Im Kampf gegen den Schädling: Revierförster Ludger Wieseler entrindet einen gefällten Baum, um den Borkenkäferbefall zu zeigen. Der technische Dezernent des Kreises Paderborn, Martin Hübner, schaut interessiert zu. - © Andreas Götte/nw
Im Kampf gegen den Schädling: Revierförster Ludger Wieseler entrindet einen gefällten Baum, um den Borkenkäferbefall zu zeigen. Der technische Dezernent des Kreises Paderborn, Martin Hübner, schaut interessiert zu. | © Andreas Götte/nw

Kreis Paderborn Paderborner Waldbesitzer befürchten eine wirtschaftliche Katastrophe

Borkenkäfer: Forstwirtschaft kämpft gegen die schlimmste Vermehrung seit 1947. Ein Drittel der Fichten ist bereits betroffen. Schuld ist vor allem die langanhaltende Trockenheit

Andreas Götte
26.09.2018 | Stand 26.09.2018, 15:59 Uhr

Kreis Paderborn. Manch ein Waldspaziergänger wird sich bereits gewundert haben, dass die Fichten in den heimischen Wäldern eine bräunliche Färbung angenommen haben. Mit der natürlichen Verfärbung im Herbst hat das jedoch nichts zu tun. Die Fichten sind massiv vom gefräßigen Borkenkäfer befallen. Und seinem Hunger fallen täglich mehr Fichten, aber auch zunehmend Lärchen zum Opfer. Seit rund acht Wochen geht das schon so. "Wir haben die schlimmste Borkenkäfervermehrung seit 1947", sagt Roland Schockemöhle, Amtsleiter des Regionalforstamtes Hochstift. Aktiv sei neben dem Buchbinder auch der etwas kleinere Kupferstecher. Ein Drittel der heimischen Fichten haben sie schon befallen, und das ist erst der bescheidene Anfang. Der Grund: Das langanhaltende trockene und heiße Wetter der vergangenen Monate. Auch das Jahr 2003 sei extrem gewesen, aber nicht so dramatisch, sagt Schockemöhle. Dank des Orkantiefs Friederike am 18. Januar hätten die Schädlinge zudem genügend Ausgangsmaterial vorgefunden. Ein Borkenkäfer-Weibchen hat nach Angaben von Schockemöhle bis zu 200.000 Nachkommen und das über mehrere Generationen. »Die Borkenkäfer sind sehr schlaue Tiere« Weil den Fichten seit Juli das Wasser fehlt, können sie kein schützendes Harz mehr bilden, so dass die krabbelnden Schädlinge in diesem Jahr nicht wie sonst nur geschwächte, sondern auch gesunde Bäume befallen. Die haben keine Chance, so dass der Waldboden mit ihren grünen Nadeln bedeckt ist. Die langanhaltende Dürre wurde bis in einer Tiefe von 1,80 Meter registriert. "Die Borkenkäfer sind sehr schlaue Tiere und melden ihren Artgenossen, wenn ein Baum besetzt ist, so dass täglich neue Bäume befallen werden", sagt Revierförster Ludger Wieseler, der im Staatswald von Böddeken tätig ist. Nach dem Borkenkäfer hat der Fichtenbock leichtes Spiel. Erste Pilze besiedeln das Holz und sorgen für eine Färbung und damit für einen Qualitätsverlust. Die Nachfrage nach Holz ist da, die Preise gehen in den Keller. "Für die Waldbesitzer ist das eine wirtschaftliche Katastrophe", sagt Martin Hübner, technischer Dezernent beim Kreis Paderborn. Die genaue Schadenshöhe können die Forstleute noch gar nicht beziffern. Jetzt müssen sie zusehen, dass möglichst wenig Borkenkäfer überwintern. "Wir wünschen uns einen knackig kalten Winter mit milden Phasen zwischendurch", sagt Roland Schockemöhle. »Wir kommen gar nicht mehr richtig hinterher« 35 Jahre haben die Forstleute keine Insektizide in heimischen Wäldern eingesetzt. Wegen des Forstschutzes sind sie gezwungen, bereits gefällte Bäume zu begiften. Dabei werden die Bäume einzeln von Schleppern besprüht. Ihr Holz muss dafür tropfnass sein. "Wir kommen gar nicht mehr richtig hinterher", sagt Schockemöhle. Wegen der großen Mengen an Sturmholz seien Sägewerke und Lagerplätze voll. Zudem bestünden kaumnoch Fuhrkapazitäten und die Anzahl der Unternehmer sei begrenzt. Die Fichte gilt als Brotbaum der Forstwirtschaft. Sie ist schnellwachsend und liefert fast nur Nutzholz, so dass sie bei der Wiederaufforstung nach dem Zweiten Weltkrieg eine zentrale Rolle spielte. "So mancher Dachstuhl in London besteht aus Fichtenholz", weiß Schockemöhle. Heute betrage der Fichtenanteil noch ein Drittel mit fallender Tendenz. »Das Gesicht unserer Wälder wird sich verändern« Diese zentrale Rolle wird die Fichte verlieren. Die Forstwirtschaft setzt künftig auf Mischwälder mit der Beimischung von Fichten und die Ansiedlung von Baumarten, die besser dem Klimawandel gewachsen sind, wie beispielsweise Douglasien, Weißtannen und Sicheltannen. "Der Anteil der Nadelbäume wird insgesamt in der Region zurückgehen und sich auch das Gesicht unserer Wälder verändern", prognostiziert Ludger Wieseler. Doch auch das beste Waldbausystem stoße an seine Grenzen, wenn die angestrebten Klimaschutzziele nicht erreicht würden. Beispielsweise im Wald zwischen Büren und Haaren hat der Revierförster unter den Fichten Laubhölzer gepflanzt. Auch gibt es schon Mischkulturen aus Laub- und Nadelbäumen. Im Staatswald werden im übrigen nicht nur wirtschaftliche Ziele verfolgt. Denn der Wald hat auch eine ökologische und eine Erholungsfunktion. Auch wenn Roland Schockemöhle die Ergebnisse der Wiederaufforstung größtenteils nicht mehr erleben wird, macht ihm die Aufgabe Spaß, weil er Entscheidungen für kommende Generationen fällen muss. "Das Setzen auf die Fichte war aus damaliger Sicht richtig", so der Amtsleiter.

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