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Außergewöhnlich: Beim Vogelschießen in Hakenberg hängt der Vogel im Kugelfang an Fäden, die an 15 Glühbirnen befestigt sind. - © Michael Kalus
Außergewöhnlich: Beim Vogelschießen in Hakenberg hängt der Vogel im Kugelfang an Fäden, die an 15 Glühbirnen befestigt sind. | © Michael Kalus

Lichtenau Das wohl kurioseste Vogelschießen im Kreis Paderborn

Lustige Tradition: Beim Heimatschutzverein wird auf bunte Glühbirnen gezielt bis der Adler fällt. Warum es in dem kleinen Dorf mehr Schützenbrüder als Einwohner gibt

Uwe Müller
10.08.2019 | Stand 12.08.2019, 10:43 Uhr

Lichtenau-Hakenberg. Die Schützenvereine im Paderborner Land haben alle ihre ganz eigenen Regeln, Gesetze und Traditionen – zum Teil strenge, zum Teil aber auch sehr lustige und außergewöhnliche. Aus dem Rahmen fällt dabei auf jeden Fall der Heimatschutzverein in Hakenberg. In dem kleinen Ort wird der König auch beim Vogelschießen ermittelt – allerdings wird dabei nicht auf den Vogel gezielt, sondern auf Glühbirnen. „Unser Vogel ist schon über 60 Jahre alt, er hält ewig, denn er wird ja immer verschont", sagt Michael Kalus, Schriftführer des Heimatschutzvereins mit einem Schmunzeln. Der damals vom Tischler Johannes Voss erbaute Adler hängt am sprichwörtlichen seidenen Faden. Im Inneren des etwa 1,20 Meter breiten Holzkranzes sind rundherum 15 bunte Glühbirnen eingeschraubt, mit denen der hölzerne Vogel per Faden verbunden ist. Wer im beschaulichen Hakenberg die Königswürde erringen will, muss beim Vogelschießen die Glühbirne erwischen, an der der letzte Faden hängt. Es ist immer eine Überraschung, wer König wird „Das ist aber nicht so einfach", erklärt Kalus, „denn manchmal ist der Faden an der Glühbirne befestigt und manchmal an der Fassung – das ist das Gimmick." Somit ist es immer eine Überraschung, wer am Ende auf den Schultern der Schützenbrüder bejubelt wird. Wer genau diese interessante Idee hatte, ist nicht überliefert - sie wird aber seit Jahrzehnten hochgehalten. Nach dem Tod von Voss übernahm Bernhard Beseler das Amt des Vogelbauers. Aber ein bisschen ist das Hakenberger Schießen doch normal – die am Vogel befestigten Insignien wie Apfel, Zepter und Krone müssen mit dem Luftgewehr direkt vom Vogel abgeschossen werden. Aber Hakenberg wäre nicht Hakenberg, wenn nicht unterhalb des Vogels fünf kleine Fässchen angebracht wären. Wer das mittlere abschießt ist der Bierfasskönig und bekommt einen Orden, wer die anderen abräumt muss 30 Liter Bier auf der Generalversammlung geben. Was noch einzigartig ist Und noch etwas ist einzigartig in der Lichtenauer Ortschaft. Selbst bei Regenwetter ist das Vogelschießen kein Problem, denn es wird aus dem Zelt heraus auf den Vogel geschossen, der draußen etwa fünf Meter entfernt in einem Kugelfang aufgehängt ist. „Und im Zelt haben fast alle beste Sicht und können das Schießen verfolgen", beschreibt Kalus die Vorzüge. Er aber auch weiß, dass früher der Schützenkönig ähnlich kurios ermittelt wurde. Als der Verein 1921 gegründet wurde, zielten die Schützen noch auf eine Scheibe. Nach dem 2. Weltkrieg gab es von Seiten der Alliierten Auflagen, so dass nicht mehr geschossen werden durfte. Die Hakenberger waren findig. „Vor dem Wald wurde ein Holzvogel auf eine Eisenstange gedreht und der musste mit Keulen abgeworfen werden", weiß der Schriftführer aus Erzählungen. Warum der Brauch bald Geschichte sein könnte Danach kam die Idee auf, auf Glühbirnen zu schießen. Da die herkömmlichen Glühlampen seit zehn Jahren nicht mehr hergestellt werden dürfen, könnte aber auch der traditionelle Brauch der Hakenberger bald Geschichte sein. Doch der Vorstand war vorausschauend und hat über 100 Stück bei Ebay noch erworben. Somit kann auch im kommenden Jahr wieder auf die bunten Lampen geschossen werden. Denn obwohl Hakenberg nur 170 Einwohner hat, ist der Schützenverein sehr lebendig – auch wegen der urigen Traditionen. „Wir haben aktuell 254 Schützenbrüder, auch viele Lichtenauer sind bei uns Mitglied – es ist Prestige bei uns in den Verein zu gehen. Unser Zeltfest ist immer sehr familiär und allgemein haben wir einen sehr guten Zusammenhalt im Dorf", erklärt Michael Kalus, der zusammen mit seinen Vorstandskollegen schon das große Jubiläum 2021 plant. Zum 100-jährigen Bestehens des Heimatschutzvereins wird dann wie bei vielen anderen Vereinen auf einen hochziehbaren Vogel geschossen. „Das wird das Kaiserschießen. Aber unseren König werden wir auf die alte Art und Weise schießen", unterstreicht Kalus die Tradition. Das kleine Hakenberg bleibt also weiterhin einzigartig.

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