Ruth Steffen ist glücklich: In ihrer Borchener Wohnung zeigt sie Fotos „ ihrer" Familie in Bangladesch. Die beiden Kinder des Adoptivsohnes heißen Ruth und Wilhelm (nach dem Vater von Frau Steffen). - © Kristoffer Fillies
Ruth Steffen ist glücklich: In ihrer Borchener Wohnung zeigt sie Fotos „ ihrer" Familie in Bangladesch. Die beiden Kinder des Adoptivsohnes heißen Ruth und Wilhelm (nach dem Vater von Frau Steffen). | © Kristoffer Fillies

Hilfe über Grenzen hinweg Diese 91-Jährige aus Borchen hat einen Asylbewerber adoptiert

Ruth Steffen (91) aus Borchen half vor vielen Jahren einem Asylbewerber aus Bangladesch auf nicht alltägliche Weise: Sie adoptierte ihn. Was danach geschah, klingt wie ein Märchen.

Borchen. Es gibt Geschichten, die klingen zu schön, um wahr zu sein. Und doch sind sie Realität und passieren sogar vor unserer Haustür. Solch eine Geschichte ist die von Ruth Steffen aus Borchen. Es war das Jahr 1986, das das Leben der heute 91-jährigen, pensionierten Lehrerin Ruth Steffen grundlegend veränderte. Da traf sie auf den seinerzeit 30-jährigen Habibur Rahman, genannt Habib. „Ich habe ihn auf der Straße gesehen, in jämmerlicher Verfassung", erinnert sie sich noch heute genau an diese Situation. Da erwachte in Ruth Steffen der Wunsch, diesem Mann zu helfen. Wie sich herausstellte, war Rahman ein Asylbewerber aus Bangladesch. Steffen besuchte ihn in seinem mehr als bescheidenen Quartier. „Habib ist mir freundlich entgegengekommen und hat mir einen Stuhl angeboten." Der zurückhaltende, sympathische Mann bat selbst nie um irgendwelche Unterstützung. Doch er war beliebt im Ort, ging zum Lauftreff des SC Borchen. Es entstand der gemeinsame Wunsch vieler Borchener, Rahman zu unterstützen. Die politischen Turbulenzen in seinem Heimatland hatten Rahman dazu bewogen, in Deutschland um Asyl zu bitten. Das Mitglied einer liberalen Partei hatte den Bürgermeister seines Heimatdorfes Birgaon der Korruption bezichtigt. Ihm drohte deshalb lebenslange Haft, wie Steffen berichtet. Rahman wollte im Ausland leben, bis der betreffende Politiker dafür gerichtlich zur Rechenschaft gezogen würde. Habib Rahman setzt das soziale Engagement in seiner Heimat fort Doch nach zwei Jahren in Deutschland drohte Rahman die Abschiebung. Nun war es für Ruth Steffen Zeit, zu handeln. „Eine Adoption kam ins Gespräch." Der Weg dorthin war steinig, wie sie berichtet. Doch schließlich entscheidet das Familiengericht positiv; Ruth Steffen ist nun Adoptivmutter Rahmans. Der Bangladeschi darf dennoch nicht ganzjährig in Deutschland bleiben, lebt die meiste Zeit wieder in seiner Heimat. Und dort setzt Rahman das soziale Engagement, das seine Adoptivmutter in ihm geweckt hatte, in die Realität um. Er richtete nach einer verheerenden Flutkatastrophe Reisküchen für die notleidende Bevölkerung ein und fiel damit den Behörden positiv auf. Mit ihrer Unterstützung konnte er des Weiteren Großprojekte wie die Straßenanbindung und die Elektrifizierung seines Heimatdorfes stemmen. Er richtete zur besseren Proteinversorgung einen Karpfenteich ein, den er liebevoll „Onkel Wilhelms Karpfenteich" nannte und versorgte das Dorf mit einer Krankenstation und einem Sportplatz für die Jugend. "Ich konnte ihm durch Geldmittel helfen, dass er Karriere machen konnte" Das vielleicht größte Projekt, das Rahman, und im Hintergrund Ruth Steffen initiierte, war die schulische Weiterbildung für Mädchen: Er konnte 2014 ein Mädchencollege für 130 Schülerinnen einweihen. Auf seinem eigenen Werdegang handelte er erst mit Düngemitteln, später baute er eine Aussteuer-Kofferfabrik auf, die 50 Arbeitsplätze bietet. „Ich konnte ihm durch Geldmittel helfen, dass er eine Karriere machen konnte", fasst Ruth Steffen zusammen. Rahman heiratet und bekommt mit seiner Frau drei Kinder. Alle machen, mit Steffens Unterstützung, sehr gute Schulabschlüsse und können danach studieren, sogar in den USA, wie die Borchenerin erzählt. Shahad William, Malisa Rahel und Maisha Ruth leben heute in New York. Rahman und seine Kinder besuchten Steffen und die in Bielefeld lebende Schwester der Borchenerin, Elisabeth Steffen. „Zu meinem 90. Geburtstag war er hier. Er und seine Kinder haben sich hier wunderbar integriert und wohl gefühlt", berichtet Ruth Steffen. „Ich bin von Dank erfüllt, dass das alles möglich geworden ist" Vor einigen Jahren fuhr Ruth auch nach Bangladesch, um sich ein Bild von der Situation Rahmans in seiner Heimat zu machen. „Die Eltern arbeiteten zwölf Stunden am Tag, nur damit die Kinder zur Schule gehen können", erzählt Ruth Steffen. Häufig hat sie mit ihrem Adoptivsohn telefonischen Kontakt. „Ich bin von Dank erfüllt, dass das alles möglich geworden ist", sagt sie. Und natürlich wird sie zugleich nachdenklich, wenn sie wahrnimmt, welche Feindseligkeit Asylbewerbern in Deutschland hier und da entgegenschlägt. „Mit Entsetzen verfolge ich die aktuelle Diskussion." In Deutschland würden zu wenig Kinder geboren, Zuwanderer mit guter Qualifikation könnten das Land nach vorne bringen, findet sie. Ihre Einstellung, Menschen in Not zu helfen, behält Ruth Steffen bei. „Ich bekomme jetzt Rente, die brauche ich nicht auf. Das Geld kann ich so investieren, dass Kinder eine Zukunft haben." Aktuell unterstützt sie eine Familie aus dem Kosovo, die ebenfalls um Asyl gebeten hat, dabei, dass die Kinder zur Schule gehen können. „Man muss sich auf menschlicher Basis begegnen. Dann ist doch alles gut, oder?"

realisiert durch evolver group