Chirurgischer Eingriff: Immer häufiger kommt es in deutschen Krankenhäusern zu Geburten per Kaiserschnitt. - © picture alliance
Chirurgischer Eingriff: Immer häufiger kommt es in deutschen Krankenhäusern zu Geburten per Kaiserschnitt. | © picture alliance

Gefährlicher Trend Zu viele Kaiserschnitte in Deutschland - dabei sind sie oft nicht nötig

Rund 780.000 Kinder werden jährlich in Deutschland geboren. Immer häufiger kommen sie mit Hilfe des Kaiserschnitts zur Welt. Der mit Risiken verbundene Eingriff ist oft gar nicht nötig, weiß die Geburtshilfe-Expertin Ulrike Hauffe.

Wolfgang Mulke
28.05.2019 | Stand 28.05.2019, 17:22 Uhr

Berlin. Rund 780.000 Kinder werden jährlich in Deutschland geboren. Immer häufiger kommen sie mit Hilfe des Kaiserschnitts zur Welt. Der mit Risiken verbundene Eingriff ist oft gar nicht nötig, weiß die Geburtshilfe-Expertin Ulrike Hauffe. Die stellvertretende Verwaltungsratschefin der BarmerGEK kritisiert Fehlentwicklungen rund um die Geburt. Die Geburtsmedizin hat in den letzten Jahren enorme Fortschritte gemacht. Sie sehen dennoch Fehlentwicklungen zu Lasten der Frauen. Was läuft aus Ihrer Sicht schief? Ulrike Hauffe: Schwangerschaft ist keine Krankheit. Es findet aber eine systematische Risikozuschreibung statt, die Folgen hat. So entsteht das Bedürfnis nach einer Rückversicherung durch den Arzt oder die Ärztin. Die eigene Wahrnehmung wird unwichtig im Vergleich zur gemessenen Gesundheit. Die Frauen lernen, die Schwangerschaft nicht geschehen, sondern kontrollieren zu lassen. Das verändert nachhaltig die Haltung zu Schwangerschaft und Geburt. Dazu kommen die von den Ärzten zusätzlich gegen Bezahlung angebotenen Leistungen. Die Medizin wird zum Warenhaus – auch das mit Folgen. In Deutschland wurde die Begleitung der Schwangeren prioritär in die Hand der Ärzte gelegt - sicher gut gemeint. Andere Länder machen es anders und begleiten die Frauen durch Hebammen. Erst wenn diese Risiken erkennen, kommen Ärzte ins Spiel. Die Ergebnisse sind mindestens so gut wie die in Deutschland. Die Frauen drohen bei uns die Fähigkeit zu verlieren, sich auf ihr eigenes Empfinden zu verlassen. Ist es auch problematisch, dass immer mehr Geburten mit Eingriffen verbunden sind? Hauffe: Durchaus. Die Kaiserschnitt-Rate ist in Deutschland doppelt so hoch wie von der Weltgesundheitsorganisation empfohlen. Bei Geburten im Krankenhaus kamen 2017 30,5 Prozent der Kinder mit Hilfe eines Kaiserschnitts zur Welt. Dabei gibt es eine große Spannweite. In manchen Häusern sind es nur elf Prozent, in anderen bis 70 Prozent. Viel hängt von der Leitung der einzelnen Klinik ab. Es sind längst nicht mehr Risikoschwangerschaften, die zu dieser Entscheidung führen. Jedoch, der Kaiserschnitt birgt selbst Risiken. Für die Mutter entsteht ein höheres Thrombose-Risiko, für die Kinder das erhöhte Risiko, an Diabetes und Asthma zu erkranken. Außerdem entfällt die unmittelbare Bindung von Mutter und Kind, wenn das Neugeborene nicht gleich zur Mutter kommt. Werden Schwangere von den Ärzten eher aus deren Effizienzinteresse denn aus dem an der Gesundheit der Frauen beraten? Hauffe: Finanzielle Interessen spielen bei der Entscheidung für oder gegen einen Kaiserschnitt eher eine untergeordnete