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Der Angeklagte wollte in einem Geschäft einen Kaffeevollautomaten klauen, doch das ging schief. - © Pixabay (Symbolbild)
Der Angeklagte wollte in einem Geschäft einen Kaffeevollautomaten klauen, doch das ging schief. | © Pixabay (Symbolbild)

Raubüberfall: Drogenabhängiger setzt Kaffeemaschine als Waffe ein

Damit ihm quälende Stimmen nicht mehr so zusetzen, will ein 35-Jähriger Drogen kaufen. Dafür wird er zum Räuber.

Jutta Steinmetz
20.08.2020 | Stand 19.08.2020, 20:35 Uhr

Paderborn. Ist ein Kaffeevollautomat ein gefährliches Werkzeug und damit einer Waffe gleichzusetzen – wenn er zu einem Schlag erhoben wird? Ist also ein Ladendieb, der mit einem solchen, über vier Kilo schweren Gegenstand nach einer Verkäuferin schlägt, wegen Raubes zu verurteilen? Kein einfacher Sachverhalt also, den die 1. Große Strafkammer des Landgerichts Paderborn zu verhandeln hatte.

Ein Geschehnis, wie es sich am 27. September in einem alt eingesessenen Haushaltswarengeschäft abspielte, ist in seinem Kern eigentlich das tägliche Brot des Amtsgerichts, wo vorwiegend Kleinkriminelle auf der Anklagebank sitzen: Ein 35-Jähriger betritt den Laden, schaut sich um, lässt sich von einer Verkäuferin beraten, behauptet, die Kaffeemaschine kaufen zu wollen – um sich das Ausstellungsstück zu schnappen und zu türmen.

Doch als die Verkäuferin am Ausgang Denis B. (Name geändert) an seiner Jacke zu fassen bekommt, erhebt er das Gerät und aus dem Diebstahl wird eine Raubtat.

Geschäftsführer verfolgt Denis B.

Die Frau wich dem Schlag aus und sah von der weiteren Verfolgung ab – im Gegensatz zum 51-jährigen Geschäftsführer, der das Geschehen beobachtet hatte. „Ich habe gar nicht überlegt. Ich bin gleich hinterher", erzählt er den Richtern. Doch als er Denis B. stellen konnte, habe dieser nicht das Diebesgut herausgerückt, sondern mit seiner freien Hand in die Jackentasche gefasst und gedroht, seinen Verfolger abzustechen.

„Ein Messer habe ich nicht gesehen", sagt der Zeuge. Zurückgewichen sei er trotzdem und Denis B. in sicherer Entfernung hinterhergegangen. Zwischenzeitlich hatte auch der Vater des 51-Jährigen mit seinem Auto die Verfolgung aufgenommen.

In einer Seitenstraße stellte er den 35-Jährigen und veranlasste ihn mit einem wütenden Redeschwall zur Rückgabe des Gerätes. Doch als er Denis B. auch noch überreden wollte, auf die sich nähernden Polizeibeamten zu warten, kassierte er einen Schlag an den Kopf.

Seit vielen Jahren drogen- und alkoholabhängig

All das gesteht der 35-Jährige zunächst, um dann doch alles abzustreiten. Er sei nur ein einfacher Ladendieb, sagt er und habe niemals die schwere Maschine zum Schlag erhoben. Nicht mal auf seinen älteren Bruder mag er hören, der als sein gesetzlicher Betreuer immer wieder rät: „Red mit deinem Anwalt. Du machst hier einen Fehler." Denn Denis B. ist seit vielen Jahren drogen- und alkoholabhängig.

„Ich komme da selber nicht raus", weiß er nur allzu gut. Zumal sich vor einigen Jahren auch eine psychische Erkrankung einstellte, der 35-Jährige hört Stimmen, er fühlt sich verfolgt. Das alles sei am Tattag sehr schlimm gewesen, „das hat mich in den Wahnsinn getrieben", sagt Denis D. und deshalb habe er Geld für Drogen und Alkohol organisieren wollen, beides habe ihm geholfen, „besser mit den Stimmen klar zu kommen".

„Das ist nicht der typische Fall eines Raubes", sagt Verteidiger Benedikt Klein und auch Staatsanwalt Vogt ist mit seinem Antrag einer 34-monatigen Freiheitsstrafe weit von den fünf Jahren Haft entfernt, die das Gesetz für den klassischen Räuber vorsieht. Weil Denis B. zur Tatzeit unter beträchtlichem Einfluss von Drogen, will der Ankläger den Strafrahmen gemildert wissen.

So fällt das Urteil der Richter aus

Als die Richter um die Vorsitzende Tabea Rustemeyer eine gute halbe Stunde später wegen besonders schweren Raubes zu einer Strafe von zwei Jahren und fünf Monaten Gefängnis finden, verweisen sie auf das letzte Wort von Denis B.

Dass er sich für seine Tat entschuldigte, bevor sich die Richter zur Beratung zurückzogen, sei hoch zu bewerten, sagt Rustemeyer. Und so soll der 35-Jährige auch eine Chance bekommen, nach Jahrzehnten der Sucht auf den richtigen Weg zu kommen. Die Richter ordneten deshalb seine Unterbringung in einer Entziehungsanstalt an.

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