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Im Gespräch: Sigmar Gabriel, Wolfgang Weigel, Michael Dreier, Rudolf Wandsleben (v.l.) - © Marco Schreiber
Im Gespräch: Sigmar Gabriel, Wolfgang Weigel, Michael Dreier, Rudolf Wandsleben (v.l.) | © Marco Schreiber

Paderborn Gabriel ruft in Paderborn zum Mittun auf

Festakt: Warum der Bürgerverein Paderborn den Festakt vom 3. Oktober in den November verschoben hat und was der Festredner damit zu hat

Marco Schreiber
10.11.2018 | Stand 10.11.2018, 16:20 Uhr

Paderborn. Am Ende ging es dann doch um die Deutsche Einheit beim Festakt des Paderborner Bürgervereins. Der Festredner selbst hatte dafür gesorgt, dass vom sonst üblichen 3. Oktober und dem Gedenken an die Wiedervereinigung in diesem Jahr auf den 9. November abgewichen wurde. "Sigmar Gabriel erschien es sinnvoll", erklärte Rudolf Wansleben, Vorsitzender des Bürgervereins. Es gehe um viel mehr, habe Gabriel erklärt, nämlich um einen Schicksalstag der Deutschen. Gabriel selbst reiste im eigenen Auto aus Goslar an und verspätete sich wegen eines unfallbedingten Staus. In gut gelauntem Plauderton berichtete der Ex-Vizekanzler, Ex-Außenminister und ehemalige SPD-Chef von der historischen Nähe seiner Heimatstadt zu Paderborn. Sie verbindet eine über 1000-jährige Geschichte, beide waren Kaisersitz. Geografisch liegt Goslar viel näher am Osten. "Wir haben jeden Tag den Brocken gesehen und nicht geglaubt, dass wir da mal drauf dürfen", sagte der 58-Jährige. Umso erstaunlicher, dass im entfernteren Paderborn ein Bürgerverein jedes Jahr der Einheit gedenke. Zwischen Gutem und Bösen nur kurze Zeit Mit dem Mauerfall am 9. November 1989 hätten "Festspiele der Freiheit" begonnen. Doch nicht nur deswegen ist dieser Novembertag ein "Schicksalstag der Deutschen". Er zeige das Beste im Land und wozu die Menschen leider auch in der Lage seien, so Gabriel. Zwischen dem Guten und dem ganz Bösen liege manchmal nur eine kurze Zeit. Das Gute: Mauerfall und Ausrufung der Republik 1918, verbunden mit der Abdankung des Kaisers. Das Böse: Hitlers Putschversuch 1923, die Reichspogromnacht 1938. "Das helle Licht des Aufbruchs hat nur kurz in Deutschland geleuchtet", sagte Gabriel. 1400 Synagogen und jüdische Gebetshäuser brannten, unzählige Geschäfte wurden zerstört, 400 Menschen getötet. Das sei nicht urplötzlich gekommen. "Erst wurde das Klima vergiftet, dann wurde die Demokratie getötet, dann Menschen." Begonnen habe es mit dem Vergessen der Mitmenschlichkeit. EU streitet nur über Geld Heute lebten wir dagegen in einer "ziemlich gelungenen Gesellschaft". In der EU streite man nur um Geld, es gehe nicht mehr um Leben oder Tod. Diesen Schatz gelte es für die Kinder und Enkel zu bewahren, wozu es des Engagements von Bürgervereinen wie dem Paderborner und aller Menschen bedürfe. Am Ende landete Gabriel bei der Tagespolitik. Das Erstarken der rechtspopulistischen Alternative für Deutschland sieht er auch als Folge der Wiedervereinigung. Wenn jetzt Menschen AfD wählten, dann nicht, weil alle Neonazis seien. "Diese Menschen fühlen sich vergessen, und das zeigen sie uns bei der Wahl", so Gabriel. Man habe die Wiedervereinigung zu sehr als Management-Projekt gehandhabt und zu wenig auf die Biografien der Menschen geachtet. Jedoch sei Demokratie kein Versprechen auf Fehlerlosigkeit, sondern darauf, Fehler gewaltfrei zu korrigieren. Gabriel: "Danke, dass Sie das mit ihrem Bürgerverein am Leben erhalten." Auch dessen Vorsitzender Wansleben rief dazu auf, Mitverantwortung für die Zukunft der Gesellschaft zu übernehmen, "jeder an seinem Platz". Bürgermeister Michael Dreier lud Ehrengast Gabriel dazu ein, sich ins Goldene Buch der Stadt einzutragen.

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