des NRW-Schulministeriums acht statt vier Abiturprüfungen ab. Vier Schriftliche und vier Mündliche in acht Fächern. Bei Nichtbestehen kann die Prüfung einmal wiederholt werden. „Da den externen Prüflingen die Punkte aus zwei Jahren Oberstufe fehlen, wird ein angepasstes Berechnungsmodell genutzt", erklärt Paarmann. Der Oberstufenkoordinator sieht das Angebot der externen Abiturprüfung vor allem als Chance für Menschen, die aus verschiedenen Gründen nicht am regulären Unterricht teilnehmen können. „Ich habe großen Respekt vor der Leistung, weil die Prüflinge trotz schwieriger Voraussetzungen an den Standards des Zentralabiturs gemessen werden." Paarmann sieht aber auch ein Dilemma: „Viele Prüflinge unterschätzen die selbstständige Vorbereitung auf die Abiturprüfungen. Das ist eine Mammutaufgabe, die ohne Unterricht und Feedback nur schwer zu bewältigen ist." Deshalb sei neben der geringen Erfolgsquote, die Abbrecherquote sehr hoch. An der hohen Zahl derer, die kurz vor oder während der Abiturprüfungen abbrechen, stören sich die Kritiker des externen Abiturs ebenso, wie an der Zulassung auf Grundlage eines Studienberichts. „Für die mündlichen Abiturprüfungen müssen Lehrkräfte immer mehrere Prüfungsvarianten vorbereiten. Deshalb ist ärgerlich, dass so viele Prüflinge zugelassen werden, aber nicht zu den Prüfungen erscheinen", erklärt eine Lehrerin im Gespräch mit dieser Zeitung. „Außerdem werden auch Prüflinge zugelassen, die nicht einmal in ihrem Studienbericht all die Themen aufführen, die für die Prüfungen vorgeschrieben sind."

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