Akkurater Schnitt: Wencke Held frisiert einen Paderborner, der aus Geldmangel seit Monaten nicht mehr beim Frisör gewesen ist. - © Marco Schreiber
Akkurater Schnitt: Wencke Held frisiert einen Paderborner, der aus Geldmangel seit Monaten nicht mehr beim Frisör gewesen ist. | © Marco Schreiber

Paderborn In Lederkutte: Barber Angels schneiden Obdachlosen die Haare

Die Frisöre der wohltätigen Barber Angels frisieren am Sonntag erstmals bedürftige Paderborner. Warum sie dabei schwarze Kutten tragen

Marco Schreiber
12.11.2018 | Stand 12.11.2018, 16:57 Uhr

Paderborn. Die Barber Angels kommen immer in schwarz. Mit ihren Lederkutten und den Aufnähern sehen sie aus wie Mitglieder einer Motorradgang. "Die Kutten nehmen die Hemmschwelle", erklärt Uwe Kennemund. Er ist einer von 30 Frisör-Engeln, die am Sonntag in Paderborn etwa 200 Obdachlosen und anderen Bedürftigen die Haare geschnitten haben. Menschen, die am Rande der Gesellschaft leben und oft nicht wahrgenommen werden, sagt Kennemund. Mit einem Haarschnitt will er ihnen ein Stück ihrer Würde zurück geben. Für die Barber Angels sind es Gäste. Menschen mit verlebten Gesichtern, denen man die Strapazen eines Lebens im Schatten des Wohlstands ansieht. Menschen, deren Augen zu leuchten beginnen, wenn die Schere zu klappern anfängt. Frauen und Männer, die seit Monaten nicht beim Frisör gewesen sind, weil es zu teuer für sie ist. Menschen aus dem ganzen Kreis Zehra Bavli vom sozialpsychiatrischen Dienst des Kreises Paderborn nennt sie "Menschen mit besonderen sozialen Schwierigkeiten". Die etwa 100 Obdachlosen, die "im Schlafsack im Eingang der Volksbank schlafen". Und weitere 100, die in einer der vier Einrichtungen in Paderborn untergebracht sind, Menschen mit Drogenproblemen oder kürzlich aus der Haft Entlassene. An sie hat Bavli Gutscheine ausgegeben, "sie kommen aus dem ganzen Kreis". Die Gutscheine dienen der Kontrolle, erklärt Niccoló Gruhn. Der Barber Angel aus Magdeburg erzählt von einer Gruppe, die einmal "ihren Audi Q7 um die Ecke" geparkt und die Wohltätigkeit der Barbiere ausgenutzt hatte. Und nicht nur die. Die Barber Angels werden von verschiedenen Sponsoren unterstützt und verteilen Beutel mit Shampoo und anderen Hygieneartikeln. DRK hat die Kleiderkammer geöffnet In Paderborn hilft ihnen auch das Team des Vereins KIM. Mit ihrer Hilfe hat sich das Kontaktcafé am Busdorfwall in einen großen Frisiersalon verwandelt. An zehn Plätzen werden Haare gekürzt und Nacken ausrasiert, im Garten stehen wirbeln fünf weitere Frisöre. Außerdem werden warme Suppe und Kaffee über den Tresen gereicht, mit 200 Euro vom Landrat gesponsert, wie Zehra Bavli erzählt. Das DRK hat die Kleiderkammer geöffnet, zwei Angestellte eines Augenoptikers verteilen Lesebrillen. "Für uns ist das das Paradies", sagt Carsten Richter, der mit seiner Frau Nadine in Beverungen drei Salons betreibt. Als Barber Angel möchten die beiden "den Menschen ihr Gesicht zurückgeben". Deshalb hat er sich ins Auto gesetzt und den Einsatz in Paderborn organisiert. Wenn sich wie hier kein Raum finden lässt, wird auch schon mal auf der Straße gearbeitet. Auch "bei Schneetreiben in dicken Jacken", sagt Richter. "Es ist oft sehr emotional" Etwa 250 Mitglieder hat die 2016 gegründete Bruderschaft in Deutschland, Österreich und der Schweiz mittlerweile. Es könnten viel mehr sein, sagt Niccolò Gruhn. Doch "es werden Lebensgeschichten erzählt, das ist oft sehr emotional und nicht jedermanns Sache." Deshalb gibt es für Interessenten zwei Probeeinsätze, bevor sie sich entscheiden, ein Barber Angel zu werden. Mindestens einmal im Monat tauschen sie dafür für drei Stunden ihre Salonkleidung gegen die schwarze Lederkluft.

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