Rolle. Die Geburtshilfe selbst scheint unterfinanziert. Immer häufiger schließen Krankenhäuser diese Abteilungen. Für den operativen Eingriff spricht manchmal die Organisation einer Klinik. Der Eingriff ist personell und zeitlich planbar. Aber bedeutsam ist auch, dass es falsche Einstellungen und nur noch wenig Kenntnis zur Entwicklung einer Beckenendlage oder eines Zustands nach Kaiserschnitt gibt. Auch die rechtliche Absicherung ist wichtig. Es wird niemand verklagt, wenn ein Kaiserschnitt überflüssig durchgeführt wird. Geht jedoch bei einer natürlichen Geburt etwas schief, kann eine Klage die Folge sein – zumindest gibt es die Angst davor. Die Entscheidung für einen Kaiserschnitt fällt meistens in einem Graubereich, in dem das tatsächliche Risiko der Geburt für Mutter und Kind nicht verlässlich eingeschätzt werden kann. Wie kann die Situation verbessert werden? Hauffe: Es gibt das wichtige Nationale Gesundheitsziel „Gesundheit rund um die Geburt". Dazu haben alle geburtshilflichen Fachgruppen, die zuständigen Ministerien und sozialen Begleitinstitutionen beigetragen. Dieses Ziel muss ein Umdenken bewirken! Und außerdem wird es bald die Leitlinie zum Kaiserschnitt und etwas später die zur physiologischen, also „normalen" Geburt geben. Ich setze darauf. Was raten Sie Schwangeren? Hauffe: Schwangere sind erst einmal Expertinnen ihres eigenen Lebens und sie sollten sich als werdende Mutter bewusst wahrnehmen. Ratsam halte ich eine gemeinsame Betreuung durch Hebamme und Ärztin. Hilfreich sind auch Geburtsvorbereitungsgruppen, die das Gefühl von Sicherheit verschaffen können. Wir haben nicht mehr die familiären Beziehungen früherer Zeiten, in denen die Frauen im familiären Umfeld Erfahrungen sammeln können. Daher kann die Gruppe ein wichtiger Ersatz sein. Im Zweifel rate ich zu hinterfragen und notfalls auch eine zweite Meinung zu einer Frage einzuholen. Mangelt es nicht mittlerweile an Hebammen? Hauffe: Wir haben jedes Jahr mehr Hebammen, nur nicht dort, wo wir sie brauchen. Berichtet wird, dass Hebammen in den Kliniken durchschnittlich drei Frauen unter der Geburt gleichzeitig betreuen, manchmal sogar fünf. Diese Art der Arbeit befriedigt nicht. So wechseln viele in die ambulanten Dienste. Auch die hohen Kosten für die Haftpflichtversicherung sind trotz einer teilweisen Übernahme durch die Krankenkassen ein Problem. Wir bräuchten für die Geburtshilfe einen staatlichen Haftungsfonds, den es für manche andere Bereiche, etwa Impfungen oder Kernkraft auch gibt. Reichen die Beratungsangebote der Krankenkassen und anderer Institutionen aus, insbesondere auch in Hinblick auf werdende Familien aus bildungsfernen Schichten? Hauffe: Es gibt insgesamt eher zu viele als zu wenige Informationen. Nur wer weiß, welche gut und welche es nicht sind. Gesicherte Qualität vor Quantität. Neben der wichtigen aufsuchenden und beratenden Arbeit der Hebammen gibt es insbesondere für Familien in schwieriger psychosozialer Lage bundesweit die „Frühen Hilfen". Außerdem finanziert die Barmer zusätzlich eine Online- bzw. telefonische Sprechzeit mit Hebammen, sinnvoll insbesondere dort, wo es örtlich oder zeitlich keine Hebammenbetreuung gibt.

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