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Wir wollen immer individueller essen, sagt Rainer Barnekow. Und darauf hat sich auch die Lebensmittelindustrie eingestellt. - © Pixabay
Wir wollen immer individueller essen, sagt Rainer Barnekow. Und darauf hat sich auch die Lebensmittelindustrie eingestellt. | © Pixabay

Ernährung Warum Essen zum Lebensstil geworden ist - und wie die Industrie darauf reagiert

Auf nahezu jede persönliche Vorliebe und jede gesundheitliche Einschränkung gibt es inzwischen eine Antwort der Lebensmittelindustrie.

Leandra Kubiak
29.07.2019 | Stand 29.07.2019, 15:47 Uhr

Bielefeld. Die Auswahl an Lebensmitteln in Supermärkten und in Online-Shops wird immer größer. Der Konsument kann in Online-Shops nicht nur die Komponenten seines Müslis oder seines individuellen Kräutertees auswählen. Auch die Zahl der Produkte, die auf bestimmte Allergene wie Gluten oder Milchprodukte verzichten, wächst. Auf nahezu jede persönliche Vorliebe und jede gesundheitliche Einschränkung gibt es inzwischen eine Antwort der Lebensmittelindustrie. "Unser Essen ist Teil unseres Lebensstils geworden", resümiert Rainer Barnekow, Professor des Bereichs Life Science Technologies an der Technischen Hochschule OWL. "Wir definieren uns über das, was wir essen", sagt er. Der Energydrink des bevorzugten Herstellers habe die Luxusuhr als Statussymbol sozusagen abgelöst. Die Lebensmittelindustrie sei darauf eingestiegen, dass wir die Produkte konsumieren möchten, die unseren individuellen Vorlieben entsprechen, sagt Barnekow. Und die technischen Möglichkeiten dafür seien heute gegeben. Das Spektrum reicht dabei von vegan über bio bis hin zu Produkten, die religiöse Überzeugungen berücksichtigen. So sei beispielsweise der Markt für koscheres Essen global betrachtet riesig. „Beim Thema Essen wird heute mehr moralisiert als bei der Sexualität" Der Ernährungspsychologe Christoph Klotter von der Hochschule Fulda geht in seiner Einschätzung sogar noch einen Schritt weiter. Er ist der Meinung: „Beim Thema Essen wird heute mehr moralisiert als bei der Sexualität. Beim Sex ist mittlerweile fast alles zulässig, was einvernehmlich geschieht. Beim Essen ist dagegen immer weniger erlaubt." Tatsächlich hat sich nach Angaben der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) der Anteil der Verbraucher, die Wert auf einen gesundheitsorientierten und nachhaltigen Lebensstil legen, in den vergangenen fünf Jahren von 18 auf mehr als 31 Prozent erhöht. Gesundheit und soziale Verantwortung würden deshalb für den Einzelhandel immer mehr zu „Pflichtthemen", um vor allem für Verbraucher aus der Mittel- und Oberschicht attraktiv zu bleiben, heißt es in einer aktuellen Studie der Marktforscher. Die Nachfrage nach Produkten, die Gesundheit und Nachhaltigkeit signalisieren, steigt kontinuierlich. Beispiel Bio: Im vergangenen Jahr gaben die Bundesbürger nach Angaben des Bundes Ökologische Lebensmittelwirtschaft fast elf Milliarden Euro für Bio-Lebensmittel aus - 5,5 Prozent mehr als im Jahr zuvor. Steht "glutenfrei" auf der Verpackung, haftet der Hersteller dafür Die Industrie lasse es sich eine ganze Menge kosten, ihre Versprechen einzuhalten, sagt Barnekow. Wer seine Produkte beispielsweise als "glutenfrei" deklariere, der hafte dafür, dass sie tatsächlich kein Gluten enthalten, erklärt der Experte für Lebensmittelverfahrenstechnik. Der Hersteller muss also entsprechende Tests durchführen und Nachweise liefern. Eine weitere neue Entwicklung: Persönliche Daten von Verbrauchern gewinnen für die Lebensmittelindustrie zunehmend an Bedeutung, ist Barnekow überzeugt. Stellen wir uns unsere Produkte in Online-Shops individuell zusammen, könne der Hersteller daraus beispielsweise ableiten, welchen Bedarf es auf dem Markt gebe und seine Produkte entsprechend anpassen. Einige Hersteller riefen ihre Kunden in Kampagnen sogar gezielt dazu auf, ihnen mitzuteilen, welches Produkt sie gerne als nächstes einmal ausprobieren würden. Insgesamt stuft Barnekow die Qualität der Lebensmittel deutscher Hersteller als sehr hoch ein. So werde Babynahrung teilweise auf 600 verschiedene Parameter hin geprüft, bevor sie auf den Markt komme. Oberstes Ziel habe für die Hersteller großer Marken in der Regel das Vertrauen, das der Kunde in sie setzt. Dieses Vertrauen hat seinen Preis. Könne sich der Konsument auf die Sicherheit eines Produktes verlassen, sei er eben in der Regel auch dazu bereit, etwas mehr dafür auszugeben. Mit dem eigentlichen Wert des Produktes habe der Preis meist nichts zu tun. Trend der Lebensmittelindustrie: Immer kleiner, immer schneller Neben dem Wunsch nach individuellem Essen haben sich auch die Bedürfnisse der Menschen geändert. In Deutschland leben immer mehr Menschen alleine oder in sehr kleinen Familien in einem Haushalt. Für viele bietet es sich daher an, Lebensmittel in kleineren Portionen zu kaufen. Das biete den Vorteil, dass das Essen bei jedem Öffnen einer Packung frisch sei und man keinen Zeitdruck habe, große Mengen in kurzer Zeit zu konsumieren, bevor sie schlecht werden, sagt Barnekow. Für die Industrie wiederum bieten kleine Portionen das große Plus, erheblich mehr Gewinn mit der Ware machen zu können. Es stelle sie jedoch auch vor die Herausforderung, ihre Produkte immer schneller abzufüllen, damit sich die kleinen Packungen rentieren. Die kleineren Verpackungen und das hohe Tempo bei der Verpackungsfrequenz seien zwei wesentliche Trends der Lebensmittelindustrie, die Barnekow aktuell beobachtet.

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