Meike Strathoff betreut als Klassenlehrerin die Schüler von der 1. bis zur 8. Klassenstufe. - © Marco Schreiber
Meike Strathoff betreut als Klassenlehrerin die Schüler von der 1. bis zur 8. Klassenstufe. | © Marco Schreiber

Borchen Ohne Noten zum Abitur: 100 Jahre Waldorf-Schulen

Heute werden Kinder weltweit nach den Ideen Rudolf Steiners unterrichtet – auch im Kreis Paderborn.

Marco Schreiber
02.06.2019 | Stand 02.06.2019, 15:44 Uhr

Borchen. An der Waldorfschule beginnt der Tag mit einem gemeinsamen Spruch, Schulgründer Rudolf Steiner hat ihn vor 100 Jahren notiert. „Der Sonne liebes Licht, es hellet mir den Tag; der Seele Geistesmacht, sie gibt den Gliedern Kraft..." Mit diesen Versen startet auch die vierte Klasse von Meike Strathoff an der Rudolf-Steiner-Schule Schloss Hamborn (Borchen) in den Hauptunterricht. Die Tische sind an die Wände gerückt, die Kinder sitzen mit ihrer Lehrerin und zwei Praktikantinnen im Kreis. An einer Wand hängen selbst gemalte Bilder von Tintenfischen, rot auf blau. Daneben die Klassenregeln auf zwei Bahnen Papier. Nicht streiten, trösten und helfen, bei „Stopp" sofort aufhören. Frieden schließen. 105 Minuten dauert der tägliche Hauptunterricht, „ein Grundprinzip an allen Waldorfschulen", sagt Lehrerin Strathoff. Dann folgt Fachunterricht. Ein weiteres Grundprinzip sind die „Epochen": Statt im Wochenrhythmus alle Fächer zu unterrichten, wird an Waldorfschulen monatlich gewechselt. Für Hauptfächer wie Deutsch und Mathe sind in einem Schuljahr zwei Epochen reserviert, Nebenfächer wie Geografie oder Physik finden je einmal statt. In den unteren Klassen wechseln sich so alle vier Wochen Rechnen, Schreiben, Geschichte oder Tierkunde ab. Lehrer als "geliebte Autorität" Meike Strathoff wird die Schüler bis zur achten Klasse im Hauptunterricht begleiten, auch das ein Grundprinzip der Waldorfschulen. „Es ermöglicht uns Kontinuität", sagt die 61-Jährige. Das ist ganz im Sinne des Schulgründers Steiner, der sich Schüler und Lehrer als Schicksalsgemeinschaft vorstellte und den Pädagogen als „geliebte Autorität". Waldorflehrer Erhard Hofmann versteht darunter ein „Vorbild, das mit seinem Wirken Anerkennung findet". Der 61-Jährige unterrichtet seit 1989 in Schloss Hamborn. Ihm gefällt „die unheimliche Freiheit an pädagogischen Möglichkeiten" – Waldorf kennt keinen festgelegten Lehrplan und sieht Bildung als Prozess. „Lehrer sind auch Entwicklungsbegleiter", sagt der studierte Gymnasiallehrer. Bei vielen Eltern komme dieser ganzheitliche Ansatz an, erklärt der Paderborner Bildungsforscher Ulrich Schwerdt. „Das nehmen Eltern positiv wahr", sagt der Autor des „Handbuchs der Reformpädagogik". Positiv wahrgenommen werde auch das Prinzip der Entwicklungsgemäßheit: Der Unterricht wird dem jeweiligen Entwicklungsstand angepasst. "Wir haben brillante Abiturergebnisse" Schulgründer Steiner stellte sich diese Entwicklung in Siebenjahresschritten vor. Eine sehr spezielle Sicht, die wissenschaftlich überholt sei, sagt Schwerdt. „Die Lernpsychologie hat sich weiter entwickelt." Die reformpädagogischen Grundgedanken Steiners hingegen seien auch heute noch aktuell, wobei seine anthroposophische Weltanschauung regelmäßig polarisiert. „Für die Wissenschaft sind Steiners anti-aufklärerische Gedanken äußerst schwierig", so Schwerdt. Waldorflehrer Hofmann nimmt solche Vorwürfe gelassen und verweist auf den Bildungserfolg. „Am Ende erzielen wir mir unserer Andersartigkeit eine Gleichwertigkeit", so Hofmann. „Wir haben brillante Abiturergebnisse." Und das ohne Sitzenbleiben und ohne Noten bis zur Oberstufe. Stattdessen schätzt der Lehrer die Schüler schriftlich ein und gibt ihnen einen Zeugnisspruch mit auf den Weg.

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