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Clemens Tönnies darf Aufsichtsratschef bleiben, lässt das Amt aber drei Monate ruhen. - © picture alliance / Pressefoto Rudel
Clemens Tönnies darf Aufsichtsratschef bleiben, lässt das Amt aber drei Monate ruhen. | © picture alliance / Pressefoto Rudel

Meinung Tönnies-Aussagen "kein Rassismus": Schalkes Ehrenrat hat versagt

Thomas Seim
07.08.2019 | Stand 08.08.2019, 17:26 Uhr

Die Zeile des Morgens lautet: Clemens Tönnies lässt sein Aufsichtsratsmandat bei Schalke 04 ruhen. Sie lautet nicht: Der Ehrenrat setzt das Aufsichtsratsmandat von Clemens Tönnies drei Monate aus. Das macht den Unterschied zwischen einem machttaktischen Umgang mit einer vollkommen missratenen, tendenziell auch rassistisch zu verstehenden Äußerung und einem ehrlich reumütigen Bedauern über einen schlimmen Fehler.

Clemens Tönnies selbst, vor allem aber der so genannte Ehrenrat des FC Schalke 04, haben damit ihren Charaktertest nicht bestanden. Es mag sein, dass eine stundenlange Debatte über den Auftritt des Konzernchefs in Paderborn in der Schlussbewertung eine gewisse Milde hätte rechtfertigen können. Dafür allerdings hätte diese Debatte offen geführt und in einen Beschluss des Gremiums münden müssen.

Ein Zeichen von Schwäche und Versagen

Ein Diskriminierungsverbot untersagt, Menschen wegen bestimmter Merkmale ungleich zu behandeln, wenn das zu einer Benachteiligung oder Herabwürdigung einzelner ohne sachliche Rechtfertigung führt. Was anderes hat Clemens Tönnies mit seiner Äußerung in Paderborn getan?

Mag sein, dass der Vorwurf des Rassismus noch schärfer auf eine Gesinnung oder Ideologie zielt. Aber in der Sache geht es auch dort um eine Beurteilung und Benachteiligung von Menschen aufgrund weniger äußerlicher Merkmale. Auf die Unterscheidung zwischen Diskriminierung und Rassismus einen Verzicht auf eine aktive Bestrafung des Aufsichtsratschefs zu stützen, ist darum ein Zeichen von Schwäche und Versagen.

Freispruch von eigenen Gnaden

Dass Clemens Tönnies seinen Verzicht selbst erklären darf, versehen mit der Betonung, dass er das Amt nach drei Monaten wieder aufnehme, lässt darauf schließen, dass es gewichtige, womöglich materielle Gründe dafür gab.

Materielle Gründe – sie sind sicher wichtig für einen ehrgeizigen Traditionsverein wie Schalke 04, der wie kaum ein zweiter für die Werte des "Schmelztiegels" Ruhrgebiet steht. Dessen Anspruch als Vorbild für Integration entsprechen sie aber nicht.

Es gibt, sagt der Soziologe Theodor W. Adorno, dessen 50. Todestag wir gerade begingen, kein richtiges Leben im falschen. So ist es! Der Freispruch von eigenen Gnaden, den Tönnies nun  verkünden durfte, macht einen so genannten Ehrenrat überflüssig. Er soll Schaden vom Verein und seinen Fans abwenden. Dienstagnacht hat er ihm Schaden zugefügt.

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